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04. Februar 2014, 11:01 Uhr

Koks-Buch von Roberto Saviano

Die Macht des Narcokapitalismus

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Koks regiert die Welt, behauptet der Bestsellerautor Roberto Saviano. In "Zero Zero Zero" zeichnet der Mafia-Experte die weltweiten Wege des Pulvers nach - von Kettensägenmassakern in Mexiko bis hin zu den Bankhäusern in New York oder London.

Standen Sie schon mal auf einer Party herum und hatten das Gefühl, Sie seien der einzige Gast, der nicht gekokst hat? Dieses Gefühl könnte sich beim Lesen von Roberto Savianos Buch "Zero Zero Zero", einem 480-Seiten-Dossier über die Macht des Pulvers, auch einstellen. Alleine vier Seiten braucht der Autor, um all die Kenn- und Kosewörter für die Weiße Lady rund um den Globus aufzuzählen; vier weitere Seiten, um aufzulisten, in welchen gesellschaftlichen Kreisen Kokain seines Erachtens konsumiert wird. In allen nämlich.

Der Italiener Saviano, 1979 in Neapel geboren, erlangte mit seinem 2006 erschienenen Mafia-Buch "Gomorrha" Berühmtheit. Inzwischen wurde es nicht nur fürs Kino verfilmt, sondern auch für eine große, teure Serie adaptiert, die im Sommer international anläuft. Savianos Vorlage war zur Hälfte journalistische Reportage und zur Hälfte Fiktion. Die Bosse der Mafia fühlten sich darin so realitätsnah repräsentiert, dass sie zur Jagd auf ihn bliesen. Seitdem steht er unter Personenschutz und wechselt alle zwei Tage seinen Aufenthaltsort.

Was Nach- und Vorteile für die Recherche zum neuen Buch "Zero Zero Zero" gehabt haben dürfte. Einerseits ist es ungünstig, wenn man bei vertraulichen Treffen mit Informanten einen schwerbewaffneten Gorilla dabei hat. Andererseits half die forcierte Mobilität dem Autor dabei, seinem Hauptprotagonisten auf den Fersen zu bleiben. Denn Kokain, so Savianos Kernbotschaft, rastet nicht. Egal, wer sich dieser Macht entgegenstellt: Der White Boy findet immer einen Weg an seinem Widersacher vorbei. Wenn er ihn nicht sogar vernichtet.

Nase um Nase zur Weltherrschaft

So geht es in Savianos Buch von Kettensägenmassakern in mexikanischen Grenzkaffs zu Aktienschiebereien an der Wall Street und aus dem blutgetränkten Dschungel Kolumbiens direkt ins Londoner Bankenviertel. Gelegentlich ahmt der Autor - bewusst oder unbewusst? - die Sprache des Kokains nach. Atemlos listet er eine Grausamkeit nach der anderen auf, ohne dass der Leser weiß, wohin das alles führen soll. Man fühlt sich eben wie ein nüchterner Partygast, der einem kokainbefeuerten Gesprächspartner bei einer atem- und endlosen Geschichte zuhört und auf die Pointe wartet.

Erst später setzt sich das Buch, doch sehr pointiert, zu einem Ganzen zusammen. Saviano zeigt auf, wie beim Koks und seinen globalen Verbreitungs- und Verwertungszusammenhängen unterschiedliche Faktoren zusammenspielen: Anarchie und System, Übermaß und Kontrolle. Der Narcodollar wächst auf höchst unübersichtlichem Terrain.

Los geht Savianos Drogenreise in Mexiko, wo auf grotesk grausame Weise die Kartelle ihre Macht ausbauen. Während etwa das Golf-Kartell bei seinen blutigen Massenhinrichtungen "nur" Gegner tötet, morden die konkurrierenden Zetas scheinbar ziellos. Einfach nur um Schrecken und Chaos zu verbreiten. Immer wieder werden neue Rekorde der Bestialität aufgestellt. Über ganze Seiten protokolliert Saviano minutiös Containerladungen von verstümmelten, geköpften und halbverbrannten Mordopfern.

Im Februar 2013 erklärte die neue Regierung, dass der mexikanische Drogenkrieg in den sechs Jahren der Präsidentschaft von Felipe Calderón rund 70.000 Menschenleben gefordert habe. Eine genaue Zahl könne nicht genannt werden, am Ende der Legislaturperiode wurde keine Statistik mehr geführt.

Narcoterrorismus trifft auf Narcokapitalismus

Hinter den Taten stehen Männer mit Namen, die so unwirklich klingen wie die von Comic-Charakteren. "Der Kurze", "Die Sau", "Der Trottel". Der wirtschaftliche Einfluss dieser Comic-Charaktere ist aber sehr real. So schaffte es der 1,55 Meter große Pate des Sinaloa-Kartells, Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo", eben "Der Kurze", 2009 auf Platz 41 der 67 "mächtigsten Menschen der Welt" des US-Wirtschaftsmagazin "Forbes".

Hier entwickelt Savianos Buch seine analytische Wucht. Er zeigt die Schnittstelle von entfesseltem Narcoterrorismus und entfesseltem Narcokapitalismus und zeichnet die globalen Drogen- und Geldströme nach, die im großen Maße von den Kartellen in Mexiko gelenkt werden. Kolumbien, wo in den Achtzigern das Medellín-Kartell erstmals das Geschäft mit dem Kokain nach industriellen Maßstäben betrieben hat, ist längst nicht mehr Weltmarktführer - obwohl 60 Prozent des weltweiten Kokains weiterhin hier produziert werden. "Heute", so heißt es an einer Stelle trocken, "ist das Sinaloa-Kartell am Coca-Anbau und bei der Herstellung von Kokainpaste und Kokain in Kolumbien in derselben Weise beteiligt wie die Weltkonzerne am Anbau und der Verbreitung von Südfrüchten."

Und was passiert mit all den auf diese Weise zusammengerafften Dollarbündeln? Saviano zitiert Untersuchungen, nach denen 97,4 Prozent der Einkünfte aus dem Drogenhandel in Kolumbien über US-amerikanische und europäische Banken gewaschen werden. Ein großer Teil der Narcodollar landet so im legalen Wirtschaftssystem.

Eine Tatsache, aus der Saviano eine kühne These ableitet: Ohne die Investitionen der Drogenbosse hätte die Finanzkrise 2008/2009 viel härter zugeschlagen. Immerhin, so der Autor, machten die Gewinne der Narcoindustrie mehr als ein Drittel der Verluste des Bankensystems aus, die der Internationale Währungsfonds für 2009 angegeben hat. Das echte Geld der Kokain-Schattenwirtschaft könnte so das Zünglein an der Waage bilden, damit das Finanzsystem Bestand hat.

Und so untermauert Saviano seine ungeheuerliche Behauptung: Irgendwie jeder partizipiert am Wirken des Weißen Drachen. Koks, die Hoffnung der geprellten Kleinsparer.

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