Romane des Monats Das Buch zum Wirt

Showman, Aktivist, Wirt des Hamburger Pudel Club: Rocko Schamoni ist eine Größe der Popkultur - doch ist sein viertes Buch auch ein Roman? Außerdem neu: "Das große Haus", Nicole Krauss raffiniert konstruierte Recherche von vier Schicksalen, und Paul Murrays packender Internatsroman "Skippy stirbt".

Rocko Schamoni (im Hamburger Schauspielhaus): "Am Freitagabend klingelt es"
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Rocko Schamoni (im Hamburger Schauspielhaus): "Am Freitagabend klingelt es"


Mikrokosmos jämmerlicher Männlichkeit: Paul Murrays "Skippy stirbt"

Haben Meerjungfrauen Muschis? Kann man Fürze entflammen, ohne sich dabei den Po zu verbrennen? Und was muss man an Halloween in die Bowle kippen, um Mädchen willenlos zu machen? Fragen wie diese beschäftigen die Schüler von Seabrook, einem katholischen Jungeninternat in Dublin, das sich Paul Murray für seinen Roman "Skippy stirbt" ausgedacht hat. Hier leben der unscheinbare Romantiker Skippy, der notgeile Mini-Macho Mario und Ruprecht, der seinem Alltag als übergewichtiger Musterschüler so überdrüssig ist, dass er nach Fluchtportalen in Paralleldimensionen sucht. Nur Carl scheint gut klarzukommen in der sozialdarwinistischen Wildnis, in die das Internat nach Unterrichtsschluss verfällt.

Er nimmt den Fünftklässlern ihre Ritalin-Tabletten ab und vertickt sie als Schlankheitspillen vor der benachbarten Mädchenschule. Das bringt Geld - und die schöne Lori lässt Carl sogar ihre Brüste begrapschen, denn sie steht auf bad boys, findet aber auch Skippy ganz süß, der sie wochenlang mit Ruprechts Teleskop beobachtet und auf der Halloween-Party endlich anspricht. Mario kann Skippys Glück kaum fassen, Ruprecht kriegt in seinem Experimentierkeller nichts mit und Carl will seinen Konkurrenten verprügeln: High Noon hinter der Schulschwimmhalle.

Selbst wenn "Skippy stirbt" eine harmlose Internatskomödie wäre, die sich in diesen Ereignissen erschöpft, würde man der Erzählung des irischen Schriftstellers Paul Murray eine zeitlang gerne folgen. Denn Murray trifft den richtigen Ton, wenn er seine Leser einlädt, sich an die Fersen der Vierzehnjährigen zu heften. Auch jenseits der achten Klasse ist sein Seabrook ein liebevoll ausgestalteter Mikrokosmos der jämmerlichen Männer. Der hochpubertären Schülerschaft steht der emotional und intellektuell verschlissene Lehrkörper gegenüber: Der Geschichtslehrer Howard, den eine blonde Vertretungslehrerin aus der vorgezogenen Midlife Crisis rettet und gleich darauf in eine Beziehungskrise stürzt. Der machthungrige kommissarische Direktor Greg, der Schüler in erster Linie als Risiko für das Markenimage seines Elitegymnasiums betrachtet. Und der neurotische Französischlehrer Pater Green, den die Schüler wegen seiner Obsession für alles Suggestive "Père Vert" nennen.

Doch Paul Murray bricht mit dem Erzählmuster des Bildungsromans: Statt die Herausforderungen der Pubertät zu meistern und erfolgreich aus der Gesellschaft der Überreizten in jene der Verbrauchten überzusiedeln, fällt Murrays Protagonist auf der ersten Romanseite tot vom Stuhl einer Imbissbude. Wie es zu dem Tod kam, schildert der Autor in den ersten zwei Bänden des Romans, die den Mikrokosmos Seabrook etablieren. Was hier wirklich gespielt wird, offenbart sich aber erst im dritten Band, wenn sich die Handlung nach Skippys Tod weiterentwickelt.

