Romane des Monats Sag zum Abschied leise Tschüssikowski

Karrierefrau in Absturzangst: Thomas von Steinaecker beginnt seinen phantastischen neuen Roman im Großraumbüro einer Versicherung. Benjamin Lebert lässt erzählerisches Talent erkennen. Und Javier Marías erzählt von einem Mord auf offener Straße.

Romanthema Karriere: Größenwahn fährt Achterbahn
Corbis

Romanthema Karriere: Größenwahn fährt Achterbahn


Bedenklich schwankende Karriereleiter: Thomas von Steinaeckers "Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen"

Dieser Roman trägt nicht nur einen außergewöhnlich langen Titel, der ziemlich genau und dabei vielfältig schillernd die erzählerischen Bewegungen in einen Satz zusammenfasst. Auch seine Handlung schlägt einen außergewöhnlich weiten Bogen. "Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen" beginnt gegenwartssatt auf der Spitze der weltweiten Finanzkrise 2008 und in den zugigen Höhen einer bedenklich schwankenden Karriereleiter, auf der die Ich-Erzählerin weiter emporzusteigen hofft, wenn sie ihre Arbeit im Büroturm einer Münchner Versicherung antritt, um das Geschäft mit jenen Absturzängsten zu betreiben, die sie selbst lähmen. Es endet gespenstisch im musealen Haus einer bayerischen Greisin, die es - als sei sie eine spät entdeckte Weggefährtin von W. G. Sebalds "Ausgewanderten" - in ein seltsam parallelzeitliches Nirwana irgendwo hinter Samara verschlagen hat. Dort fährt ein naiv antiquierter Größenwahn bedrohlich gegenwärtig Achterbahn mit futuristisch-totalitären Kinderträumen.

Es ist phantastischer Roman über Wirklichkeiten, die mächtig Angst einflößen können. Und ein realistischer Roman über die Phantasmen einer Paranoia, die aus der Ohnmacht erwächst. Ein vielschichtiges Erzählwerk gegenläufiger Bewegungen, das seine Gegenstände sehr genau erfasst und reflektiert, in dem jedoch nichts so zu sein scheint, wie es wirkt, und selbst die Fotos im Textfluss eher Zerr- denn Widerspiegelungen des Erzählten gleichen. Dabei verfügt Renate Meißner, so heißt diese alle, auch sexistische Klischees einer Karrierefrau in sich vereinigende Erzählerin, über beeindruckend funktionierende Spracheinheiten, mit deren Hilfe sie umstandslos die Schwächen und Stärken ihrer Kollegen und Kunden, versicherungs- und beziehungstechnische Sachverhalte nebst allgegenwärtiger Worst-case-Szenarien zu benennen und einzuordnen weiß. Ihre Schilderungen schnurren sonor wie das Sounddesign eines Luxuslimousinenmotors, und sie vermag ihr berufliches Umfeld satirisch pointiert zu durchleuchten, von der grauenhaften Tschüssikowskisierung der Großraumbürosprache bis zu den hierarchischen Codes aus Grußformen, Parfums und Uhrenmarken, die jedem Funktionsträger so lange teuer sind, bis der Sensenmann der Rationalisierung sie als billigen Tand entlarvt.

