Romandebütantin Sarah Kuttner "Simsalabim, guck mal, Witz!"

Schluss mit lustig? Als quasselnde Göre revolutionierte Sarah Kuttner das Musik-TV. Jetzt hat sie mit "Mängelexemplar" ihren ersten Roman geschrieben - über die Volkskrankheit Depression. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht sie über ihre ernsten Seiten, Angstattacken und kalkulierte Tabubrüche.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kuttner, Sie haben mit "Mängelexemplar" einen Roman über die Volkskrankheit Depression geschrieben. Verwandeln Sie sich vom lustigen Musikfernseh-Mädchen zur literarischen Ratgebertante?

Kuttner: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das Buch ist kein Ratgeber. Ich erzähle einfach die Geschichte von jemandem, der wie wir alle ist - und trotzdem ein bisschen kaputt geht. Meine depressive Hauptfigur Karo ist ja kein Wrack, sondern ein normaler Mensch mit normalen Lebensumständen. Ein "Mängelexemplar" eben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben immer wieder betont, Sie könnten niemals einen Roman schreiben. Wie kam es doch dazu?

Kuttner: In erster Linie fehlte mir wohl immer ein Thema. Und dann wurde ich ein wenig von meinen Freunden inspiriert. Keiner von ihnen ist ein Freak und isst seine Haare oder sammelt Pferdeköpfe. Trotzdem leiden viele Menschen in meinem Umkreis auf irgendeine Art unter psychischen Problemen. Eine Freundin erzählte mir mal, dass ihr Psychiater gesagt hätte, eine Depression sei ein "fucking event". Das fand ich einen unverschämten, aber tollen ersten Satz für ein Buch! Im Auto hat es mich dann blitzmäßig erwischt: Über das Thema will ich schreiben! Also bin ich direkt nach Hause gefahren, habe mich hingesetzt und die ersten zwei Seiten geschrieben. Danach flutschte es.

SPIEGEL ONLINE: Keine Angst zu scheitern?

Kuttner: Doch, natürlich! Ich war mir bis zum Schluss nicht sicher, ob ich es zu Ende kriege. Deshalb habe ich kaum jemandem davon erzählt. Dem Verlag habe ich es zwischendurch nur kurz gezeigt, um sicher zu gehen, dass es nicht kompletter Mist ist. Aber es funktionierte und jetzt bin ich stolz und glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Karos Panikattacken sind sehr plastisch beschrieben. Woher wussten Sie, wie so was abläuft?

Kuttner: Ich habe zwar Psychiater getroffen, aber das war eher, um ein paar grundsätzliche Dinge zu kapieren. Der Rest ist sehr subjektiv. Ich habe viel mit betroffenen Bekannten gesprochen. Eine Depression kann auf 100 verschiedene Arten wahrgenommen werden - mein Glück, da konnte ich nicht so viel falsch machen. Außerdem hatte ich selber mal zwei oder drei Panikanfälle. Die waren zwar schnell wieder weg, aber ich weiß ungefähr, wie sich das anfühlt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind vor Kurzem 30 geworden. Wollten Sie mit dem Roman zeigen, dass Sie erwachsen geworden sind?

Kuttner: Das hat gar keine Rolle gespielt. Es ist schon erstaunlich, wie viele Gedanken sich Außenstehende machen. Ich bin da unbedarft hineingeschlittert und habe zum Beispiel nie an autobiografische Parallelen gedacht. Selbst der Verlag sagte irgendwann: Frau Kuttner, nur dass Sie vorbereitet sind, die Leute werden glauben, das sei autobiografisch. Und ich habe reagiert, als wäre ich fünf Jahre alt: Wirklich? Warum sollten Sie?

SPIEGEL ONLINE: Beim Lesen kommt einem tatsächlich schnell der Gedanke, dass die Geschichte autobiografisch sein könnte.

Kuttner: Viele Leute versuchen jetzt, ganz tief bei mir zu pulen. Aber da gibt es nichts zu pulen. Dann heißt es: Das kann man sich doch nicht ausdenken! Und ich sage: Warum nicht? John Irving hat sich ja auch ausgemalt, wie das ist, von einem Löwen die Hand abgebissen zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Hauptfigur ist witzig und versteckt sich hinter ihren Gags - genau wie die Moderatorin Sarah Kuttner.

Kuttner: Es gibt ja auch bei mir zwei Facetten: Sarah, wenn sie einen Job macht, mit Menschen, denen sie nicht emotional verbunden ist. Und Sarah im Privatleben. Da bin ich anders und verstecke nicht viel. Ich zeige, wenn ich traurig bin und ich fordere Zuneigung genauso stark ein, wie ich sie gebe.

SPIEGEL ONLINE: Coolness ist wichtig. Macht ihre Generation lieber einen flotten Spruch, als dass sie Schwächen offenbart?

