Terrorismus Wie eine Journalistin die RAF-Rentner finden wollte

Seit der Wende leben die Ex-RAFler Staub, Klette und Garweg im Untergrund. NDR-Autorin Patrizia Schlosser fahndete anderthalb Jahre nach dem Trio - mit ihrem Vater, der früher Terroristen töten sollte.

Burkhard Garweg, Daniela Klette, Ernst-Volker Staub (Fahndungsplakat): Wie eine Schweigemauer
LKA Niedersachsen

Burkhard Garweg, Daniela Klette, Ernst-Volker Staub (Fahndungsplakat): Wie eine Schweigemauer

Ein Interview von


Staub, Klette, Garweg - bitte wer? Schlagartig rückten Anfang 2016 drei frühere RAF-Terroristen in den Blick, die längst vergessen schienen. In Stuhr bei Bremen hatten sie offenbar einen Geldtransporter überfallen. Im Fluchtfahrzeug fand die Polizei DNA-Spuren - und war alarmiert.

Auch dank neuer technischer Methoden entdeckten die Ermittler Schritt für Schritt eine Serie aus zwölf Raubüberfällen, die sie dem Trio zuschreiben. Erste Tat 1999 - ein Jahr nachdem sich die Terrortruppe aufgelöst hatte. Jüngste Tat: Juni 2016. Womöglich braucht das Trio stets neues Geld für ein Leben im Untergrund.

Als die Journalistin Patrizia Schlosser zum ersten Mal davon hörte, wollte sie mehr erfahren. Mit ihrem Vater, einem Ex-Polizisten, begab sie sich auf Spurensuche. Das Ergebnis war zunächst der Podcast "Im Untergrund", der 2018 den Deutschen Radiopreis gewann. Nun ist die Geschichte auch als Buch erschienen.

Im Interview erzählt Schlosser, warum ihr Vater für die Recherche so wichtig war. Wie verbohrt sie frühere RAF-Unterstützer erlebt hat. Und was sich an ihrem linken Weltbild geändert hat.

Zur Person
  • Jens Oellermann/ Audible/ DPA
    Patrizia Schlosser, 32, ist Autorin und Filmemacherin beim NDR ("Panorama - die Reporter"). Sie studierte Geschichte und Kultur des Nahen Ostens, volontierte beim Bayerischen Rundfunk. Die Journalistin lebt in Hamburg und München.

SPIEGEL: Frau Schlosser, in Ihrem Buch beschreiben Sie Ihre Recherchen zu drei früheren RAF-Terroristen, die seit fast 30 Jahren verschwunden sind. Warum begaben Sie sich eigentlich auf die Suche? Die Polizei ist doch dran.

Schlosser: Ich war 2016 überrascht, als die drei wegen einer Raubserie in die Schlagzeilen gerieten. Da gibt es Leute, die wie Gespenster aus der Vergangenheit unterwegs sind - und wir wissen fast nichts über sie. Das hat meine Neugier geweckt. Hinzu kam, dass mein Vater mich damals aufgeregt anrief. Er war Anfang der Siebzigerjahre Streifenpolizist, in der Hochphase der RAF. Von seinen Erlebnissen hatte er nie viel erzählt. Für uns beide, das stand rasch fest, war die RAF-Zeit längst nicht abgeschlossen.

SPIEGEL: Sie haben Ihren Vater überreden können, gemeinsam zu suchen.

Schlosser: Ich habe ihn gewissermaßen gezwungen. Er ist pensioniert, lebt in Bayern und hielt das am Anfang für großen Schmarrn. Unser Ziel war, die drei zu finden und mit ihnen ein Gespräch zu führen. Das klingt total naiv. Aber wenn man immer nur danach geht, was realistisch ist, braucht man mit vielen Recherchen nicht zu beginnen. Und heute bin ich sehr froh über das Ergebnis, auch wenn wir die drei natürlich nicht gefunden haben.

SPIEGEL: Wie wichtig war Ihr Vater für die Geschichte über die Spurensuche?

Schlosser: Die Geschichte hätte ohne meinen Vater nicht funktioniert. Er würde sagen, ich bin an die Recherche herangegangen wie eine linksgrünversiffte Träumerin. Ich fand, er war ein piefiger, grantiger Beamter mit einer sehr konservativen Sicht auf alles Linke. Der Kern der Geschichte ist die Auseinandersetzung zwischen meinem Vater und mir, das hat sich im Laufe der Recherche so entwickelt. Wir mussten uns ständig über unterschiedliche politische Positionen verständigen.

