Roman "Das elektrische Herz" Herzversagen

In Doris Dörries Film "Ich und Er" unterhielt sich ein Mann mit seinem Schwanz. In Peter Stephan Jungks neuem Roman unterhält sich ein Mann mit seinem Herz - über Frauen vor allem. Eine etwas andere Herzschmerz-Geschichte.

Erfahrener Romanautor und Dokumentarfilm-Regisseur: Autor Peter Stephan Jungk
dapd

Erfahrener Romanautor und Dokumentarfilm-Regisseur: Autor Peter Stephan Jungk

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Herz ist Trumpf. Das galt in den Dreißigern für Paul Hörbiger in einer Schwarz-Weiß-Verwechslungskomödie, in den Siebzigern für Didi Hallervorden in Verkehrserziehungs-Fernsehspots, in den Achtzigern für die Band Trio in einem Neue-deutsche-Welle-Song, in den Neunzigern für Sonja Zietlow in einer Sat.1-Kuppelshow, und es gilt bis heute für manchen Skatbruder. Nur für den Schriftsteller Peter Stephan Jungk, für den gilt es leider nicht.

Jungk, 58, hat ein Herz zum Co-Helden seines neuen Romans gemacht, ein Herz mit eigenem Kopf, das sich weigert, nur als stummer Diener für seinen Herrn zu arbeiten - und ihm stattdessen widerspricht, ihn beleidigt, ihn antreibt. Mit Worten, nicht nur mit Schlägen. Eine vielversprechende Grundidee, aus der Jungk jedoch nichts zu machen versteht, nur eine banale Geschichte mit banalen Gedanken in banaler Sprache. Sein Romanprojekt, an diesem Scherz kommen wir nicht vorbei, leidet an Herzschwäche, von Anfang an, und stirbt schließlich an Herzversagen.

Ein viriler Schwächling

Max David Villanders heißt Jungks Hauptfigur, zu Schulzeiten ein Kiffer und Dealer, heute ein Dramatiker, der zwei erwachsene Töchter hat und eine Frau, und der vor dieser Frau und parallel zu ihr viele andere Frauen hatte, 50 ungefähr. Ein Bild von einem Mann, könnte man meinen, kraftstrotzend und stolz, eine coole Sau, ein Alphatier, doch Villanders ist auch schwer herzkrank, seit Jahrzehnten. Geboren wurde er mit einem Loch zwischen den Vorhöfen, vier mal drei Zentimeter groß, durch das 18 Prozent des Blutkreislaufs verlorengingen. Er durfte nicht am Sportunterricht teilnehmen, musste sich mit 20 das erste Mal am offenen Herz operieren lassen, litt später unter Rhythmusstörungen und einer Herzklappen-Entzündung, bevor er sich mit Anfang 50 erneut unters Messer legte. Kurzum: Villanders ist ein viriler Schwächling.

Er muss auf die Stimme seines Herzens hören, schon aus gesundheitlichen Gründen, und so tritt er mit ihm in einen Dialog, an dessen Ende ein Buch stehen soll mit der gemeinsamen Lebensgeschichte. Als er die viel jüngere Postbotin Farah trifft und sich in sie verliebt, verlangt sie, dass er alle seine Frauengeschichten in dieses Buch hineinschreibt und es ihr zum Lesen gibt. Erst dann entscheide sie, ob sie sich auf ihn einlasse.

Was hätte daraus alles werden können! Wie lustig hätte das werden können! Wie herrlich albern und wie nachdenklich! Wie bitterböse und wie romantisch! Doch Jungk, dem erfahrenen Romanautor und Dokumentarfilm-Regisseur, dem Biografen von Franz Werfel und Walt Disney, dem Übersetzer von Woody Allen und Thornton Wilder, dem gerade der mit 7000 Euro dotierte Buchpreis der Salzburger Wirtschaft verliehen worden ist, diesem Jungk will außer der Grundidee so gar nichts einfallen, kein kluger Gedanke, keine Pointe, nichts. Und dieses Nichts schreibt er auch noch in einer nichtssagenden Sprache auf.

Gekünstelt wie im Boulevardtheater

Der Text ist phrasenhaft, er strotzt vor Null-Acht-Fünfzehn-Wendungen: Villanders ist "dem Gespött der Mitschüler ausgesetzt", er "gerät immer tiefer in den Drogensumpf", sein Umzug "erweist sich als vollkommener Fehlschlag". Vor allem die Dialoge sind uninspiriert und klischeehaft, mitunter sprechen die Figuren gekünstelt wie in einem schlechten Boulevardtheater: "Weil ich jung bin, begehren sie mich - So jung sind Sie ja auch wieder nicht! - Also hören Sie mal! Dreißig Jahre. Ich könnte Ihre Tochter sein". Das Herz spricht immer mal wieder in einem merkwürdig förmlichen, steifen Ton zu Villanders: "Deine Zufriedenheit, dein Wohlergehen sind mir höchstes Gebot". Und Villanders, der einstige Kiffer und Dealer, der Frauenverschleißer, wählt Worte wie diese: "Je heftiger eine Frau an mir hing, je mehr Liebesworte sie mir zuflüsterte, desto entschiedener zog ich mich zurück". Die Postbotin Farah, 30 Jahre alt und ungebildete Migrantin mit Wohnung in der Pariser Banlieue, lässt Jungk so reden: "Monsieur, Ihre Liebkosungen, Ihre Zärtlichkeiten machen mich sehr glücklich. Sie müssen mich nur streifen, und schon erzittere ich vor Lust".

