Richard Yates' "Cold Spring Harbor" Eine Ode an die Verlierer

Keiner schrieb so meisterhaft über das Scheitern amerikanischer Mittelstandsträume wie Richard Yates. Nun erscheint sein letzter Roman auf Deutsch.

Richard Yates (1926-1992): Ein weiteres stilles Meisterwerk
Jerry Bauer

Richard Yates (1926-1992): Ein weiteres stilles Meisterwerk


Eine Frau mittleren Alters, die sich immer unwohl fühlt, kaum vor das Haus geht, die Bourbon trinkt mit Wasser und einem doppelten Schuss Whiskey. Grace lebt mit ihrem Mann Charles in einer New Yorker Vorstadt auf Long Island; ein Mann, der sie nur noch ungern ansieht - "weil sie erbärmlich aussehen würde: schwerfällig, unzufrieden, still um den Verlust ihrer selbst trauernd".

Das Setting, die Sprache: Das alles ist Richard Yates (1926-1992) pur, niemand hat die amerikanische Mittelschicht der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts besser porträtiert als der Erzählgigant, der eine ganze Autorengeneration maßgeblich beeinflusste und Richard Ford, Stewart O'Nan und Raymond Carver zu seinen Bewunderern zählte. Mit "Cold Spring Harbor" erscheint nun der neunte und letzte Roman von Yates auf Deutsch, womit die DVA-Werkausgabe komplett ist.

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"Cold Spring Harbor" ist ein weiteres stilles Meisterwerk des verstetigten Scheiterns, das wie in Zeitlupe vorüber zieht. Verblassende Träume, versiegende Chancen, der Wille, aus der familiären Misere herauszukommen - die Themen werden in dem 1986 im Original erschienenen Mehr-Generationen-Roman auf gewohnte Weise in unerbittlich, aber nicht ohne Sympathie beschriebener Tristesse gesetzt.

Mit Charakteren wie Grace und Charles als Tragöden des Alltags, die die eigene Ziellosigkeit an ihre Kinder vererben. In einer durchlässigen Gesellschaft, in der nach dem unbedingten Glauben der Amerikaner jeder das werden kann, was er werden will, lauert schon nach der High School der Diner oder die Werkzeugmaschinenfabrik. Die in ihrer Trostlosigkeit faszinierendste Figur in "Cold Spring Harbor" ist Gloria Drake, eine vom ewigen Aufstiegsglauben beseelte, alleinerziehende Mutter mit Standesdünkel, auch sie eine Trinkerin. Im nicht enden wollenden Geplapper beim geselligen Zusammensein mit vollen Gläsern schwätzt sie die Leere ihrer Existenz hinfort.

In "Worte, die mit 'psych' beginnen", habe er "nicht das geringste Vertrauen", hält die Romanfigur Charles einmal einem Arzt entgegen. Es ist der Menschenkenner und Erkunder der Seele Richard Yates, dem der Leser wiederum jedes Vertrauen entgegenbringt. Ehebruch, Trunksucht, beruflicher Misserfolg, und am Ende manchmal doch ein Ausweg: Yates leuchtet allen den Weg heim, den Gewinnern, vor allem aber den Verlierern.

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