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11. April 2019, 16:19 Uhr

Erbin eines Drogenimperiums

Raus aus der Opferrolle

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Als Drogenboss von Nordkalifornien hat er seine Tochter abgerichtet wie einen Kampfhund. Nun soll sie übernehmen. Auch Autorin Tess Sharpe erobert im Roman "River of Violence" männlich dominiertes Territorium.

Ein McKenna gibt nicht nach. Ein McKenna tötet, wenn es nötig ist. Ein McKenna kennt keine Gnade. Und vor allem: Mit einem McKenna legt man sich nicht an. Das ist die erste Regel, und nach der haben sich die Menschen im North County zu richten. Oder sie werden es bereuen.

Doch das alles ändert sich jetzt. Duke McKenna, der ehemals allmächtige Patriarch, liegt im Sterben - was niemand wissen darf, weil sonst ein Krieg um seine Nachfolge losbrechen würde. Neonazis, Kartelle und Rockergangs warten nur auf ein Zeichen der Schwäche, um endlich loszuschlagen. Eine volatile Situation, aber Harley, gerade mal 22 Jahre alt, hat einen verwegenen Plan gefasst, um den Kreislauf aus Mord und Rache, um vor allem die generationenalte Fehde zwischen dem McKenna- und dem Springfield-Clan zu beenden, die ihre Mutter das Leben kostete.

Die US-Autorin Tess Sharpe, die mit "River of Violence" nach vier young adult novels ihr Erwachsenendebüt geschrieben hat, treibt das Tempo. Immer rasanter überstürzen sich die Ereignisse; innerhalb von drei Tagen wird Harley das gesamte North County auf links gedreht haben.

Aber zwischendurch tritt Sharpe immer wieder auf die Erzählbremse, auf jedes Kapitel im Jetzt folgt eines, das zeigt, wie Harley so wurde, wie sie ist. Wie sie als Achtjährige das erste Mal sieht, dass ihr Vater einen Konkurrenten foltert und umbringt, wie sie ihre Mutter sterben sieht, wie sie selbst lernt zu töten. Und vor allem, wie Duke seine Tochter darauf vorbereitet, selbst auf sich aufzupassen, sie drillt und abrichtet wie Busy, den Kampfhund, der immer an Harleys Seite bleibt.

Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung

Es ist eine manchmal herzzerreißende history of violence, die Sharpe hier erzählt, und sie begibt sich auf bislang männlich dominiertes Erzähl-Territorium. Testosterongesteuerte Hinterwäldler, die in Wohnwagen Drogen kochen und die so weit außerhalb der Gesellschaft leben, dass sie nicht zwischen Trump und Clinton wählen, sondern höchstens zwischen Jim Beam und Jack Daniel's: Unzählige, fast ausnahmslos von Männern geschriebene Country Noirs haben dieses prekäre Milieu ausgeschlachtet, oft auf eher bescheidenem literarischem Niveau.

Der sterbende Vater, der, seiner Macht und Würde beraubt, hilflos im Bett liegt, während seine Tochter die neuen Regeln etabliert - das ist eine klare Ansage. Nicht nur, dass Sharpe die Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung erzählt, ihr Roman ist selbst eine. Sie fügt sich nicht den Regeln, die bislang für den Country Noir galten. Ihr geht es nicht um permanente Eskalation und die Produktion sich immer höher türmender Leichenberge gepaart mit Hinterwäldler-Folklore.

Sharpe, die selbst im ländlichen Nordkalifornien aufgewachsen ist und wieder in ihrer Heimatstadt lebt, schickt ihre Heldin auf die Suche nach einer Alternative zu dem ewigen Kreislauf aus Drogenkonsum, Abstumpfung und Gewalt. Wenn sie das schon im richtigen Leben nicht hinbekomme, sagte Sharpe in einem Interview, dann wenigstens in der Fiktion.

Es geht Sharpe vor allem darum, Frauen einen Weg aus der Opferrolle aufzuzeigen. Wieder und wieder hat sie erlebt, wie Frauen zu emotionalen Wracks geprügelt wurden, wie sie sich nicht gewehrt haben gegen die männliche Gewalt, wie ihr einziger Ausweg Drogen und Alkohol waren, wie sie im schlimmsten Fall selbst gewalttätig gegen die eigenen Kinder wurden.

Für diese Frauen lässt Sharpe ihre Heldin kämpfen. Harley muss sich gegen eine Männerriege durchsetzen, die sie bestenfalls für "nur ein Mädchen", oft aber auch für eine "hirnlose Tittenträgerin" halten. Fehleinschätzungen, die ihr zugutekommen werden.

Man folgt Harley gebannt auf ihrem Feldzug, auch wenn dem Roman mit seinen mehr als 500 Seiten einige Kürzungen gut getan hätten. Aber über ein paar Längen lässt sich locker hinweglesen. Weil Sharpe ein exzellentes Gespür für Rhythmus besitzt. Weil sie eine erzählerische Wucht entwickelt, der man sich nicht entziehen kann. Und weil Harley McKenna eine Figur ist, wie es sie bislang im Krimigenre ganz selten gab.

Weder Opfer noch Rachegöttin, folgt sie kompromisslos ihrer Idee. Als wäre sie eine Schwester von Ree Dolly, der starrsinnigen Heldin in Daniel Woodrells "Winters Knochen", der schon so vielen Romanen aus dem ländlichen Milieu Pate gestanden hat, aber immer noch unerreicht ist.

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