Vater und Tochter Schlosser auf Recherchereise: Aushalten, dass es Differenzen gibt
privat

Vater und Tochter Schlosser auf Recherchereise: Aushalten, dass es Differenzen gibt

SPIEGEL: In welcher Frage zum Beispiel?

Schlosser: Der Staat ging damals hart gegen RAF-Sympathisanten vor und behandelte sie fast wie Terroristen. Ich finde, ein Rechtsstaat darf so nicht reagieren. Mein Vater sagte dazu: "Wo gehobelt wird, da fallen Späne." Zugleich konnte er meine Sicht verstehen. Wir haben während der knapp anderthalbjährigen Recherche gelernt, dass man nicht immer alles durchfechten muss. Man kann auch aushalten, dass es Differenzen gibt. Am Ende einer Diskussion muss der andere nicht den eigenen Argumenten folgen. Gerade heute würde ich diese Erkenntnis vielen Menschen wünschen.

SPIEGEL: Inwiefern?

Schlosser: Ich habe das Gefühl, dass es zurzeit eine große Kluft gibt zwischen den Generationen. Nehmen Sie die Flüchtlingsfrage oder Pegida. Da zerbrechen Familien, weil Jung und Alt so uneins sind und es nicht schaffen, vernünftig zu diskutieren.

SPIEGEL: Wie wollten Sie an das flüchtige Trio herankommen?

Schlosser: Ich habe mich in die RAF-Geschichte eingewühlt, habe versucht, alles zu lesen. Dann habe ich geschaut: Welche früheren Mitglieder leben heute legal in Deutschland, was ist mit dem Umfeld von früher? Wer von denen kann mir weiterhelfen bei der Frage, wer die drei sind? Dann habe ich Briefe geschrieben, so ungefähr 30. Mit der Bitte um ein Gespräch. Und bin schnell an Grenzen gestoßen. Ich stand vor einer Schweigemauer. Als wären wir im Jahr 1985. Zum Glück gab es ein paar Ausnahmen.

SPIEGEL: Was waren die Schlüsselmomente Ihrer Recherche?

Schlosser: Es gab zwei Erlebnisse, die mir gezeigt haben, wie verhärtet die Fronten noch sind. Ich hatte mal einen Kaffeeplausch mit Karl-Heinz Dellwo, Mitglied der zweiten RAF-Generation. Sie hätten damals gewusst, wofür sie kämpfen, sagte er. Meine Generation wüsste ja nicht einmal mehr, für was sie steht. In einem Wald in Niedersachsen habe ich außerdem mit meinem Vater zwei Leute aus dem früheren Sympathisantenumfeld getroffen. Sie verteidigten wortreich den Mord an Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer 1977. Beeindruckt hat mich die Geschichte meines Vaters von seinem Einsatz beim Olympia-Attentat 1972 in München.

Preisabfragezeitpunkt:
06.09.2019, 09:55 Uhr
Ohne Gewähr

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Patrizia Schlosser
Im Untergrund: Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich

Verlag:
HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH
Seiten:
256
Preis:
EUR 18,00

SPIEGEL: Diese Episode schildern Sie im Buch sehr ausführlich. Warum?

Schlosser: Die Erlebnisse sagen viel darüber aus, warum mein Vater so denkt, wie er denkt. Die RAF hatte damals dem Staat den Krieg erklärt - und damit auch meinem Vater. Bei Olympia brachten palästinensische Attentäter neun Israelis in ihre Gewalt. Mein Vater sollte als junger Polizist in einem Flugzeug die Geiselnehmer liquidieren. Das Vorhaben wurde aber abgebrochen. Stattdessen musste er zusehen, wie der gesamte Einsatz auf dem Flughafen in Fürstenfeldbruck in einer wilden Schießerei endete.

SPIEGEL: Inwiefern hat ihn das geprägt?

Schlosser: Es ist ein Trauma, das sein Leben bedroht war. Neben den Geiseln kam auch einer seiner Kollegen um. Verantwortlich dafür waren Terroristen, die explizit auch RAF-Leute aus dem Gefängnis freipressen wollten. Zugleich sah mein Vater aus der Nähe drei Terroristen, als man sie überwältigt hatte. Ganz junge Männer. "Sind halt auch Menschen gewesen", hat er immer gesagt. Bei allem Hass und aller Wut auf die RAF.