Überhaupt, die Sexszenen! Bei ihnen klingt Jungk manches Mal wie ein pubertierender Möchtegern-Schriftsteller, der sich edel auszudrücken versucht: "Dieses Weichnasse, Durchwärmte, das meine Erregung umschloss und liebkoste!", schreibt er. Und weiter: "Ich verstand, warum man geboren wird. Um solche Erregungszustände erleben zu dürfen".

Über die einzige schwule Erfahrung, die Villanders gemacht hat, heißt es gar: "Er führte deine Fingerspitzen an sein pochendes Geschlecht". Wenigstens an dieser Stelle von Jungks so unlustigem Herzbuch, das geben wir gerne zu, haben wir herzhaft gelacht.



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DrHibbert, 04.07.2011
1. Wallander
Zitat: "Kurzum: Wallander ist ein viriler Schwächling." Das hat Kommissar Wallander wirklich nicht vedient ;)
oui-oui 05.07.2011
2. Herz und Liebe – nicht Schwanz oder Blödel
Liest man die Einleitung der Kritik schwant einem Böses. Schnell wird klar, dass Herr Becker an das Buch falsche Erwartungshaltungen hat. Zwar sind Paul Hörbiger, Didi Hallervorden, Trio und Sonja Zietlow sicherlich Geschmackssache, haben aber im Kontext Jungk und "Das elektrische Herz" so viel gemeinsam wie das Niveau dieser Kritik und das Buch um das es sich dreht – nichts. Es geht in dem Buch doppeldeutig um Herz und Liebe – nicht platt um Schwanz oder Blödel. Was hätte das bei Textverständnis für eine Kritik werden können?! Wie anregend hätte sie werden können! Wie herrlich humorvoll und wie nachdenklich! Wie analytisch und wie romantisch! Doch Tobias Becker, dem Kritiker will außer unpassender Einordnung, platten Phrasen, galligen Null-Acht-Fünfzehn-Wendungen und zynisch-bösen Herabsetzungen auf dem Niveau von deutschen Privatsenderstars so gar nichts einfallen. Leider nicht ein kluger Gedanke, keine niveauvolle Pointe, nichts. Und dieses Nichts schreibt er auch noch in einer niveaulosen hämischen Sprache auf. Alles schon mal oben ähnlich gelesen? Genau! Die kurze in jedem Sinn grobe Handlungszusammenfassung und die Ungenauigkeiten über den Autor (der kein Biograf Disneys war, sondern lediglich einen Roman über ihn geschrieben hat), in Verbindung mit dem Niveau der Kritik in Form und Inhalt, lässt fast den Schluss zu, dass der Verfasser dass Buch überhaupt nicht gelesen hat und zudem nicht ausreichend recherchiert hat. Wenn man das Buch und die Kritik gelesen hat und vergleicht, wird einem schnell klar dass Herr Beckers Ausführungen und das Buch nicht zusammen passen. Er offenbart durch die Kritik ein Niveau von Häme das einfach nur deplatziert wirkt. Ich habe kein Problem damit, wenn Herrn Becker das Buch nach dem lesen nicht zugesagt hat – aus welchen Gründen auch immer. Die einen lesen Tolstoi, die anderen Disneys Lustige Taschenbücher, über Geschmack lässt sich trefflich streiten und diskutieren. Was mich stört ist die Form und Respektlosigkeit die nicht nur die Intelligenz des Lesers beleidigt und die Arbeit des Autors unangemessen fast schon verunglimpft. Nichtsdestotrotz hat meinen Freunden und mir das Buch sehr gut gefallen, die Kritik im Prinzip auch, denn hier zeigt ja Herr Becker wessen Geistes Kind er ist. Wenigstens darüber, das gebe ich gerne zu, habe ich herzhaft gelacht. Zum Buch sei abschließend gesagt, dass allein wie Jungk den Dialog von Max mit seinem Herzen sprachlich gestaltet, dies zu einem Lesegenuss macht! Quasi genau das Gegenstück zu dieser Kritik.
MaratsFrau 05.07.2011
3. Nur mit dem Herzen sieht man gut, sagte der kleine Prinz
