Rocko Schamonis St.-Pauli-Roman Beat folgt auf Bums - und doch fehlt der Wumms

Eigentlich kritisiert Rocko Schamoni die Disneyfizierung von St. Pauli - doch sein neuer Roman "Große Freiheit" dürfte beim Hamburg-Marketing für Champagnerlaune sorgen: Er ist ein biederer Mythenverstärker.

imago/ serienlicht

Auf den ersten Blick macht die Reeperbahn in Hamburg nicht viel her - uneinheitliche Bebauung, Leerstand, Schmuddel, Verkehr auf vier Spuren. Auch auf den zweiten Blick, nachts, wird's kaum beeindruckender. Immerhin ist die Trostlosigkeit dann in gnädiges Neonlicht getaucht, und wer ein paar Promille im Blut hat, darf sich einbilden, für ein paar Stunden wild und gefährlich zu leben.

Es gibt noch - mindestens - einen dritten Blick auf St. Pauli, auf ein Viertel, dessen Bewohner sein dürfen, wie und was sie sein wollen. In dem Künstler zu Hause sind und Schriftsteller und Transsexuelle, und wo der Pastor die Kirche schon mal monatelang zum Geflüchtetenheim umfunktioniert.

Doch vor allem ist St. Pauli ein Mythos, und damit das so bleibt, strickt eine Marketingmaschinerie daran, diesen am Leben zu erhalten. Ein bisschen Rotlicht-Nostalgie, ein bisschen frech, ein bisschen frei. Einer, der bislang komplett unverdächtig war, Teil dieser Disneyfizierung zu sein, ist der Musiker, Schriftsteller und Gastronom Rocko Schamoni. "Alles, was dumm und scheiße ist", fände auf St. Pauli statt, hat er einmal anlässlich des Schlagermoves verkündet. Überhaupt hat er viel zum Viertel zu sagen, und meistens ist es das Richtige.

Reiseführerhafte Exposition

Entsprechend hoch waren die Erwartungen, als bekannt wurde, dass Schamoni einen Roman über das St. Pauli der frühen Sechziger schreibt. Eine Zeit, in der die Prostitution weiter professionalisiert wurde und die Beat-Musik Hamburg und der Welt einen neuen Takt vorgab. Dieser Stoff und dieser Autor, da konnte eigentlich gar nichts schiefgehen. Ging es aber.

Schamoni erzählt in "Große Freiheit" eine Aufsteigergeschichte. Aus der Gosse zu den Stars und Sternchen der frühen Sixties. Hamburg, Reeperbahn, St. Pauli. Die Nutten und die Loddel, die Bands und die Fans. Und mittendrin ein Typ, der erst einmal gar nicht reinzupassen scheint in diese "riesige Abmelkmaschine", die Glamour simuliert und Härte demonstriert, um den Spießern so effektiv wie möglich das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Rocko Schamoni
Dorle Bahlburg

Rocko Schamoni

Wolfgang "Wolli" Köhler heißt sein Held, und es hat ihn tatsächlich gegeben. Schamoni porträtiert ihn als rastlosen Sucher, der beim Zirkus war, als Kumpel im Bergbau, Vopo und angeblich sogar Spion. Dabei liest er Camus und Genet. Und irgendwann landet er auf St. Pauli, schlägt sich so durch, zunächst als Kleindealer, Koberer, Barkeeper, später als, wie es in der reiseführerhaften Exposition zu "Große Freiheit" verdächtig verherrlichend heißt, "außergewöhnlichster Puffboss St. Paulis".

In Köhlers Leben geht es um Freiheit und Selbstbestimmung, um Rebellion und Unangepasstsein, das hat für Schamoni die Faszination ausgemacht, und alle diese Begriffe liest man in diesem Roman tatsächlich wieder und wieder, nur - man spürt sie nicht. Daran mag die Eintönigkeit von Schamonis Stil schuld sein, eine biedere Nacherzählung in monotoner Syntax, die auch durch die gewählte Zeitform, das Präsens, nicht an Rasanz und Dringlichkeit gewinnt.

Dem Roman fehlt es an einer Haltung, der Erzähler lässt jede Distanz zu seinem Helden vermissen. Schamoni hat Köhler, der 2017 verarmt starb, in den letzten Jahren seines Lebens immer wieder getroffen. Wer Wolli gekannt habe, sei "sofort seiner Aura verfallen", sagte Schamoni in einem Interview. Und in dem Wort "verfallen" liegt möglicherweise eine Antwort auf die Frage, warum dieser Roman misslungen ist.

So authentisch wie die Kulissen in den Bavaria-Studios

Viele Passagen wirken, als hätte Schamoni einfach aufgeschrieben, was Köhler ihm ins Mikrofon diktiert hat. Möglicherweise sind Sätze wie "Ab und zu ergeben sich Zärtlichkeiten, manchmal auch Sexualitäten, aber die Paarungen sind eher zufällig" der Versuch, einerseits im Duktus der Zeit zu bleiben, andererseits eine leichte Ironie einzuflechten, aber eigentlich sind sie vor allem: ungelenk und unfreiwillig komisch.

