Roman "Last Exit Volksdorf" Das Grauen hinter den Gardinen

Tina Uebel hat einen verstörenden Roman geschrieben, von dem sich nicht sagen lässt, was daran am Unerträglichsten ist: Das anfängliche Spießerglück der Figuren? Ihr folgendes Unglück? Oder die Sprache?

Es kann nicht schaden, schon vor der Lektüre zu wissen, dass das unerträgliche Vorstadt-Spießer-Glück des ersten Buchdrittels keinen Bestand haben wird. Also: Am Ende sind zwei Figuren gestorben; eine kommt in die Psychiatrie; ein Lehrer wird vom Leser der Pädophilie überführt; ein Mittelstufenschüler will sich mit Aids anstecken, um überhaupt irgendwo dazuzugehören; ein Mädchen hört auf, Herzen in ihr Tagebuch zu malen, und beginnt wahllos auf Drogen mit Jungs rumzumachen, nachdem Mitschüler sie erst mit einem Hammer vergewaltigt und dann Fotos davon rumgemailt haben. Puh. Zudem macht das Momo wieder zu, der einzige Ort in diesem Vorort, an dem man sich auch als junger Mensch aufhalten konnte. Die Fenster mit Folie verklebt, die Türen verschlossen, die Menschen kaputt. Das war's.

Fairerweise sollte man nun auch sagen, dass das Vorstadt-Spießer-Unglück der letzten zwei Drittel des Buches zwar verlässlicher ist als das Glück, aber auch nicht erträglicher. Im Gegenteil. Es ist ein Massaker, das die Autorin Tina Uebel unter ihren Figuren anrichtet. Eine wüste Geschichte, die - einmal in Gang gekommen - die Figuren in die Zerstörung treibt.

Lacostehemd im weißen Golf

Kein passenderer Ort ist vorstellbar für diese Geschichte als der reiche Hamburger Vorort Volksdorf. Volksdorf ist der Ort, an dem Uebel, 1969 geboren, selbst aufwuchs. Bald darauf suchte sie mit ihrem Freund in den Kneipen auf der Reeperbahn Zuflucht, wie sie einmal schrieb. Zuflucht vor "den grauseligen grünen Vororten Hamburgs, wo wir in eine Schule gingen, in der Lebensformen in Lacostehemden und weißen Golfen ihrer Karrierechancen wegen noch vor dem Abitur in die Junge Union eintraten und die Verlogenheit der Oberschichtenbürgerlichkeit einem die Luft zum Atmen nahm."

Uebels Volksdorf ist ein Ort, an dem man das Streben nach Perfektion und Leistung schon an den gehegten Rhododendronbüschen in den Vorgärten und an den Wagen in den Garagen erkennt, und auch daran, dass das Gymnasium wie selbstverständlich zum verbindenden Punkt der Geschichte wird. "Es hat noch niemand bislang in Volksdorf die Existenz einer jugendlichen Lebensform außerhalb des Gymnasiums nachgewiesen, und bei aller Individualität plant Joshua nicht, einen Gegenbeweis zu dieser ehernen Ordnung der Dinge anzutreten."

Joshua ist der einzige Punk in Volksdorf und eine der Figuren, aus deren Perspektive von diesem Jahr in Volksdorf erzählt wird, in dem so viele Leben entgleiten. Dazu kommen Mitschüler, Lehrer, Eltern, eine alte Frau. Und wenn es so etwas wie eine gemeinsame Handlung gibt, die Volksdorf in diesem Jahr zusammen hält, dann ist es der Skandal um das misshandelte Mädchen, wenn auch niemand die Tragik zu begreifen scheint, weil alle mit ihrem eigenen Unglück beschäftigt sind. So bemerkt die Mutter nicht, wie ihr die Tochter entgleitet, die Tochter selbst merkt nicht, wie ihr das Leben vor lauter Drogen entgleitet, der alten Frau entgleitet die Erinnerung an das eigene Leben und Joshua entgleitet die Liebe.

Stottern statt Tempo

Zu den kunstvollen Perspektivwechseln kommen viele, viele verkünstelte Halbsätze. Uebels Sprache ist in ihren besten Momenten hypnotisch-melodisch und originell. "Man darf sich nicht gehen lassen. Sich gehenzulassen ist der Anfang vom Ende, vom Ende von allem. Klara weiß das plötzlich mit erschreckender Deutlichkeit, sie ist aus dem Schlaf geschreckt, sie legt sich neuerdings zu ihrem Mittagsschlaf ins Bett, und schon das, denkt sie, sollte sie vielleicht nicht tun." Und in seinen schwächsten Momenten ist der Sound selbstverliebt, vorhersehbar und theatralisch. Der einzige Punk wird mit einer Deko aus Ramones-Zitaten behangen und einmal lautet ein ganzer Absatz: "Klara. Ist. Tot."

Dieses Stocken ist typisch für den Tonfall des Buches, als könne man nur so von dem Schock erzählen, widerwillig und zögernd. Die Sprache treibt die Geschichte nicht nur nicht voran - Uebel hat eine Sprache gefunden, die klingt, als wolle sie sich der Geschichte entgegenstemmen. Als wolle sie die Narration aufhalten, alles Tempo aus ihr saugen, auf dass die Geschichte vielleicht verebbe und verende, bevor es die Figuren tun.

Man kann darum nicht sagen, dass es angenehm sei, diesen Roman zu lesen. Eigentlich ist es sogar unerträglich. Man fühlt sich dabei, als würde man seine Nachbarn stalken in ihrem unerträglichen, bürgerlichen Glück. Als müsse man nur lange genug und scharf genug in die Gardinenfenster spähen, damit jeder irgendwann, wenn auch widerwillig und stockend, sein ganzes Unglück preisgibt.

Sein ganzes unerträgliches Unglück.