RAF - Die Verbrechen der dritten Generation
RAF - Die Verbrechen der dritten Generation
Oberammergau, 18. Dezember 1984
Vor der Nato-Offiziersschule stellt ein Unbekannter einen Audi 80 ab. Im Kofferraum: 25 Kilo Sprengstoff. Der Zünder ist defekt, eine Explosion bleibt aus, nur deshalb kommt kein Mensch zu Schaden. In einem Schreiben bekennt sich die RAF zur Tat. Es ist der Auftakt der "Offensive 84/85", in der die dritte Generation erstmals mit politisch motivierten Straftaten in Erscheinung tritt. Wenige Wochen zuvor haben RAF-Leute ein Waffengeschäft in Maxdorf, Rheinland-Pfalz überfallen. Beute: 22 Pistolen, zwei Flinten.
Stuttgart, 20. Januar 1985
Die dritte RAF-Generation bindet Anhänger aus dem „Antiimperialistischen Widerstand“ an sich, die als „Kämpfende Einheiten“ fungieren. Sie begehen in den nächsten Jahren zahlreiche Anschläge auf Einrichtungen, wollen aber Menschen bewusst verschonen. Mehrfach kommen Täter ums Leben. In Stuttgart etwa stirbt der 28-jährige Johannes Thimme, weil eine Bombe zu früh explodiert. Sie ist gegen die Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt gerichtet. Sachschaden: gut eine halbe Million Mark.
Gauting, 1. Februar 1985
Es ist seit sechs Jahren der erste Mord der RAF. In Gauting bei München klingelt morgens eine Frau am Privathaus von Ernst Zimmermann, Chef des Rüstungskonzerns MTU. Mit einem Komplizen verschafft sie sich unter einem Vorwand Zutritt. Die Täter fesseln den Manager im Schlafzimmer, töten ihn per Kopfschuss. Wer die Mörder sind, ist bis heute unbekannt. Wenige Tage zuvor haben französische Linksextremisten der „Action Directe“ (AD) den General René Audran ermordet. RAF und AD fühlen sich im sogenannten Guerillakampf gegen das kapitalistische System verbunden.
Wiesbaden, 7. August 1985
Im Juni haben RAF-Leute bei einem Überfall auf einen Geldboten in Kirchentellinsfurt nahe Stuttgart knapp 160.000 Mark erbeutet. Es fallen Schüsse, das Opfer überlebt schwer verletzt. In Wiesbaden setzen die Terroristen die Serie ihrer Bluttaten fort. Um Zutritt zum Gelände der US-Airbase in Frankfurt am Main zu bekommen, rauben sie GI Edward Pimental den Ausweis – und erschießen den Mann.
Frankfurt am Main, 8. August 1985
Am frühen Morgen steuert ein Unbekannter einen VW Passat zur US-Airbase in Frankfurt am Main. Mit dem gestohlenen Ausweis des ermordeten Soldaten Pimental passiert der Fahrer die Einlasskontrolle. Der Wagen ist mit Sprengstoff gespickt. Bei der Explosion sterben die Zivilangestellte Becky Bristol und der Soldat Frank Scarton. RAF und Action Directe bekennen sich gemeinsam zur Tat. Wegen des Anschlags und der drei Morde werden Eva Haule und Birgit Hogefeld verurteilt.
Straßlach, 9. Juli 1986
RAF-Attentäter platzieren eine Bombe kurz hinter der Ortschaft Straßlach nahe München. Als Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts am Morgen in seinem Dienstwagen vorbeifährt, geht der Sprengsatz am Straßenrand hoch. Beckurts und sein Fahrer Eckhard Groppler sterben. Am Tatort haben die Mörder ein Bekennerschreiben hinterlassen: "Beckurts repräsentiert präzise den Kurs des internationalen Kapitals." Über Groppler, der als Bäcker und Taxifahrer gearbeitet hatte, verlieren sie kein Wort.
München, 15. September 1986
Eine Anschlagsserie der „Kämpfenden Einheiten“ prägt den Sommer 1986. Ziele sind unter anderen das Fraunhofer-Institut in Aachen und das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln. In den meisten Fällen bleiben die Täter unbekannt. So auch in München. Dort attackiert eine „Kämpfende Einheit Anna Maria Ludmann“ einen Bürokomplex von Rüstungsfirmen.
Bonn, 10. Oktober 1986
Auf offener Straße erschießen zwei Attentäter Gerold von Braunmühl, Ministerialdirektor im Auswärtigen Amt unter Minister Hans-Dietrich Genscher (FDP). Der Diplomat kommt gerade mit dem Taxi nach Hause, da nähern sich ihm zwei Unbekannte und eröffnen das Feuer. Eine der Tatwaffen, eine Smith & Wesson, wurde bereits von der vorherigen RAF-Generation verwendet - beim Mord an Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer 1977.
Bonn, 20. September 1988
Im Juni scheitert ein Anschlag im spanischen Urlaubsort Rota. Dort wollen die RAFler Horst Ludwig Meyer und Andrea Klump mit einem Komplizen Nato-Beschäftigte in den Tod bomben. Drei Monate später überlebt Hans Tietmeyer, Staatssekretär im Finanzministerium, ein Attentat. Tietmeyer gerät im Dienstwagen unter Beschuss, sein Fahrer aber fährt den ungepanzerten Mercedes zur nächsten Polizeistation. Die RAF erklärt später: Die Maschinenpistole, "mit der zuerst der Fahrer ausgeschaltet werden sollte", habe geklemmt.
