Cowboy-Roman "Ein feiner Typ" Das Licht am Ende des Tunnels

Mit seinen Büchern erschrieb sich der amerikanische Schriftsteller und Countryrock-Musiker Willy Vlautin den Ruf eines "Dylan der Gebrochenen". Mit seinem vierten Cowboy-Roman ist ihm ein kleines, herzzerreißendes Juwel geglückt.

Rancher in Nevada
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Rancher in Nevada


Der Kerl wirkt wie eine Synthese aus den beiden Protagonisten des wahrscheinlich besten Boxer-Romans, der je geschrieben wurde: Leonard Gardners "Fat City". Denn Horace Hopper, die Hauptfigur in Willy Vlautins viertem Roman "Ein feiner Typ", trägt sowohl Züge des zu Beginn noch zu allem entschlossenen Träumers Ernie Munger in sich wie solche des desillusionierten Verlierers Billy Tully, dem bis auf seine zusammengeflickten Knochen am Ende nichts von seinen Champ-Träumen geblieben ist.

Auch Horace träumt davon, eines Tages zum Champion aufzusteigen - und sich buchstäblich rauszuboxen aus der Begrenztheit seines Daseins als Pferde-Zureiter und Schafshüter. Er will es allen zeigen, insbesondere seinem Ziehvater Mr. Reese, der ihn wie einen Sohn behandelt - und hofft, Horace möge dereinst seine Farm übernehmen:

"'Du scheinst mir für die Arbeit wie geschaffen' sagte der Alte, 'und du machst sie gut. Wir überlegen uns einen Plan, wie du die Ranch übernehmen kannst.' Horace sah den Alten an, Tränen stiegen ihm in die Augen. 'Aber, Mr. Reese, ich werde eines Tages Boxweltmeister sein, und um das zu werden, muss ich in die Stadt ziehen.'"

Ein Entschluss, für den der Junge einen hohen Preis zahlen wird. Denn was sich zunächst erfolgreich anlässt, mündet in eine Niederlage, die seinem Traum ein jähes Ende setzt. Horace büßt infolge des Kampfes einen Großteil seiner Sehkraft ein, was ein Weiterkämpfen unmöglich macht - und beginnt mit den 2500 Dollar, die ihm sein letzter Boxkampf eingebracht hat, seinen Abstieg in die Gosse. Denn sein Stolz verbietet es ihm, Reese's Angebot, die Farm zu übernehmen, anzunehmen. Lieber will er sterben.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:34 Uhr
Ohne Gewähr

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Willy Vlautin
Ein feiner Typ: Roman

Verlag:
Berlin Verlag
Seiten:
336
Preis:
EUR 24,00
Übersetzt von:
Nikolaus Hansen

Von da an verdämmert Horace seine Tage in billigen Hotelzimmern. Bis es Reese schließlich doch noch mithilfe eines Tricks gelingt, ihn dazu zu bewegen, auf die Farm zurückzukehren, indem er eine schwere Krankheit vorgibt: "Ich konnte ihn nur zum Mitkommen bewegen, indem ich deinen Krebstrick angewandt habe" sagt Reese zu seiner Frau. "Du wusstest, dass er nicht mitkommt, wenn wir nicht einen gewissen Druck ausüben." Kurz vor Schluss aber nimmt Vlautins grandioser Roman eine letzte Wendung - und die Geschichte vom Vater, der seinen verlorenen Sohn glücklich aus der Gosse fischt, erlebt ihr unerwartetes, herzzerreißendes Finale.

Willy Vlautin, 1967 in Reno, Nevada geboren, erschrieb sich mit seinen gefühlvollen Romanen über das Milieu versprengter Cowboys, die um Heimat, Perspektive und Würde ringen, den Ruf eines "Bob Dylan der Gebrochenen und Unbehausten".

Denn neben dem Verfassen von Büchern gibt er als Sänger und Schreiber melancholischer Verlierer-Balladen bei der Folkrockband "The Delines" den Ton an. Dass man sich beim Lesen seiner Bücher spontan an den großen Moralisten und Propheten des Untergangs Cormac McCarthy erinnert fühlt, kommt nicht von ungefähr.

Schriftsteller Willy Vlautin
Getty Images

Schriftsteller Willy Vlautin

Denn Vlautin, dem mit Romanen wie "The Motel Life" oder "Die Freien" grandiose Explorationen der amerikanischen Seele gelangen, hegt eine ähnlich unverbrüchliche Zuneigung für die Abgehängten und Ausgestoßenen wie der Schwarzmaler aus El Paso. Doch anders als bei McCarthy, der nie einen Zweifel daran gelassen hat, dass er das Dasein der Spezies Mensch für endlich hält - und den Homo sapiens als einen Fehlschlag der Natur begreift - glimmt in den scheinbar erlöschenden Seelenfeuern von Vlautins Helden der Glaube an eine bessere Zukunft weiter.

Denn wie formuliert Horace es einmal zu Beginn des Romans - stellvertretend für all die anderen Vlautin-Figuren: "Ein Champion denkt nicht so. Ein Champion denkt nur an die Dinge, die er erreichen kann, und an denen er arbeitet, damit er die nächste Stufe erreichen kann."

So gesehen behalten seine Figuren auch in den Momenten größter Niedergeschlagenheit ihre Würde. Geleitet von der Idee, dass der Triumph trotz allem immer möglich ist. Genau davon nämlich handeln die wundervollen Romane des ins Gelingen vernarrten Idealisten Vlautin: Von der Gewissheit, dass am Ende des Tunnels - möge er ihnen auch bisweilen unendlich erscheinen - das Licht der Erlösung auf seine Helden wartet.



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