Romane des Monats Europa ist auch nur ein Triebwesen

Drei gestandene Schriftsteller erkunden Eros und Rausch: Péter Nádas in einem großen Europa-Panorama, Bernd Cailloux in einem Porträt der analogen Bohème. Und Andrea De Carlo versucht, die gute alte italienische Lebensart zu regenerieren.

Romanthema Italien: Dolce Dinkelkeks
Corbis

Romanthema Italien: Dolce Dinkelkeks


Erstaunlich lässige Heiterkeit: Péter Nádas' "Parallelgeschichten"

Proust, Mann, Musil: Nun werden sie wieder angerufen, die Apostel der modernen Literatur, geraunt und gewispert zur Weihe von Péter Nádas als einen ebenbürtigen Nachfolger - wie ungezählte Male zuvor, wenn es in den vergangenen hundert Jahren steil empor ging in der modernen Romankunst. Und wie bereits schon einmal für den 70-jährigen Ungarn, der seit seinem 1000-seitigen Opus magnum "Das Buch der Erinnerungen" (1991) einen schönen Platz in der Autorengalerie der Nachkriegsmoderne besetzt hält, auf halber Höhe gewissermaßen, in der Nachbarschaft von Tisma und Lobo Antunes.

Nun hat Nádas noch mal einen Schlag draufgelegt und präsentiert nach 18-jähriger Arbeit sozusagen sein Opus-magnum-Plus: außerordentlich ambitioniert nicht nur wegen seiner im Wortsinn unfassbaren 1700 Seiten, die der Verlag immerhin auf zwei halbwegs handhabbare Bücher verteilt hat, um die Anstrengung beim Lesen zu mindern.

Anstrengung ist ein zentraler Begriff zum Verständnis dieser gigantischen Prosa-Unternehmung. Tatsächlich lassen sich die "Parallelgeschichten" als Versuch lesen, die höchsten Gipfel der Literatur zu erklimmen, um auf Augenhöhe mit Sankt Marcel und dem Heiligen Thomas noch einmal das große Ganze in seiner Totalität zu erfassen. Beim Epochenumbruch 1989 ansetzend, rollt Nádas im Rückblick ein historisches Panorama des Nachkriegseuropa bis zum Zivilisationsbruch der Nazis aus und stellt es in einen Resonanzraum, in dem die Kultur des bürgerlichen Zeitalters widerhallt, mitunter aber auch der eisige Hauch der Menschheitsgeschichte zu spüren ist.

Das sind mindestens Tolstoische Dimensionen. Die allerdings kann der spätbürgerliche Autor Nádas nicht mehr vom aristokratischen Feldherrenhügel des russischen Romanpatriarchen betrachten. Paradox gesagt: So hoch Nádas hinaus will, so tief muss er hinabsteigen, um das imposante Massiv des kulturgeschichtlichen Erbes als einen Komplex zu begreifen, der ebenso wenig beherrschbar ist, wie es die Triebe sind. Vor allem den sexuellen Obsessionen widmet sich der Erzähler mit der nie nachlassenden Neugier eines aufgeklärten Seelenkundlers und hingebungsvollen Erotomanen, der Fetische und Geschlechtsteile mit akribischer Delikatesse schildert. Das "verdammte europäische Ich" (Nádas), eine Art kollektives Meta-Ego, dem der Autor in einer Vielzahl meisterhaft gezeichneter Charakteren nachspürt, ist in diesem Roman ein unter der Last der Vergangenheit ächzendes Triebwesen.

Ächzen mag auch der Leser, wenn er sich der kilo- und gedankenschweren Lektüre annimmt: geprüft wie einer, der ein paar Jahrgänge "Lettre" am Stück durchackern muss. Doch dann! Begegnet er einem Erzähler, der sich nie an der Steilwand seiner Ambitionen verirrt und sich stattdessen dem Fluss seiner Imaginationen anvertraut. Und lernt in Nádas einen Virtuosen der atmosphärisch dichten und ungeheuer sinnlichen Schilderungen kennen, deren Zauber sich nicht zuletzt den kunstvollen Auslassungen verdankt - denn so erschöpfend der Roman im Ganzen ist, so sind seine einzelnen Teile in der Gewissheit geschildert, unausschöpflich zu sein. Das verleiht ihnen Würde und dem Erzähler eine erstaunlich lässige Heiterkeit. So gelangt Nádas tatsächlich auf den Gipfel der Erzählkunst: auf Augenhöhe seiner Figuren und ihrer Milieus.