Doch so überzeugend ihre effiziente Eloquenz sein mag, so zweifelhaft ist, ob diese 42-jährige Frau überhaupt eine eigene Sprache besitzt. Denn, und das ist kühn, Thomas von Steinaecker führt Renate Meißner ein, indem er sie als eine Erzählerin dekonstruiert, deren blendende Fassadenidentität aus einem grotesken Patchwork diverser Textmodi zusammengezimmert ist - und das erstaunlichste an diesem außerordentlichen Roman, der thematisch und motivisch auf verblüffende Weise mit Marlene Streeruwitz' meisterhafter "Schmerzmacherin" korrespondiert, ist die anrührende Schönheit, mit der Steinaecker diese Erfolgsfrau nach Worten für ihr Elend suchen lässt. Genauer: für ihr Seelenheil. Denn zuletzt offenbart sich dieser cool-präzise Zeit- tatsächlich als ein empathischer Erbauungsroman, der das gefallene Mädchen Renate, das nach Eltern und Geliebtem auch den Job verliert und seine Träume längst an Tabletten verloren hat, von seiner Läuterung erzählen lässt. Und dass dabei kein prämoderner "Gartenlauben"-Kitsch entstanden ist, sondern eine an Ödön von Horvárths collagierte Sprachmelodien erinnernde Erzählbewegung, ist Steinaeckers Sensibilität zu verdanken, mit der er den sprachlosen Schmerz an den Bruchstellen der zeitgemäßen Texteffizienz zum Klingen bringt. Hans-Jost Weyandt

Buchtipp

Ein Offroader namens Ritchie Blackmore: Benjamin Leberts "Im Winter dein Herz"

In der Zukunft halten alle Menschen Winterschlaf. Fast alle. Denn während die Welt für einige Monate wegdämmert, tanken drei Fremde gemeinsam einen Geländewagen voll. Am Steuer sitzt eine ungewollte Tochter türkischer Einwanderer, die sich selbst Annina und ihren 4x4-Offroader Ritchie Blackmore nennt, nach dem Hard-Rock-Gitarristen und Gründungsmitglied von Deep Purple. Ihr Beifahrer ist Kudowski, der nach würzigem Aftershave riecht und Anninas Toughness mit Machosprüchen erwidert. Und auf der Rückbank hockt der dürre und kränkliche Robert, ein Kafka- und Konfuziusleser, der keine feste Nahrung zu sich nehmen kann, ohne sich zu erbrechen. Während der staatlich verordneten Zivilisationspause, durch die Ressourcen gespart und die Umwelt geschont werden sollen, brechen die drei nach München auf, wo ein abtrünniger Pastor seine Kirche offenhält - und alle schlaflosen Outlaws willkommen heißt.

1999 erschien Benjamin Leberts millionenfach verkauftes Literaturdebüt "Crazy" und machte den damals 16-Jährigen zum Star. Doch schon seine zweite Veröffentlichung, die mittels Zeilenabstand und Schriftgröße zum Roman aufgebauschte Kurzgeschichte "Der Vogel ist ein Rabe" enttäuschte. Zwei junge Männer reisten darin im Nachtzug durch die Republik, unterhielten sich über ihre Lebenskrisen und erlebten eine Pointe, die sich wie eine Schreibübung auf den Spuren Edgar Allan Poes las. Auch "Im Winter dein Herz" erzählt von einer Reise, die Leben verändert, und verbindet Elemente des Jugendromans und der Schundliteratur. Dass Benjamin Leberts inzwischen fünfter Roman demnächst mit Mel Gibson in der Hauptrolle als Rachefeldzug gegen den Ökostalinismus verfilmt wird, ist aber wohl ausgeschlossen. Dafür interessiert sich der Autor zu sehr für das Innenleben seiner Figuren. Der menschenleere Winter ist in erster Linie ein metaphorischer Rahmen für die Suche nach Freundschaft, Vertrauen und "Momenten der Geborgenheit". Dass Lebert als Erzähler zudem die Nebensätze und literarischen Zwischentöne für sich entdeckt hat, hebt diesen Roman wohltuend von seinem Frühwerk ab.

Dennoch sind seine Protagonisten kaum komplexer, als ihre philosophischen Erkenntnisse: "Bekanntlich führt einen das Leben fast immer an der Nase herum", erklärt Robert zu Beginn der Reise, und zum großen Finale hält Kudowski Monologe auf seine Menschlichkeit, als wäre er ein zweiter Shylock. Annina ist die ungewöhnlichste und interessanteste der drei Figuren. Doch wachsen muslimische Migrantentöchter wirklich mit Astrid-Lindgren-Büchern und TKKG-Kassetten auf, oder ist das eine Projektion, die zu ihrem bürgerlich deutschen Vornamen passt? Leider erschöpft sich der türkische Hintergrund von Annina in ihrer dunklen Haarfarbe.