Kuttner: Ich will nicht stellvertretend für eine Generation sprechen, aber ich kann den Charakterzug total nachvollziehen. In Momenten, in denen man das Gefühl hat, man will zu viel, nervt oder bringt Leute in Verlegenheit, lenkt man lieber ab: "Simsalabim, guck' mal, Witz!" Das mache ich auch, aber nicht so oft. Ich rüge auch mal Leute, wenn sie Sachen verwitzeln. Manchmal ist es ja wichtig, Klartext zu reden.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem liest sich das Buch wie ein Appell, hinter Ihre lustige Fassade zu blicken.

Kuttner: Nein, Quatsch. Ich kann mein Image nicht ändern, und die private Sarah geht im Grunde ja auch niemanden etwas an. Seit Jahren sage ich in Interviews, dass ich nicht ausschließlich so bin, wie alle immer vermuten. Und trotzdem fragen die Leute immer wieder, ob ich zu Hause auch so viel rede. Kaum einer ist bereit, in Erwägung zu ziehen, dass ich auch andere Seiten habe. Viele Leute sind oft unverschämt zu mir, aus einer Erwartungshaltung heraus. Die wollen mir auf demselben Coolness-Niveau begegnen und drücken mir einen Spruch rein. Das finde ich fürchterlich und unhöflich. Ich bin ein Mensch mit einem starren, fast konservativen Wertesystem.

"Und dieses Bakterienzüchten in Bindeneimern…"

SPIEGEL ONLINE: Sie haben oft gesagt, Sie verfolgten, mit dem, was Sie machen, keine Mission. Das Buch hat aber eine Botschaft, nämlich: Nimm dich an, wie du bist.

Kuttner: Ich hatte nie eine Botschaft im Sinn, jetzt im Nachhinein wird aber von allen Seiten eine hineininterpretiert. Die Leute machen sich viel mehr kreative Gedanken als ich. Vielleicht passt dieser Vergleich: Jahrelang habe ich gedacht, dass Bob Dylan in seinem Song "Mr. Tambourine Man" wirklich über einen Musiker singt - bis ich gehört habe, dass er das wohl als Code für seinen Drogendealer gemeint hat. Soweit hätte ich nie gedacht. In meiner Welt war das halt einfach der Tamburin-Mann. Und ich habe jetzt ein Tamburin-Buch geschrieben, aber alle denken, es könnte auch ein Drogendealer-Buch sein.

SPIEGEL ONLINE: Aber irgendwas haben Sie sich doch dabei gedacht, über das Thema Depression zu schreiben?

Kuttner: Schon. Ich hatte nur keine Botschaft im Kopf. Ich wollte einfach eine Geschichte erzählen. Dass augenscheinlich etwas hängen bleibt, finde ich durchaus schön. Aber ich wollte nie den Zeigefinger erheben und den Leuten Ratschläge geben.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie mit "Mängelexemplar" kritisieren, dass alles und jeder perfekt zu funktionieren hat?

Kuttner: Nein, diesen Druck macht man sich ja selbst, selten das Umfeld. Ich bin mir auch sicher, dass es Depressionen schon immer gab. Früher hat man halt einfach gesoffen oder sich umgebracht, wenn es psychische Probleme gab. Ich glaube aber, dass die Akzeptanz einer Kopfkrankheit gestiegen ist, seitdem zum Beispiel im Fernsehen dauernd jemand zum Therapeuten rennt. Jede Zeit hat ihre Probleme. Heute haben wir enorm viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und sehr wenig Sicherheiten, früher war es genau anders herum. Irgendetwas Existentielles fehlt also immer. Und das fördert ein Ungleichgewicht im Kopf recht schnell.

SPIEGEL ONLINE: Ist Karo für Sie eine positive Figur?

Kuttner: Ich mag sie. Sie ist mir ähnlich, das kann ich nicht abstreiten. Ich war nicht kreativ genug, mir zu überlegen, wie ein 40-jähriger Mann die Sache gesehen hätte. Sie nervt ein bisschen, aber das ist Absicht. Ich habe Sympathie für Leute, die anstrengend sind. Bin ich ja auch.

SPIEGEL ONLINE: Karo ist richtig stolz auf ihre schlimmen Kindheitserfahrungen. Ist das nicht zynisch und oberflächlich?

Kuttner: Nein. Im Gegenteil. Wenn Leute sich selber verletzen, geht es ja auch nicht nur darum, Schmerz rauszulassen, sondern Aufmerksamkeit zu bekommen. Wenn man eine Wunde zeigt, gucken die Leute nun mal hin. Insofern ist Karos offensiver Stolz ein Bild dafür - das klingt jetzt furchtbar esoterisch! -, dass sie früher nicht genug Aufmerksamkeit bekommen hat.

SPIEGEL ONLINE: Depression ist eine Volkskrankheit, trotzdem ist sie mit einem Tabu belegt. Fiel es Ihnen schwer, offen damit umzugehen?