Werter Herr Becker, meine Hochachtung, dass Sie es fertig gebracht haben, das Buch überhaupt bis zum Ende hin durchzulesen. Aber das ist ja u.a. Ihr täglich Brot, wie man so schön zu sagen pflegt, gell? Für gewöhnlich klappe ich die Bücher die mir nicht ansprechen, lege sie beiseite, verkaufe sie wieder, verschwende aber meine wertvolle Zeit nicht damit, mich durch etwas hindurch zu quälen, was mir nicht gefällt. Bei "Ich und Er" habe ich damals auch das Kino vorzeitig verlassen. "Das elektrische Herz" dagegen habe ich am Ende andächtig geschlossen und in mein Regal gestellt, es sofort meinen lesenden Freunden weiterempfohlen und ich werde es bestimmt noch einmal lesen. Vielleicht tu ich Ihnen Unrecht, lieber Herr Becker, ich habe keine Ahnung, welche Bücher Jungks Sie bislang gelesen haben – mit Sicherheit nicht "Der König von Amerika", denn dann wäre Ihnen in Ihren Ausführungen nicht der Fehler unterlaufen, Herrn Jungk als Biografen Walt Disneys zu benennen. Aber Bob Thomas hat eine Disney Biografie geschrieben, nur nebenbei bemerkt.Und wie ich sehe, bin ich nicht die Einzige, die das bemerkt hat. "Das elektrische Herz" ist nicht nur das aktuellste Buch Jungks, sondern auch eines seiner besten. Möglicherweise gehören Sie aber nicht zu den Menschen, bei denen Jungks Romas genau ins Herz trifft, denn wer hat nicht mindestens einmal in seinem Leben einen Dialog mit sich selbst geführt. Und warum sollte es nicht möglich sein, dass unser Herz zu uns spricht? Und: Ist es nicht eine allgemein bekannte Redensart, wenn man sagt: "Lass dein Herz für dich sprechen!" ? Jungk hat dies getan und das, zumindest meiner Meinung nach, ganz hervorragend.
tobias_becker 06.07.2011
4. Mächtig misslungen
Werte MaratsFrau, werter Oui-Oui, eines gebe ich gerne zu: Jungk hat keine klassische Biografie über Walt Disney geschrieben, sondern eine Romanbiografie. Insofern ist meine Formulierung ("dem erfahrenen Romanautor und Dokumentarfilm-Regisseur, dem Biografen von Franz Werfel und Walt Disney, dem Übersetzer von Woody Allen und Thornton Wilder, dem gerade der mit 7000 Euro dotierte Buchpreis der Salzburger Wirtschaft verliehen worden ist) in all ihrer Kürze etwas verfälschend. Aus dieser Marginalie allerdings zu schließen, ich hätte mich mit Jungk und seinem neuen Roman nicht ausreichend beschäftigt, wäre ein Irrtum. Ich habe das Buch zwei Mal gelesen, eben wegen meines harten Urteils, und halte es für mächtig misslungen, vor allem sprachlich. Dies muss ich schreiben dürfen, auch deutlich – im Interesse meiner Leser. Zumal Jungk kein Anfänger ist, das sollte die oben zitierte Stelle verdeutlichen, sondern ein erfahrener Autor. Bei einem Anfänger hätte ich das Buch beiseite gelegt und geschwiegen, keine Sorge, das geschieht bei der Flut an Neuerscheinungen wöchentlich. Im übrigen: Natürlich wäre es absurd, Jungks Roman auf einer Ebene einzuordnen mit den Arbeiten von Paul Hörbiger, Didi Hallervorden, Trio und Sonja Zietlow. Aber wer tut das? Ich nicht.
oui-oui 06.07.2011
5. Mächtig auf den Schlips getreten...
... fühlen Sie ich wohl, Herr Becker, tja, so schmeckt die eigene Medizin. Aber sie bestätigen ja teils meine Anmerkungen, bzw. widerlegen Sie andere erst gar nicht. Ich habe mir erlaubt aus der Form Ihrer Kritik auf Ihr fehlendes Verständnis für dieses Buch zu schließen - und habe offensichtlich recht. Die Tonart und Form offenbart, das Sie die falsche Person für dieses Buch sind, das ist nicht weiter schlimm. Ihre Art und Weise der Kritik ist was mich stört. Nennen Sie mir bitte zwei Bücher von Jungk die Sie für sprachlich gelungener halten. Welches Buch eines anderen Autoren bei vergleichbarem Thema halten Sie für gelungener? Welches Buch haben Sie geschrieben, dass sprachlich besser ist? Es ist nicht schlimm etwas nicht zu mögen, es ist aber schlimm sich in herabwürdigenden polemischen Respektlosigkeiten zu ergehen. Teilweise wirkte Ihre Kritik wie das Ergebnis dreier lustiger Germanistikstudenten, die bei einem Trinkgelage mal so richtig vom Leder ziehen wollten. Pardon, jetzt habe ich Sie schon wieder gespiegelt... Nehmen Sie mir diesen Vergleich nicht übel. Bei einer sachlichen negative Kritik würden wir über die verschiedenen Auffassungen des Buches diskutieren, Ihre Kritik provoziert leider nur eine Diskussion über die Kritik selbst. Und was hätte das für eine schöne sachliche Diskussion werden können...
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