Bad Homburg, 30. November 1989
Mit einer technisch anspruchsvollen Sprengfalle ermordet die RAF Alfred Herrhausen, den Chef der Deutschen Bank. Herrhausen lässt sich morgens im Dienstwagen zu Hause abholen. Nach wenigen Hundert Metern passiert der Wagen eine Lichtschranke – und löst einen Sprengsatz aus, der auf einem Fahrrad deponiert ist. Herrhausen verblutet am Tatort. Bis heute gibt es keine Anklage, keinen Prozess, kein Urteil. Wer die Täter sind, ist völlig unklar.
Eschborn, 25. Februar 1990
Vor dem Rechenzentrum der Deutschen Bank - das Foto zeigt das Gebäude heute - stellen Mitglieder der "Kämpfenden Einheit Febe Elisabeth" einen VW Golf ab - beladen mit 45 Kilo Sprengstoff. Weil der Zünder versagt, gibt es keine Schäden. Im Fahrzeug finden Ermittler Haare. Per DNA-Analyse lassen sie sich Jahre später Daniela Klette zuordnen. Sie ist bis heute abgetaucht, vermutlich gemeinsam mit den früheren RAF-Genossen Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg.
Bonn, 27. Juli 1990
Nach Hans Tietmeyer gerät erneut ein Staatssekretär ins Fadenkreuz der RAF: Hans Neusel aus dem Innenministerium. Auf der Fahrt zur Arbeit passiert er auf der Autobahnabfahrt Auerberg eine Lichtschranke - und löst eine Explosion aus. Neusel kommt mit leichten Verletzungen davon. Die RAF-Täter haben die Wucht der Detonation auf die Beifahrerseite konzentriert, wo Neusel normalerweise sitzt. Diesmal aber fährt der Spitzenbeamte selbst, sein Fahrer hat frei.
Bonn, 13. Februar 1991
Seit dem 17. Januar bombardieren die Amerikaner und Verbündete Ziele im Irak. In Deutschland gehen aus Protest gegen diesen zweiten Golfkrieg Zehntausende auf die Straße. Am Abend des 13. Februar nehmen RAF-Mitglieder die US-Botschaft am Rhein unter Feuer. Die Angreifer hocken auf der anderen Flussseite und geben aus drei Gewehren insgesamt 250 Schuss ab. Verletzt wird niemand. Im Bekennerschreiben mit dem RAF-Logo steht: "US-Nato raus aus dem Nahen Osten!" Wie in Eschborn führt eine DNA-Spur zu Daniela Klette. Vorwurf: versuchter Mord.
Düsseldorf, 1. April 1991
Als Chef der Treuhand ist Detlev Karsten Rohwedder verantwortlich für die Zukunft zahlreicher ehemaliger DDR-Betriebe. Er wird vor allem im Osten stark angefeindet. Am Ostermontag hält er sich abends um halb zwölf im ersten Stock seiner Düsseldorfer Villa auf, das Zimmer ist erleuchtet. Ein Scharfschütze nimmt ihn ins Visier, von einem Schrebergarten aus, schießt aus 63 Metern Entfernung drei Mal. Rohwedder sackt tödlich getroffen zusammen. Eine DNA-Spur führt zum RAF-Mann Wolfgang Grams.
Budapest, 23. Dezember 1991
Die RAF-Leute Horst Ludwig Meyer und Andrea Klump verüben gemeinsam mit einem Komplizen einen Anschlag auf Juden. Der Auftrag kommt von palästinensischen Terroristen. Per Funk zünden die Täter eine Bombe, als ein Bus mit 28 jüdischen Auswanderern zum Flughafen fährt. Vier Insassen werden leicht verletzt, zwei Polizisten schwer. Meyer stirbt 1999 nach einem Schusswechsel mit der Polizei in Wien, Klump wird zu langer Haft verurteilt.
Weiterstadt, 27. März 1993
Am 1. April soll ein neues hessisches Gefängnis in Betrieb gehen. Wenige Tage zuvor sprengt das RAF-Kommando "Katharina Hammerschmidt" zentrale Teile des Gebäudes in die Luft. "Für eine Gesellschaft ohne Knäste!", heißt es im Bekennerschreiben. Verletzt wird niemand. Jahre später legen DNA-Analysen nahe, dass Ernst-Volker Staub und Daniela Klette zur mindestens vierköpfigen Tätergruppe gehörten. Auch Burkhard Garweg soll dabei gewesen sein.
Bad Kleinen, 27. Juni 1993
An dem Provinzbahnhof in Mecklenburg-Vorpommern wollen Ermittler Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams verhaften. Ein V-Mann liefert den Hinweis auf das mutmaßliche Führungspaar der dritten Generation. Doch der Zugriff gerät außer Kontrolle. Während Hogefeld sich festnehmen lässt, eröffnet Grams das Feuer auf die Elitetruppe GSG 9. Der Beamte Michael Newrzella wird getötet. Grams fällt auf die Gleise und erschießt sich selbst. Die Pannen lösen eine Regierungskrise aus, Innenminister Rudolf Seiters (CDU) tritt zurück, weil der Verdacht kursiert, die Polizisten hätten Grams aus Rache erschossen. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl (FDP) wird wegen einer angeblich fehlerhaften Informationspolitik entlassen.