Kuttner: Eigentlich nicht. Aber als ich für ein wenig Recherche beim Psychiater im Wartezimmer saß, schämte ich mich irrsinnig. Natürlich war das total unsinnig, da ich ja nur von Leuten umgeben war, die selbst einen Termin beim Psychiater haben. Und da dachte ich: Siehste, du denkst immer, du bist der modernste, aufgeklärteste Mensch der Welt, dir kann keiner was und dann schämst du dich beim Psychiater.

SPIEGEL ONLINE: Ein Psychiater ist also kein Arzt wie jeder andere?

Kuttner: Doch, genau das! Das muss man nur mal lernen. Einer für den Kopf. Fühlt man sich seelisch im Ungleichgewicht, denkt man nur schnell: Hab' dich mal nicht so, du bist doch nur traurig. Dabei kann so eine Traurigkeit tatsächlich sehr ungesund und behandlungsbedürftig werden. Eine Angstattacke ist das ultimative Zeichen, dass die Seele mit Hilfe des Körpers aussendet: Jetzt geht's nicht mehr. Ich habe viele verzweifelte Psychiater erlebt, die meinten, die Leute kommen immer erst, wenn's zu spät ist.

SPIEGEL ONLINE: Erst wandte sich Charlotte Roche mit "Feuchtgebiete" dem Körper zu, jetzt Sie mit "Mängelexemplar" dem Kopf. Was hat Ihr Buch mit dem Ihrer Kollegin gemein?

Kuttner: Nichts, finde ich. Aber ich habe kürzlich einen hübschen Vergleich gehört: Roche beschäftigt sich mit den Tabuzonen des Körpers, Kuttner mit denen des Geistes.

SPIEGEL ONLINE: Und zwei Moderatorinnen stellen jetzt plötzlich die Diagnose für eine Generation.

Kuttner: Tun wir nicht - zumindest ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von "Feuchtgebiete"?

Kuttner: Ich mag Charlotte und auf eine merkwürdige Art auch ihr Buch - allein, weil es mich komplett ratlos zurücklässt. Ein halbes Jahr lang habe ich mich nicht getraut, es zu lesen, weil ich Angst hatte, ich könnte es doof finden. Irgendwann habe ich es doch getan - übrigens erst, nachdem mein Roman fertig war. Das Buch hat mich angenehm verwirrt zurück gelassen. Diese Helen ist ja nicht nur ein Schmutzfink, der splattermäßig mit Menstruationsblut um sich schmeißt, sondern auch eine irrsinnig tragische und fragile Figur. Ich hoffe nur, dass das Charlottes Intention war. Wenn nicht, ist es doch nur ein Schmuddelbuch.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie so ein Tabubruch nicht auch gereizt?

Kuttner: Nein. Sprachlich waren die "Feuchtgebiete" aber auch kein Tabubruch. So reden wir doch über Sex, jeder benutzt das F-Wort! Mir waren es einfach zu viele blutige Tampons. Und dieses Bakterienzüchten in Bindeneimern…Zwei, drei Szenen weniger dieser Art hätten immer noch das gleiche ausgesagt. Als Tabubruch habe ich eher empfunden, wenn Charlotte in Talkshows saß und gesagt hat: Ich rieche zwischen den Beinen wie ein Iltis. Das fand ich schon ein bisschen unangenehm. Aber das ist eben Charlotte, und ich will sie nicht ändern. Ich glaube sie wollte mit dem Buch auch gar nicht wirklich ein Tabu brechen, sondern eine Geschichte erzählen. Den geplanten Tabubruch würde ich eher ihrem Verlag vorwerfen wollen. Der wusste genau, was er da auf dem Tisch hatte.

SPIEGEL ONLINE: Als Moderatorin läuft's ja nicht so gut, im Fernsehen war Ihr einziges größeres Projekt zuletzt "Kuttner's Kleinanzeigen" in der ARD. Planen Sie eine Zweitkarriere als Schriftstellerin?

Kuttner: Nein. Erstens sehe ich mich nicht als hauptberufliche Autorin und zweitens habe ich genug zu tun, auch wenn Sie empfinden, dass es nicht so gut läuft. Mir geht es mit meinen Fernsehprojekten sehr gut. Es sind ausschließlich Sendungen, hinter denen ich zu hundert Prozent stehe und die mich glücklich machen. Ich habe gerade die zweite Staffel der Poetry Slam-Sendung "Slamtour mit Kuttner" für Sat.1 Comedy abgedreht und mit der zweiten Staffel "Kuttners Kleinanzeigen" sind wir auch fast fertig. Jetzt kümmere ich mich um das Buch, und im Herbst geht es auf Lesereise. Ich bin gut beschäftigt, danke der Nachfrage.

Das Interview führten Thorsten Dörting und Jenny Hoch


Sarah Kuttner: "Mängelexemplar", S. Fischer Verlag, 256 Seiten, 14,95 Euro