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Rocko Schamoni und der Kiez: Die Beatles, der Boxprinz, das Buch

Was stört, ist auch die Abwesenheit einer weiblichen Perspektive: Frauen kommen vor allem als Schmuckstücke (und manchmal als Dreckstücke) vor. Das mag dem Geist der frühen Sechziger entsprechen, von einem aktuellen Roman erwartet man mehr Reflexion.

Letztlich mangelt es allen Figuren an Tiefe, Schamoni behängt sie mit Eigenschaften, doch sämtliche Figuren bleiben eindimensional, vor allem die Prominenten, die hier in einer Art Nummernrevue auftreten. In öder Erwartbarkeit folgt Beat auf Bums, Boxlegende Norbert Grupe alias Prinz von Homburg auf die Beatles, Kiez-Mogul Willi Bartels auf Sexshow-Pionier René Durand. Alle dürfen ein paar Stanzen absondern, ehe sie wieder im Nebel einer verklärten Vergangenheit verschwinden.

Natürlich begegnet Köhler auch Hubert Fichte, dem Hamburger Schriftsteller, der mit Romanen wie "Die Palette" immer noch der eindrucksvollste Chronist des subkulturellen Lebens der Stadt ist. Fichte hatte Köhler mit seinem 1978 erschienenen Buch "Wolli Indienfahrer", das auf einer Reihe von Interviews basiert, überhaupt erst bekannt gemacht.

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Rocko Schamoni:
Große Freiheit

hanserblau Verlag; 288 Seiten; 20 Euro

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Sie alle treten in einem St. Pauli auf, das Kulisse bleibt. Wer Ende der Neunziger Dieter Wedels TV-Sechsteiler "Der König von St. Pauli" gesehen hat - für den der Kiez in den Münchener Bavaria-Studios nachgebaut wurde - wird eine ungefähre Vorstellung davon haben, wie wenig authentisch das St. Pauli der Sechziger bei Schamoni wirkt.

Mit "Große Freiheit" geht es ihm nicht darum, am Mythos zu kratzen, der Roman funktioniert in seinem nostalgieseligen Realismus (inklusive pflichtschuldiger Sexszenen und viel Kiez-Dialekt) als Legenden-Verstärker und dürfte in den Büros von Hamburg Marketing für Champagnerlaune sorgen. Er ist von einer erzählerischen und gedanklichen Schlichtheit, die dem Niveau provinzieller Gaffer entgegenkommt, die vor der Herbertstraße stehen und verklemmt darüber witzeln, was wohl hinter dem Eingang verborgen sein mag.

Rocko Schamoni ist, ähnlich wie sein Kumpel, "Studio Braun"-Partner und "Goldener Handschuh"-Autor Heinz Strunk, längst Teil einer Verwertungskette. Auf ein neues Buch folgen fast zwangsläufig Bühnenfassung und Verfilmung. Daran ist an sich nichts verwerflich. Und es ist eigentlich nicht zu befürchten, dass Schamoni jetzt seine eigene kleine Abmelkmaschine in Gang setzt, mit "Große Freiheit - Das Musical", "Große Freiheit - ein Stadtrundgang auf Wollis Spuren" und "Große Freiheit - Kneipe und Souvenirshop". Angekündigt wurde aber, dass der Roman mehrere Fortsetzungen erhalten soll. Und das klingt dann doch wie eine Drohung.

insgesamt 4 Beiträge
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beathovenr66 20.02.2019
1. Traurig..
Ein Roman mit der 60er Jahre Thematik in St. Pauli war lange überfällig, aber nicht in der hier vorgelegten Version eines beliebigen Abziehbildes. Sehr, sehr schade, verpasste Chance. Simone Buchholz, übernehmen Sie !
kosamm 20.02.2019
2. Altona '44
Neeee ! ! ! Wollte mir das Buch erst kaufen - aber nach diesem Bericht - NEEE.....
deuterostomier 20.02.2019
3. Zweieinhalbter Aggregatzustandr "Literatur light"
Wer da mehr erwartet hat.......Wie ein roter Faden zieht sich das Mittelmässige durch das musikalische und literarische Werk dieses Künstlers, von den Bühnenwerken und Filmen ganz zu Schweigen, aber wie sagt man so schön : Millionen von Fliegen können nicht irren! Erfreulich wäre eine Neuauflage der Palette und der Interviews von Hubert Fichte.
jaegi 20.02.2019
4. Die Rezension hat gesessen
Was für ein Verriss! Ohne den Schamoni-Roman gelesen zu haben, wäre ich allerdings skeptisch, was die Gleich- bzw. Herabsetzung der literarischen Qualität wie beim goldenen Handschuh angeht. Letzterer war literarisch hervorragend! Dennoch stimmt ich zu, was die Verwertungskette angeht. Letztlich ist das Teil einer kulturellen Gentrifizierung, gegen die man sich eigentlich wehren will.
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