Marcel Proust hätte erstaunt eine Augenbraue gelupft und Thomas Mann nervös an seinem Bärtchen gezupft. Hans-Jost Weyandt

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Die Dinkelkekse des neuen Italien : Andrea De Carlos "Sie und Er"

Italien, wohin ist es nur mit dir gekommen? Wer den neuen Roman von Andrea De Carlo, dem italienischen Sinnlichkeits-Ausdeuter per se liest, findet reichlich Hinweise darauf, dass etwas mit dem Land nicht stimmt. De Carlos Held, Daniel Deserti, ist ein gefeierter, begehrter und doch extrem gelangweilter Schriftsteller, der mehr kaputte Affären vorzuweisen hat als Romanseiten in seinem Gesamtwerk. Der letzte große Wurf liegt auch schon mehr als ein Jahrzehnt zurück. Kasse macht so einer nicht mehr. Ob das auf Dauer seinem Mailänder Traditionsverlag gefällt, der gerade von einem schwedischen Möbelhaus übernommen wurde, ist fraglich. Die Frauen sind natürlich auch nicht mehr das, was sie mal waren. Die letzte oder vorletzte Ex von Deserti knabberte am Morgen danach immer Dinkelkekse. Dinkelkekse! Nach dem Sex! In Italien!

Man muss schon sehr stumpf sein, um beim Lesen von De Carlos neuem Roman "Sie und Er" nicht zu kapieren: Mit diesem Land stimmt etwas nicht. Doch lassen wir uns von diesen sehr aufdringlichen Hinweisen nicht in die Irre führen - bei der Feinausdeutung seines gealterten Helden läuft De Carlos wieder einmal zu großer Form auf. Sein Daniel Deserti, der ja fast so einen schönen Namen hat wie er selbst, ist ein Unbehauster, ein Sprach-Verwaister und trotz all seiner geliebten und gefeierten Werke: ein einsamer Mann. Die Mutter verdrückte sich früh und schickte ihn aus allen Ecken der Welt Bücher in unterschiedlichsten Sprachen, die er dann der Tante vorlesen musste. So war er bald zu Hause in dem Leben anderer Menschen und in Sprachen, die er nicht wirklich verstand.

Wie sich De Carlo in diesem Teil des Buches in den verqueren Identitätsentwurf seines Helden hineinarbeitet, das erinnert an die stärksten Momente seiner Fabulierkunst, an Frühwerke wie "Vögel in Käfigen und Volieren" (1984) oder "Zwei von zwei" (1989). Darin ging es immer wieder um die Überwindung des Fremden in einem selbst, und das in einfachster und klarster Sprache. Und diesem Muster folgt nun auch sein 600-Seiten-Werk "Sie und Eer". Der grame Großschriftsteller findet über eine junge Amerikanerin - auch sie unversöhnt mit ihrer Umwelt - Zugang zurück ins Leben. Also ins echte, ins italienische Leben.

Andrea De Carlo, der ewig wild gelockte Italo-Balladeer des Diogenes, steht inzwischen ja auch schon kurz vor seinem 60. Geburtstag. Und man wird das Gefühl nicht los, eine Menge des Weltzornes seines Helden ist sein eigener. So gesehen könnte "Sie und er" also eine Therapiemaßnahme in eigener Sache sein.

Und wie sieht diese Therapiemaßnahme aus? Auf einmal lässt der Schriftsteller für die Amerikanerin das dreckige Mailand hinter sich, in der flirrenden Luft Liguriens tut sich das alte Italien auf. Das Paar fährt mit einem Motorroller die Küste entlang, isst in kleinen Restaurants Pasta, trinkt vor Meereskulisse einen Vodkatini oder einen falschen Negroni. Doch gerade als man sich dieser Literatur der zarten Brise und des milden Rausches öffnen will, da fallen ein paar verräterisch plumpe Sätze. Etwa als De Carlo beschreiben will, wie sein regenerierter Schriftsteller magisch von der Fremden angezogen wird und wie ihm dann keine andere Umschreibung einfällt als diese: "Sie öffnet das Tor, hält einen Flügel auf, um Deserti vorbeizulassen, schließt es wieder. Ihre Art sich umzudrehen, gefällt ihm; sie hat einen schönen, hohen, runden Po." Was da als entschlackte Erotik daherzukommen versucht, ist in Wirklichkeit machistische Bunga-Bunga-Prosa.

