Roman "Goodbye Istanbul" Das Herz entrümpeln

Was hat Völkermord mit unglücklicher Liebe zu tun? In ihrem Roman "Goodbye Istanbul" spiegelt die Deutschtürkin Esmahan Aykol überzeugend ein Migrantenschicksal in den Wirren der Geschichte.

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Berlin - Ece flieht aus Istanbul nach London, um zu vergessen - und um sich zu erinnern. Vergessen will sie Tamer, den sie liebt, der sich aber trotz aller Beteuerungen nicht von seiner Ehefrau trennt. Bewahren will sie die Erinnerungen an ihren verstorbenen Großvater, als dessen wahre Tochter sie sich fühlt.

Autorin Aykol: Erzählfäden in die Vergangenheit
Samuel Mizrachi / Diogenes Verlag

Autorin Aykol: Erzählfäden in die Vergangenheit

Entscheidungsunwillige verheiratete Liebhaber sind per se keine besonders originellen Helden, aber die deutsch-türkische Autorin Esmahan Aykol nimmt die Verstrickungen des Liebesdramas nur zum Anlass, um - mit der Ich-Erzählerin Ece - gleich mehrere Geschichten aufzufächern: Die einer Migration in das verheißungsvolle Westeuropa; die einer türkischen Familie, die einer historischen Epoche und die mehrerer Lieben. Aykols Roman handelt von der Verfolgung der Armenier und davon, wie es ist, das erste Mal Wasser aus einem Wasserhahn trinken zu können - in London.

Eces Ankunft in der britischen Hauptstadt ist ernüchternd: Zwar hat sie sich mit ihrem Umzug nach London ihrer Familie entledigt - von ihrem Vater, einem einarmigen Helden; von der Mutter, die mit ständiger Leidensmine durchs Leben läuft, und von der besserwisserischen Schwester. Aber schon in der ersten Woche muss Ece einsehen, dass Migration auch Abstieg bedeuten kann. Zusammen mit ihrer mürrischen und arbeitslosen Cousine Aylin teilt sie eine Wohnung und fürchtet sich "vor allem schrecklich" in London. Bald findet sie einen Job als Tellerwäscherin, der sie sofort in die Parallelwelt der Migranten eintauchen lässt.

Inmitten des ständigen Kampfes um Arbeit, Anerkennung und Integration ist Ece eine Ausnahme: Sie lebt freiwillig arm. Ece hat soviel von ihrem verstorbenen Großvater geerbt, dass sie sich davon "sieben einfache Mercedes" kaufen könnte. Ständig in Angst, das Geld falsch einzusetzen und damit ihren Großvater zu verraten, spült sie weiter. "Weil ich mich derart schwach und verletzlich fühlte, dass es wichtiger war, mit netten Leuten zusammenzuarbeiten als viel Geld zu verdienen. Ich hatte keine Zeit an Tamer zu denken."

Teller wäscht Ece, bis sie entscheidet, dass es wert ist, Geld auszugeben, um in einem Sprachkurs gut Englisch zu lernen. Mit der Sprache findet Ece auch aus der Einsamkeit heraus und begreift, dass die Dramatik ihrer Liebe zu Tamer nicht als Maßstab für neue Begegnungen gelten kann.

Über Schuld und Unschuld von Völkern

Zwischen Sprachschule und Freunden, die am Rand der Londoner Gesellschaft leben, spinnt die Autorin Esmahan Aykol die Fäden zur Vergangenheit: Aykol erzählt von der leidenschaftlichen Beziehung zwischen Ece und Tamer und von Eces zweiter große Liebe, ihrem Großvater, dem armenischen Silberschmied.

Der Großvater ist es auch, der die Cousinen Ece und Aylin wenigstens zeitweise miteinander verbindet - immer dann, wenn Ece der anfangs unwilligen Aylin die Geschichten ihres armenischen Opas erzählt. Der hat auf der Flucht seine Familie verloren und sein ganzes Leben lang Bücher gelesen, um zu verstehen, wie es zur Verfolgung an den Armeniern kam - und wieso es seinem Volk "schlechter als Straßenhunden" erging, denn "die bringen sich wenigstens nicht gegenseitig um".

Mit ihren Geschichten lässt Ece den toten Großvater als Sinnbild einer zugleich romantischen und fürchterlichen Vergangenheit in England weiterleben.

Historisches aus dem Osmanischen Reich, oft verpackt in märchenhafte Episoden, Parallelgesellschaften in London - die Gefahr einen 350 Seiten starken Roman zu überladen, umschifft die Autorin souverän. Auch, weil sie viele Episoden nur andeutet. So entwickelt sich in "Goodbye Istanbul" eine zauberhafte, vergangene Welt - illustriert durch die märchenhaften Erzählungen von Eces Großvater - die immer wieder mit der Gegenwart in London oder Istanbul kontrastiert wird.

Aykol ist ein Buch über brennende Fragen der Migration geglückt, scharfsinnig nimmt sie die Verhältnisse in den Blick. So wird deutlich, dass es es auch in Migrantencommunities undurchdringbare Hierarchien gibt: Ganz unten stehen die Schwarzen.

Und Ece? Für sie wird zumindest eines am Ende deutlich: Von sich selbst kann sie sich nicht befreien, aber von den Erinnerungen an Tamer schon: "Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, dass mein Gefängnis aus etwas bestand, das etwas anderes war als ich selbst. Es war mein Versprechen an die Freiheit."


Esmahan Aykol: "Goodbye Istanbul" , 354 Seiten, Diogenes 2007



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