Rund 800 Seiten umfasst "Skippy stirbt" und wirkt keinen Moment zu lang, weil Paul Murray seine Männerwelt Stück für Stück aus Machoposen und Marketingfloskeln errichtet und dann mit immer kräftigeren Schlägen wieder einreißt. Dann wird der Reichtum seiner Erzählung deutlich, die weit über Seabrook hinaus in die irische Geschichte reicht. Der Tod des Durchschnittsschülers Skippy ist nur der Anfang einer packenden Verkettung von Katastrophen und Entlarvungen, die schließlich in Missbrauch, Gewalt, Krankheit, Sucht und Depressionen enden - denkbar weit entfernt von einer harmlosen Internatskomödie. Oskar Piegsa

Die Banalität der Banalität: Rocko Schamonis "Tag der geschlossenen Tür"

Rocko Schamonis "Lesetour", wie er es nennt, beginnt am 12. Januar und dauert, mit Unterbrechungen, bis 17. Mai. Über zwanzig Termine. Schamoni hat, so schreibt der Verlag, "eine eingeschworene Fangemeinde als Musiker, Autor, Humorist und Schauspieler." In seiner Heimatstadt Hamburg, könnte man hinzufügen, schätzt man ihn als Miterfinder und Wirt des Pudel Clubs, als Teil des Scherztriumvirats Studio Braun, als stadtpolitischen Aktivisten, öffentlichkeitswirksamen Schnacker, Kumpan von Heinz Strunk, Schorsch Kamerun, Daniel Richter - dies alles wäre hier unwichtig, wenn "Tag der geschlossenen Tür" wirklich Schamonis vierter Roman wäre.

Tatsächlich ist "Tag der geschlossenen Tür" eher das Buch zur Tour. Das Buch zum Wirt, das Buch zum Conferencier. Das Buch zu Rocko Schamoni. Man kann sich die Geschichte von Michael Sonntag, der, wie schon in Schamonis vorigem Buch "Sternstunden der Bedeutungslosigkeit", als alter ego des Autors fungiert, kaum ohne die Stimme ihres Erfinders vorstellen. Wer im Filmhaus Lübeck, im Conne Island in Leipzig, im Grazer Zeiger mit anderen Fans in einem schlecht gelüfteten Raum sitzt und Schamoni zuhört, wird das womöglich herrlich finden - dienen Auftritte von Identifikationsfiguren wie Schamoni doch auch der Hoffnung, nicht allein auf der Welt zu sein, nicht allein mit der Skepsis angesichts der eigenen, abgebrochenen Biografie, dem eigenen Scheitern.

"Tag der geschlossenen Tür" enthält genug Szenen, die einen Auftritt tragen, so die zu den Höhepunkten des Buchs gehörende Beschreibung des Samstagabendpublikums auf St. Pauli. Hier klingt er plötzlich an, der typische Schamoni-Deklamier-Sound, das für ihn typische Überdrehte, das so empörte wie ironisch gebrochene Pathos.

Auf Romanlänge allerdings fehlt dem Buch diese Dringlichkeit. Zudem erweist sich die tagebuchartige Konstruktion, das Hangeln von Kapitel zu Kapitel als große Schwäche. Schamoni berichtet von allzu vielen Nichtigkeiten in allzu schlichtem Ton - man hätte wie in Andy Warhols Tagebuch eine Kunstform daraus machen können, die bloße Banalität der Banalität aber ist nicht unbedingt erhellend: "Am Freitagabend klingelt es um acht Uhr", "Die nächsten Tage bleibe ich zu Hause", "Ich sitze vor meiner Tastatur."

Als Kolumnist ist Sonntag von der Kündigung bedroht; zudem muss er fürchten, sich bei der Prostituierten Nora, mit der er sich einmal monatlich trifft, mit Aids angesteckt zu haben. Und dann hat er sich auch noch in eine Handyverkäuferin verliebt. Zwischendurch schreibt er Romanexposés in der Hoffnung, dass sie abgelehnt werden. Manchmal kommen Freunde vorbei, man fährt ins Casino oder zum Picknick.