SPIEGEL: Wann war Ihnen klar, dass Sie das Trio nicht finden würden?

Schlosser: Nach etwa einem halben Jahr, nach dem Gespräch mit den Ex-Sympathisanten in Niedersachsen. Niemand würde auspacken, auch wenn er etwas wüsste. Zugleich wurde die Geschichte immer besser. Weil ich das Gefühl hatte, es gab über wichtige Fragen viel herauszufinden: Wie weit darf der Staat gehen, wenn er Terror bekämpft? Welcher Widerstand ist legitim?

SPIEGEL: Wie hat die Recherche Ihren Blick auf den Linksextremismus verändert?

Schlosser: Mir sind linke politische Ziele näher als rechte politische Ziele. Und da neigt man dazu, Gewalt im linken Milieu zu verharmlosen. Da bin ich sicher nicht die Einzige, ich sehe das auch im Journalismus allgemein. Beim G20-Gipfel 2017 etwa waren linke Gewalttäter häufig nur "Chaoten". Das ist eine Verniedlichung. Im Laufe der Recherche hat sich meine Einstellung geändert: Gewalt ist nicht weniger schlimm, wenn sie von links kommt. Sie ist immer schlimm.

SPIEGEL: Haben Sie irgendwelche Hinweise darauf gefunden, wo das Ex-RAF-Trio sich aufhält?

Schlosser: Nein, leider nicht. Ich vermute, sie sind im außereuropäischen Ausland. Nur für Überfälle kommen sie nach Deutschland und haben hier ein Unterstützernetzwerk. Aber das ist Spekulation. Immerhin würde es erklären, warum die drei trotz Fahndungsbildern bisher nicht erkannt wurden.

SPIEGEL: Der Untertitel Ihres Buches heißt: "Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich." Warum kommt der Hintern des früheren bayerischen Ministerpräsidenten so prominent vor?