Schade, so wird es mit der Wiederentdeckung des guten alten Dolce Vita nichts. Da kann sich De Carlo so breitbeinig und gespreizt präsentieren wie er will: Italien ist voll auf Dinkelkeks. Christian Buß

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Die Drogen der analogen Bohème: Bernd Cailloux' "Gutgeschriebene Verluste"

"Schön war die Zeit, Frau Doktor", sagt er kurz nach der Diagnose, "es hat einen mitgerissen." Chronische Hepatitis C war da gerade im Blut des Erzählers festgestellt worden. Die Prognose: zwei Jahre Restlebenszeit, mit Therapie vielleicht fünf. Die Ursache: Ein erster und letzter Schuss Heroin aus einer verunreinigten Spritze, im August 1968, auf den Spuren von William Burroughs. "Frau Doktor, wir hielten uns für den rebellischen Drogen-Flügel der Bewegung, für einen Wahrheitssuchtrupp, eine Pionierabteilung der Weltrevolution, wichtig für den allgemeinen Bewusstwerdungsprozess ..."

In Bernd Cailloux' Roman "Gutgeschriebene Verluste" kommt es nicht oft vor, dass sich der namenlose Erzähler so in Fahrt redet. Häufiger ist sein Tonfall lakonisch, humorvoll und nüchtern in dem Sinne, dass er nicht berauscht ist und nicht blenden will. Es ist der Ton eines Mannes, der sich mit seiner Vergangenheit und ihren Konsequenzen abgefunden hat - der noch mit Anfang 60 allein in seine Westberliner Stammkneipe zieht, keine Karriere, keinen Wohlstand und keine Familie hat, nur gelegentliche Aufträge als Essayist, kurzlebige Affären und einen alten Freund, der selber längst mit Frau und Eigenheim am Stadtrand lebt. "Gutgeschriebene Verluste" erzählt von einem gelebten Leben - und dem Altern in relativer Einsamkeit. Mit dem Autor hat dieser Erzähler wohl mehr gemein, als nur die biografischen Eckdaten. "Das Geschäftsjahr 1968/69", sein autobiografisch inspirierter Roman über ein sozialistisches Kollektiv, das versehentlich die Revolution mit der Kulturindustrie versöhnte, taucht hier als Lebenserinnerung auf. "Roman mémoire" nennt Cailloux sein neues Buch.

62, 63, das ist natürlich keine imposante Zahl für ein Schriftstellerleben, das reicht noch nicht mal, um eine Angestelltenlaufbahn vorschriftsgemäß zu Ende zu bringen. "Goethe 83, Shaw 94, Hamsun 93, Maeterlinck 87, Tolstoi 82", notierte einst Gottfried Benn, als er über das "Altern als Problem für Künstler" nachdachte. Doch Bernd Cailloux' Erzähler war nicht angetreten, um eines Tages als Büste zwischen diesen Geistesgrößen der westlichen Welt zu enden. Im Gegenteil: Er gehört zu einer Generation, welche die Gipsköpfe aus dem Regal stoßen wollte. Die Dichter seiner Generation waren biochemisch beschleunigt, elektrisch verstärkt oder beides. Und das Altern war nicht vorgesehen. Neil Young - Jahrgang 1945, genau wie Bernd Cailloux und sein Erzähler - sang "It's better to burn out than to fade away". Der ein Jahr ältere Roger Daltrey stotterte: "I hope I die before I get old."

Dass er ein "Übriggebliebener" sei, wie jemand zu Beginn seiner Lebenserinnerungen suggeriert, weist der Erzähler von sich, weiß aber, dass er aus der Zeit gefallen ist. Wenn er in der Kneipe sitzt und über sein Bohèmeleben spricht, nennt er sich sicherheitshalber einen "analogen" Bohèmien, im Unterschied zum Berliner Gegenwartsphänomen der "digitalen Bohème", jenen modischen Freiberuflern, die ihre Laptops und Arbeit mit ins Café tragen - der post-68er Lifestylekapitalismus macht's möglich.

Inzwischen erlebt man häufiger, dass die Helden der Gegenkultur nicht mehr nur öffentlich sterben, sondern zuvor auch öffentlich altern. Der im vergangenen Jahr gestorbene Soulsänger und Dichter Gil Scott-Heron ist ein Beispiel, oder der Gitarrist Roky Erickson aus der Band "13th Floor Elevators", der selbst zum "rebellischen Drogen-Flügel der Bewegung" zählte. Beide haben zuletzt mit mehr als 60 Jahren und in merklich verschlissenen Körpern noch Platten aufgenommen, die ehrlich und introspektiv, wund, würdevoll und groß klangen - ein Sound, der auch Bernd Cailloux in "Gutgeschriebene Verluste" gelingt. Oskar Piegsa

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