Familienroman Die Ehe endgültig an die Wand fahren

Die Filmemacherin Sonja Heiss entwirft in ihrem Romandebüt "Rimini" ein Patchwork der Niederlagen und Neurosen - ein radikaler Abgesang auf traditionelle Familienstrukturen.

Die Berliner Filmemacherin und Autorin Sonja Heiss
Till Janz

Die Berliner Filmemacherin und Autorin Sonja Heiss


Es gibt Romane, nach deren Lektüre man froh ist, wieder ins wahre Leben zurückkehren zu können. An jenen Ort, den man kennt und an dem man sich sicher fühlt, geborgen. Weil man das, was den Protagonisten widerfährt, zwar irgendwie zu kennen glaubt - genau so aber lieber nicht erleben möchte.

"Rimini", der erste Roman der Berliner Filmemacherin Sonja Heiss, ist so ein Buch, bei dessen Lektüre einem abwechselnd heiß und kalt hinter der Stirn wird. Denn genauer, schonungsloser und zugleich anrührender ist hierzulande lange nicht beschrieben worden, wie eine Familie, hier die Armins, nie als solche funktioniert und trotzdem verbissen darum kämpft, irgendwie als eine solche zu erscheinen.

Und man muss schon bis zu Nicolas Borns exorzistischem Roman "Die erdabgewandte Seite der Geschichte" oder einem Ludwig Fels in der Bestform der Achtzigerjahre zurückgehen, um etwas zu finden, das innerhalb der deutschen Literatur der vergangenen 25 oder 30 Jahre vergleichbar realistisch-radikal erscheint.

Preisabfragezeitpunkt:
12.12.2019, 22:14 Uhr
Ohne Gewähr

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Heiss, Sonja
Rimini: Roman

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
400
Preis:
19,97 €

Denn "Rimini" ist radikal. Und klinisch kühl beobachtet und oftmals bitterkomisch dazu. Ein verrückter Mix, der mit seiner geschmeidigen Sprache vorführt, wie mitreißend Literatur sein kann, die furchtlos in die menschlichen Abgründe späht. Und mag es darin auch so heillos gestört zugehen wie in den Leben der Protagonisten. Wer sich aber einlässt auf all den normalen Wahnsinn, der geht am Ende mit dem Gefühl aus der Lektüre hervor, beschenkt und bereichert worden zu sein. Als hätte ihm jemand endlich die Augen darüber geöffnet, wie Familie sein kann - und vor allem, weshalb.

Vor sechs Jahren erschien Sonja Heiss' Storyband "Das Glück geht aus". Darin deutete die 1976 in München geborene Schriftstellerin und Regisseurin, die zuletzt mit ihrer Filmkomödie "Hedi Schneider steckt fest" Erfolge feierte, an, wozu sie literarisch fähig sein könnte. Denn dass sie das schreiberische Rüstzeug für einen Wurf wie "Rimini" besitzt, das konnte man damals schon sehen.

Nun hat sie sich getraut und das Tableau einer Familie errichtet, die - ähnlich wie die Lamberts in Jonathan Franzens Welterfolg "Die Korrekturen" - mit sich selbst und den Folgen ihrer einst begangenen Fehler im Clinch liegt - und darüber langsam zerbricht.

Die dauernde Schwermut

Die Handlung, die aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird, setzt ein, als Hans Armins Existenz ihren Tiefpunkt erreicht hat: Denn statt mit den gegnerischen Parteien zu streiten, schlägt sich der Advokat mit seiner geradezu irrwitzigen Wut herum, die ihn zuhauf Bleistifte zerbrechen und Fotokopierer attackieren lässt. Seine Frau Ellen schickt ihn deswegen zum Therapeuten mit dem Resultat, dass Hans sich in Frau Doktor Mandel-Minkic verliebt - und darüber seine Ehe endgültig an die Wand fährt. "Du kannst noch nicht mal eine Therapie machen, ohne dass irgendein Scheiß passiert." Nein. Kann er offenbar nicht.

Hans' Schwester Masha, eine glücklose Schauspielerin, verspürt kurz vor ihrem 40. Geburtstag plötzlich den dringenden Wunsch nach einem Kind. Doch weil sie ihren langjährigen Freund Georg, einen Arzt, der dafür infrage käme, buchstäblich nicht mehr riechen kann, sucht sie in wechselnden, irrwitzigen Bettgeschichten nach einem anderen möglichen Kindsvater. Leider erfolglos. Also landet sie am Ende doch wieder bei Georg und wird schwanger - die große Erlösung aus ihrer Fühllosigkeit aber findet sie trotzdem nicht. "Denn Empathie war etwas, das in ihrer Familie wahrscheinlich genetisch ausgeschlossen war, eine Eigenschaft, die sicherlich schon ihre Ahnen nicht aufgewiesen hatten."

Und dass Hans' und Mashas in Frankfurt lebende Eltern Barbara und Alexander, zu denen die Erzählerin immer wieder hinüberblendet, morgens wie zwei zerzauste Gladiatoren sprachlos um den Toaster kreisen, macht die Lage nicht besser. Alexander kauft einen Wellensittich, damit er seiner dauernden Schwermut nicht alleine ausgesetzt bleibt.

Denn Barbara liegt tagelang depressiv im abgedunkelten Zimmer - und sinnt jenem, zurück in ein fernes Sechzigerjahre-Rimini führenden Familiengeheimnis nach, das wie ein Gewitter lange über allem dräut, ehe es sich am Ende mit Alexanders Tod - und dem des Wellensittichs - über den Armins entlädt. All das montiert die Autorin zu einem furiosen Patchwork der Niederlagen und bitteren Einsichten. Mit großer Zuneigung für ihre Figuren - und stets um deren zerfasernde Würde bemüht.

"Sie hatte mal gehört, es gäbe ein Geräusch, wenn die Seele endgültig entweiche" heißt es von Barbara, nachdem Alexander sich sterbend davon gemacht hat. Was dieser Roman aber vor allem mal als zartes Wispern, mal als Kriegsgetöse hörbar macht, ist das dissonante Davor, das in den zerrissenen Seelen der Armins lärmt und tobt.



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