Schlosser: Bei dem Einsatz auf dem Flugplatz damals war mein Vater im Tower, dort war auch Strauß. Als die Schießerei losging, haben sich alle auf den Boden geworfen und versucht, die Treppe runter zu kommen. Und vor meinem Vater war der riesige Arsch von Strauß, der mitrobbte. Da musste ich lachen. Man muss sich auch mal erholen vom Schrecken des Terrorismus.



insgesamt 40 Beiträge
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haresu 07.09.2019
1. Ein bequemes Thema
RAF geht immer. Warum? Weil sie so schön unwichtig geworden ist. Die drei Gespenster haben fast schon Nessie- Qualität, die BILD zeigt die Fahndungsfotos absichtlich übertrieben grobkörnig. Netter harmloser Grusel also. Prinzipiell interessant ist eigentlich nur die Frage wie damalige Beteiligte die RAF und sich selber heute sehen. Ich habe mich zum Beispiel immer gefragt, was das für Leute waren, die damals "Aufhängen" schrien, vor den Gefängnistoren in Stammheim. Was machen die heute? Hat sich etwas geändert? Und wenn ja, was? Und der Vater? Hat er erkannt, dass er als Traumatisierter, als Opfer also, vielleicht zu nah dran war um damals oder jetzt objektiv zu sein? Dass die RAF und ihr Umfeld sich nicht wirklich von sich selber distanzieren kann ist hingegen sowohl ziemlich klar als auch ziemlich uninteressant.
labellen 08.09.2019
2. die drei sind doch
im Rentenalter und von irgendwas müssen sie schließlich leben. Da hält man sich halt an das, was man gelernt hat und schnell eine größere Summe beibringt. Sozialrevolutionäre Ambitionen sind dabei wohl kaum mehr im Spiel.
tilmazio 08.09.2019
3. sack reis in china
Eine Reporterin startet eine Recherche und findet nichts neues dabei heraus. Warum muss man darüber ein Buch schreiben? Davon mal abgesehen: Bin ich eigentlich der einzige, der Leute nicht ernst nehmen kann, die solche beknackten Selfies mit heraushängender Zunge von sich machen? Was so eine alberne Person über die RAF herausgefunden zu haben meint, interessiert mich null.
claus7447 08.09.2019
4. RAF Suche
Die beiden traten diese Woche beim SWR1 BW auf. Der Beitrag war für mich schwach. Eine Journalistin sucht verzweifelt das topthema, ein sicherlich guter Polizist entkommt der Langeweile der Pensionierung. Nur, das Endergebnis wie die Erkenntnise = 0.
cucaracho_enojado 08.09.2019
5. Bärendienst ...
"Mir sind linke politische Ziele näher als rechte politische Ziele. Und da neigt man dazu, Gewalt im linken Milieu zu verharmlosen. Da bin ich sicher nicht die Einzige, ich sehe das auch im Journalismus allgemein. Beim G20-Gipfel 2017 etwa waren linke Gewalttäter häufig nur "Chaoten". Das ist eine Verniedlichung ..." - Im Zusammenhang mit RAF-Terrorismus? Sie sieht "das auch im Journalismus allgemein"? - Besser kann man Rechte Vorurteile kaum bestätigen. ICH sehe tatsächlich eine Gruppe junger Journalisten, die in ihrer Naivität ('Frechheit siegt') sich z.B. eben Mal über Menschen wie Helmut Schmidt oder Peter Scholl Latour stellen, von denen Kommentare kommen wie "Neoliberalismus? Das wär doch Gestern!" oder eben ... Was lernen die seit den 90ern? :-D Der RAF-Terrorismus, aber selbst linker FRIEDLICHER Aktionismus wurden damals ganz bestimmt nicht 'verharmlost' (Da haben BILD und Verfassungsschutz sehr genau 'hingesehen'.) - und Heute schon gar nicht. Wenn Sie schon ihre Einstellung zu Gewalt 'beschäftigt' - auch ihr Vater müsste ihr sagen können: Damals haben wir noch unterschieden zwischen 'linker Gewalt' und den Anarchisten ('ANARCHOS', und das ist MITTE pur - nur keine, die wir haben wollen!) Auch wenn sich der Verdacht aufdrängt, daß schon damals in Bayern ... Heute werden linke Gewalttäter, Anarchos und zugereiste Hooligans in einen Topf geworfen - und 500 von ihnen unter weiteren 1000 Idioten, die drumrumstehen und den Krawall genießen, diskreditieren den berechtigten UND FRIEDLICHEN Protest von 300.000 'Linken Aktivisten'.
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