Roman "Zoli" Die Scherbenläuferin

Die Weltliteratur hat eine neue, faszinierende Heldin hinzugewonnen: die Roma-Frau Zoli. Der in New York lebende Ire Colum McCann erzählt ihr Leben als großes, von Terror, Gewalt und Kunst bestimmtes Drama.

Die Idee lieferte ihm seine Frau Allison. "Sie las damals dieses Buch", erinnert sich Colum McCann, "und erzählte mir anschließend fasziniert von einer jungen polnischen Roma namens Papusca, die als Mädchen den Holocaust in den Wäldern nahe Krakau überlebt hatte, lesen und schreiben lernte und zur Dichterin wurde."

Der 1965 in Dublin geborene und seit Jahren in New York lebende Ire, der sich mit Romanen wie "Gesang der Koyoten", "Der Himmel unter der Stadt" und zuletzt "Der Tänzer" international profilierte, fand spontan Gefallen an der Idee, die Geschichte der charismatischen jungen Roma zum Thema seines neues Buches zu machen.

Doch McCann, der insbesondere seit Erscheinen seines Romans um die Tanzlegende Rudolf Nurejew neben Colm Toibin, Dermot Bolger und Joseph O'Connor zu Irlands interessantesten jüngeren Erzählern zählt, erlaubte sich den Kunstgriff, seinen Stoff kurzerhand aus Polen hinüber in die Slovakei zu verlegen, "denn ich liebte und kannte Bratislawa, und mir gefiel die Vorstellung, diese Geschichte dort spielen zu lassen." Also setzte er sich ins Flugzeug und hielt sich monatelang in und um Bratislawa auf, erkundete mögliche Schauplätze, befragte Kenner der slowakischen Geschichte und las sich durch Stapel historischer Abhandlungen.

Erfundene Wahrheit

"Das Meiste in meinem Buch ist erfunden", bekennt McCann unumwunden, "doch meine Fiktion sollte einen realen Hintergrund haben, das Setting möglichst authentisch wirken. Nur so, das spürte ich, würde ich selbst über diesen geographischen Umweg ein Gefühl dafür bekommen, wer diese Frau, die 1986 in Polen starb, war."

Nun, zwei Jahre später, blättert er das Leben seiner Heldin im Rahmen seines Romans "Zoli" auf 384 Seiten auf. Wie in Zeitlupe rollen die Ereignisse heran, und McCann, dieser begnadete Flunkerer, versteht es von den ersten Zeilen an, uns zu Zeugen einer Geschichte zu machen, die sich – so scheint es - nur so und nicht anders ereignet haben kann. Drei, vier atmosphärisch aufgeladene Bilder – und sein Plot hat seine Betriebstemperatur erreicht.

So erzählt McCann die Geschichte des Roma-Mädchens Zoli Novotna, das, gerade erst sechs Jahre alt, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs miterleben muss, wie seine Eltern bei einem Massaker slowakischer, nach dem Vorbild der deutschen SA organisierter Hlinka-Gardisten ums Leben kommen – und plötzlich alleine auf der Welt zu sein scheint.

Doch der Überlebenswille des Mädchens, dessen Entwicklung zur entschlossenen Kämpferin und Dichterin McCann scheinbar bruchlos erzählt, ist damit geweckt: Zoli überlebt im Schutz ihres Großvaters Stanislaus in dessen Wohnwagen in den Wäldern Bratislawas die Hatz der Hlinka-Treuen und auch jene der späteren deutschen Besatzer. Sie lernt mit dem "Kapital" von Marx (dem einzigen Buch des Großvaters) lesen und schreiben und beginnt nach Kriegsende ihren Schmerz und ihren Lebenshunger in leuchtende Verse zu bannen. 14-jährig wird Zoli mit einem in ihrer Sippe hochangesehenen, allerdings um viele Jahre älteren Geiger verheiratet, den ihr Großvater für sie ausgesucht hat; Stanislaus selbst kommt wenig später bei einem Luftangriff der Deutschen ums Leben.

Roman einer großen Einsamen

"Wenn ich mich jetzt aus der Ferne betrachte", heißt es an einer Stelle über Zoli, "wenn ich mich umsehe und auf all das zurückblicke, sehe ich bloß irgendein Mädchen in einem gepunkteten Kleid, auf schmalen Nebenstraßen unterwegs in einem Land, das ihm auf Schritt und Tritt fremd erschien." McCann zeichnet das Porträt eines Menschen, der mit Hilfe seiner Dichtungen die Begrenzungen des eigenen Ichs zu sprengen sucht und am Ende doch isoliert bleiben muss.

"Mich hat die Kraft dieser Frau fasziniert", erklärt der Autor im Gespräch, "ihr unerschütterlicher Glauben an die Kraft ihrer Worte und Gesänge." Mit Hilfe des irischen Journalisten und Ethnologen Stephen Swann veröffentlicht Zoli ihre rauen, ästhetisch ungezähmten Gesänge – und wird über Nacht zur Vorzeige-Roma in einer von striktem Sozialismus regierten Welt, zur gefeierten Repräsentantin ihres Volkes. Man druckt ihre Gedichte, sendet ihre flammenden Gesänge im Radio. Bis sie bei den sozialistischen Machthabern ebenso plötzlich in Ungnade fällt, von ihrem heimlichen Geliebten verlassen und - am Schlimmsten - wegen angeblicher Kollaboration mit den Mächtigen von ihrer eigenen Sippe verstoßen wird.

Zolis verzweifelte Versuche, sich aus dem öffentlichen Bewusstsein zu streichen und das eigene Selbstbild auszulöschen, indem sie kurzerhand ihre Verse verbrennt, und auch ihre anschließend beginnende, jahrelange Wanderschaft über Ungarn und Österreich in den Westen: All das erzählt McCann in Bildern von suggestiver Dichte. Doch er zeigt auch, was dem Volk der Roma nach einer kurzen Phase der Egalisierung widerfährt: Es wird, nachdem die Revolution im Klima des sich behauptenden Stalinismus jäh erstickt, zwangsweise sesshaft gemacht und in Plattenbauten kaserniert.

All das entrollt sich in Bildern und Episoden von zupackender Schärfe. Dabei gelingt ihrem Autor mit Blick auf seine Protagonistin nicht nur das stimmige Psychogramm einer großen Einsamen, sondern zwischen den Zeilen auch ein flirrendes Panorama Europas zu Zeiten des Kalten Krieges: historisch exakt ausgeleuchtet - atmosphärisch dicht nacherzählt.

Doch vor allem singt McCann ein Hohelied auf die Unbeugsamkeit einer Einzelnen in schwieriger Zeit. Das Resultat ist ein mitreißendes Stück Literatur - und eine weibliche Hauptfigur, die man, ist man ihr erst einmal verfallen, nie wieder vergisst. "Denn diese Frau", so der Ire abschließend, "läuft sprichwörtlich über Scherben. Und mehr als einmal fragte ich mich während des Schreibens: Wie lange hält sie das wohl durch? Am Ende aber hat sie all meine Erwartungen übertroffen, und mich den Glauben an die menschlichen Kräfte und den Willen zu überleben neu gelehrt."


Colum McCann: "Zoli". Roman. Deutsch von Dirk van Gunsteren. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006. 384 Seiten, 19,90 Euro

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