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06. Mai 2002, 13:42 Uhr

Roman "Pumpgun"

Von Massenmorden und Medienrealitäten

Von Claudia Vüllers

In seinem Debütroman "Pumpgun" erzählt Marc Höpfner die Geschichte eines Schul-Massakers. Bisher waren es die Parallelen zur furchtbaren Schülertat im amerikanischen Littleton, die beim Lesen für Unbehagen sorgten, nun ist das Grauen noch näher gerückt - Fiktion vermischt sich mit der Realität.

Höpfner-Roman "Pumpgun": Spiel mit Fiktion und Realität

Höpfner-Roman "Pumpgun": Spiel mit Fiktion und Realität

Es ist der erste Tag nach den Sommerferien, der eine ganze Stadt ins Koma fallen lässt. Der Tag, an dem der Außenseiter Alfred Oxenberger, genannt Ox, mit einer Pumpgun vom Turm seiner Schule wahllos acht junge Menschen erschießt. Neben ihm im Scharfschützenversteck sitzt sein völlig zugedröhnter Kumpel Pauly, zu ihren Füßen Schokolade und Bier. "Es sah fast so aus, als machten die beiden ein Picknick", beschreibt der Ich-Erzähler Alex, der die Erlebnisse rekapituliert, den Anblick. Alex, der Held, überredet Ox schließlich, ihm das Gewehr zu geben und beendet das Morden.

Ein Höhepunkt, der eigentlich keiner ist. Denn was über die gesamten 240 Seiten von "Pumpgun" bestimmendes Thema ist - der dunkle Schatten über allem, was Alex später denkt und tut - wird auf kurzen acht Seiten abgehandelt. Wichtiger ist dem Autor Marc Höpfner das Davor und Danach der Bluttat. Das erstickende Geheimnis des in den Medien hochgejubelten Helden Alex, der die Waffe zuerst hatte und mit ihr eitel vor dem Spiegel posierte, die Rolle, die Pauly bei dem Massaker spielte. "In Wirklichkeit bin ich an diesem Tag gestorben", sagt Alex irgendwann. Er, der die Waffe als eine Art Mutprobe aus dem Hausmeisterschuppen mitgehen ließ, ist nicht der Held, für den ihn alle halten. Er fühlt sich schuldig, dass Ox die Pumpgun in seinem Versteck gefunden hat und projiziert seine Unsicherheit und seinen Hass auf Pauly. Ihn will er vier Jahre nach der Tat zur Strecke bringen und erhofft sich dadurch endlich Erlösung.

Der Täter ist kein "interpretierbarer Psychokrüppel"

Ox, der introvertierte Riese, an dem sich alle Psychologen die Zähne ausbeißen, wird von den Medien schnell als "Bestie" gebrandmarkt. Sein Zimmer, seine Eltern, seine Erziehung - alles wird ins Scheinwerferlicht gezerrt, um Anhaltspunkte für seine Beweggründe zu finden und um gegen die stumpfe Hilflosigkeit anzukämpfen - ähnlich, wie wir es in der Realität der letzten Tage bei dem 19-jährigen Robert Steinhäuser, der in Erfurt das Leben von 16 Menschen auslöschte, erleben. Auch der fiktionale Ox mag Ballerspiele, ist ein Video-Junkie. Trotzdem versagt in der Realität wie in der Fiktion jede lupenreine Ursachenforschung. Bis zur Tat war Ox - wie Steinhäuser - ein eher unauffälliger Schüler, kein "interpretierbarer Psychokrüppel". Ox war weder missbraucht noch geprügelt worden. Trotzdem wollte er an diesem Tag, "dass alles kaputt geht, alles, die ganze Welt", sagt er in einem der vielen Verhöre. Warum, das bleibt ein Rätsel, das in Ox' Blut gerinnt, als er sich seinen Schädel in seiner Zelle zertrümmert.

Nach der Schockphase will die Stadt möglichst schnell wieder "normal" weiterleben. Kaum jemand redet mehr von dem Tag, an dem acht Schüler starben. "An dieser Schule sollte es nie wieder etwas geben, was verboten war", sagt Alex, der zurückgekommen ist, um seine Mission zu erfüllen. Er sammelt Zeitungsausschnitte, um nicht zu vergessen, was alle anderen krampfhaft vergessen wollen, und um beweisen zu können, dass alles, was er erlebt hat, tatsächlich passiert ist.

Spiel mit Fiktion und Realität

Genau dieses Spiel mit Fiktion und Realität ist es, das Höpfners 2001 veröffentlichten Roman so spannend und so erschreckend aktuell macht. Es ruft die Diskussion über Gewalt in den Medien wach, die Aufgeregtheit der Politik, sofort etwas unternehmen zu müssen, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Höpfner, Jahrgang 1964 und Autor für die "Leben"-Beilage der "Zeit", fordert seine Leser heraus, sich mit Haut und Haaren auf die detailliert und bilderreich geschilderten Ereignisse seiner Story einzulassen. Am Ende steht die verwirrende Erkenntnis, dass der Anti-Held Alex sowohl Teil der Fiktion als auch Teil der Realität ist. Er ist der Protagonist in seinem eigenen Thriller und verliert sich in der Dramatik.

Amoklauf in Littleton: Furchtbare Realität
REUTERS

Amoklauf in Littleton: Furchtbare Realität

Was Höpfners Debütroman neben der gesellschaftspolitischen Brisanz besonders auszeichnet, ist die Vermeidung billiger Psychoklischees. Er spinnt den Faden da weiter, wo er in der Realität der Presse-Berichterstattung abreißt. Er beschreibt den Weg der Überlebenden in den Jahren nach der Tat und schildert ihren Kampf mit den furchtbaren Erinnerungen. In seiner Medienkritik bleibt Höpfner überraschend wertneutral, schreibt Fernsehen, Video und Computerspielen aber einen relevanten Einfluss auf junge Erwachsene zu. Nicht umsonst sagt Alex am Anfang, seine Welt habe "einen rechteckigen Rahmen. Sie ist Fernsehen."

Das Erschreckende für den Leser ist, dass Höpfners Fiktion nach der eben erlebten Erfurt-Berichterstattung weit näher an der Realität ist, als ihm das lieb sein kann. Der Roman ist eine schmerzhafte, aber auch offenbarende Leseerfahrung, jetzt mehr denn je. "Das Leben imitiert die Kunst", sagte Oscar Wilde einmal. Im Falle von Höpfners Roman passt auch ein Zitat aus Wes Cravens Horror-Parodie "Scream II": "It's a perfect example of life imitating art imitating life".

Marc Höpfner: "Pumpgun"; Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main; 246 Seiten; 19,50 Euro

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