So plätschert diese Geschichte aus dem Bohèmeleben zwischen leiser Absurdität und schwelendem Entsetzen, bleibt dabei aber doch merkwürdig unterambitioniert - fast scheint es, als wäre die Fadheit des Buchs eine Metapher für die Fadheit von Sonntags Dasein. Eine These, für die der Besucher einer Lesung Schamonis zumindest kurz die Aufmerksamkeit am Tresen auf sich ziehen könnte. Bei der Lektüre des Romans hilft sie nicht weiter. Sebastian Hammelehle

Ein Schreibtisch stellt die Verbindung her: Nicole Krauss' "Das große Haus"

Alfred Hitchcock prägte den berühmten Begriff des "MacGuffin" für einen beliebigen Gegenstand, der hauptsächlich dazu dient, die Handlung des Filmes voranzutreiben. In Nicole Krauss' drittem Roman "Das große Haus" ist es ein monströser Schreibtisch mit 19 Schubladen, der die Verbindung herstellt zwischen vier zunächst unverbundenen Erzählfäden.

Eine New Yorker Schriftstellerin hatte den Tisch einst von einem Chilenen übernommen, der in seine Heimat zurückkehrte, wo er vom Pinochet-Regime verschleppt und ermordet wird. Als eine junge Frau, die vorgibt, die Tochter des Chilenen zu sein, den Schreibtisch zurückfordert, gerät das Leben der Autorin aus der Bahn. Zuvor war das Möbelstück in Besitz einer aus Nürnberg stammenden Jüdin gewesen, die als Begleiterin eines Kindertransports nach England dem Holocaust entkommen war - und darüber ebenso wenig sprechen will wie über ein anderes Geheimnis, das ihr Mann kurz vor ihrem Tod entdeckt. Und dann ist der Schreibtisch noch das fehlende Puzzleteil für einen Antiquitätenhändler, der versucht, in Israel das Arbeitszimmer seines von der Gestapo in Budapest verhafteten Vaters zu rekonstruieren.

Dass dieses komplizierte Handlungsgeflecht sich im Roman spannend liest, liegt daran, dass die vier Erzähler erst nach und nach - zusammen mit dem Leser - in die Rätsel der Vergangenheit eindringen; eine raffinierte Konstruktion, die an der Behauptung der Autorin zweifeln lässt, sie habe beim Schreiben nie einen Masterplan im Sinn.

"Im Gegensatz zu Menschen", lässt Nicole Krauss eine Figur sagen, "verschwinden die leblosen Dinge nicht einfach". Der Schreibtisch, der die Geschichten antreibt, ist mit Erinnerungen aufgeladen; durch sie ist er mehr als "ein Nichts", als das Hitchcock seinen MacGuffin definiert.

Die Erinnerung an Verlorenes auf diese Art in einem Symbol zu bündeln, das über Generationen und Kontinente hinweg weitergegeben wird und zudem noch mit etwas jüdischer Mythologie aufgeladen ist: Das ist natürlich nicht frei von Pathos. Doch gelingt es Nicole Krauss, diese Idee in vergleichsweise nüchterne Worte zu fassen; um kitschige Sätze, die manche Kritiker ihrem vorigen Roman "Geschichte der Liebe" vorwarfen, kommt sie diesmal herum. Dass Krauss aus komplexen Erzählstrukturen einfach zu lesende und mitreißende Romane zu machen versteht, ist ohnehin der Kern ihres unbestreitbaren Talents. Felix Bayer



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spon-facebook-10000297657 12.06.2012
1. Skippy stirbt - Großartiger Coming-of-Age Roman!
Auch mir hat "Skippy stirbt" ausnahmslos gut gefallen. Die Echtheit der Figuren erreicht Murray spielend einfach, indem er jeder ihre ganz eigene Erzählstimme zuordnet. So weiß man schon, um wessen Perspektive es gerade geht, noch bevor auch nur ein einziger Name fällt. Meine Rezension: http://www.leselink.de/buecher/entwicklungsroman/skippy-stirbt.html
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