Die entscheidende Frage, mit der Benjamin Lebert seine Leser entlässt, stellt Protagonist Kudowski auf der letzten Seite: "Und wie geht's jetzt weiter?" Was die Beantwortung dieser Frage in Bezug auf Benjamin Leberts Schriftstellerei angeht, stimmt "Im Winter dein Herz" eher zuversichtlich. Oskar Piegsa

Buchtipp

Dunkle Sinfonie: Javier Marías' "Die sterblich Verliebten"

Das Grundmotiv von "Die sterblich Verliebten" ist so spektakulär, dass es fast schon abgenutzt wirkt: Eine junge Frau, María Dolz, beobachtet beim Frühstück in einem Café allmorgendlich zwei Eheleute, Luisa und Miguel Deverne - bald darauf ist der Mann tot. Ermordet auf offener Straße.

Zuvor waren die beiden Dolz geradezu perfekt erschienen, bei all der Zuneigung und der Aufmerksamkeit, die sie einander entgegen brachten - Musterspanier waren sie, der geschmackvoll gekleidete Mann und seine schöne Frau, fast schon klischeehaft zu nennen, hätte nicht Javier Marías sie sich ausgedacht: Jahrgang 1951, Bestsellerautor seit "Mein Herz so weiß", vor allem aber einer von weltweit höchstens drei Autoren, die es verstehen, auch über die gediegene Oberfläche zu schreiben, ohne dass, wie bei manchem deutschsprachigen Schriftsteller, der Verdacht aufkeimt, hier werde der Maßschuh missbraucht als Waffe im Kampf um die Ästhetik des bürgerlichen Romans.

Die erzählerischen Aufwendungen für Schuhe allerdings spart Javier Marías anderswo wieder ein: Er braucht für seine Geschichte weder allzu viel Handlung, noch allzu viel Personal. Ihm reicht ein Reigen von drei, einander zum Teil überschneidenden Paaren.

Als sich die Gelegenheit ergibt, nähert sich Dolz der Witwe. Die beiden kommen ins Gespräch - und Marías, der in einem Interview über das Buch gesagt hat, er habe "keinen dieser Schmöker schreiben wollen" hat seine Form für diesen Roman gefunden: Die bedachte, mit dem nötigen Ernst und gelegentlichen Exkursen in die Kulturgeschichte geführte Konversation. Gespräche, die in die stimmungsgesättigte Atmosphäre dieses Romans eingewoben sind wie ein unaufdringliches und doch stets präsentes Muster. Gespräche, die vor allem um zwei Themenbereiche kreisen: die Liebe und den Tod. Gespräche, die Dolz schnell auch mit einer weiteren, für den weiteren Verlauf der Geschichte, entscheidenden Person führt.

Marías' erzählerisches Geschick besteht darin, die dem Roman zugrunde liegende Intrige so zu verpacken, dass der Leser zwar von Anfang weiß: Der Tod des Miguel Deverne kann, anders als dies die Öffentlichkeit glaubt, kein unglücklicher Zufall gewesen sein - und dann wie ein Schachspieler, der sich der Partie von der Eröffnung an sicher ist, mit größter Ruhe Zug auf Zug folgen zu lassen. Und so nimmt, was als ungemein elegante und doch fast alltägliche Geschichte begonnen hatte, im Laufe dieses Buchs geradezu unmerklich Fahrt auf. Nein, dieses Buch ist kein simpler Schmöker geworden - es ist eine dunkle Sinfonie. Sebastian Hammelehle

Buchtipp

Anmerkung: In der vergangenen Woche empfahlen wir Ein Offroader namens Ritchie Blackmore: Benjamin Leberts "Im Winter dein Herz"Andrea Di Carlos Italienroman "Sie und Er" - der Titel erscheint allerdings erst Ende Februar 2012.



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