Russische Satire "Es geht voran" Entengrütze für alle

Kurz nach Abgabe des Manuskripts zu "Es geht voran" wurde der prominente russische Journalist Oleg Kaschin vor seiner Haustür überfallen. Jetzt ist sein literarisches Debüt auf Deutsch erschienen: eine phantastische Satire voller Seitenhiebe aufs heutige Russland.
Von Carmen Eller
Oleg Kaschin: Freche Satire

Oleg Kaschin: Freche Satire

Foto: Maxim Andrejew

Was treibt mein Mann nur jeden Tag im Schuppen? - fragt sich Marina. In einem halben Jahr, so hat Karpow ihr versprochen, sei er ein reicher und berühmter Russe. Wenn nicht, könne sie ihn getrost verlassen. Was Marina nicht weiß: Der junge Wissenschaftler entwickelt heimlich ein Serum, das Lebewesen im Zeitraffer wachsen lässt. In einer südrussischen Siedlung experimentiert Karpow mit Kälbern, Ferkeln und Lämmchen. Ratten zieht er zu Schafsgröße heran und verarbeitet ihr Fell zu Vogelscheuchen. Alles läuft nach Plan - bis er das Serum zum ersten Mal einem Menschen spritzt.

Was wie Science-Fiction beginnt, erweist sich bald als freche Satire. Denn in seinem literarischen Debüt "Es geht voran" katapultiert der Autor und Journalist Oleg Kaschin seine Leser in eine fiktive Welt, die der russischen Wirklichkeit bisweilen zum Verwechseln ähnlich sieht. Kaschin, geboren 1980 in Kaliningrad, schreibt unter anderem für die angesehene Tageszeitung "Kommersant". 2010 wurde er selbst zu einer Schlagzeile.

In der Nacht auf den 6. November überfielen ihn Unbekannte vor seinem Haus. Mit Stangen brachen sie ihm die Beine und den Kiefer, im Krankenhaus wurde Kaschin in ein künstliches Koma versetzt. Zwei Monate vor dem Überfall hatte der Journalist sein Manuskript an den Moskauer Verlag geschickt. "Bei der Lektüre des Kurzromans kann der Leser sicher ahnen, wer tatsächlich hinter dem Anschlag auf das Leben von Oleg Kaschin steht", heißt es im russischen Klappentext. Damit lehnt sich der Verlag weit aus dem Fenster, aber Anlass zu Spekulationen gibt das Buch allemal.

Erröten vor Putin

Wie geht es also weiter? Karpow setzt einem Liliputaner die Spritze. Das Serum wirkt und der Proband wächst. Zwar verliert er mit den gewonnenen Zentimetern seinen Job im Zirkus, erhält aber Einladungen ins Fernsehen und in das Schloss eines kleinwüchsigen Großunternehmers. Dem "Oligarchenzwerg" namens Method soll er das Geheimnis seiner Verwandlung verraten. Bislang hat dieser die Öffentlichkeit gemieden, "denn ein liliputanischer Milliardär war sogar für das weltgewandte Moskau zu viel".

Als sich auch Method von Karpow spritzen lässt, beginnt sich das literarische Karussell immer schneller zu drehen. Marina brennt mit dem zu Normalgröße gewachsenen Oligarchen durch, Karpows Scheune geht in Flammen auf und dann klingelt auch noch der Geheimdienst FSB an seiner Tür.

Mit viel schwarzem Humor entfaltet der Autor eine Welt der Machtgier, Vetternwirtschaft und Korruption. Das staatliche Unternehmen "Olymp-Bau" etwa ist in der Satire "eine Art Kader-Staubsauger". Dort wickelt man nicht nur Verträge für die Winterspiele in Sotschi ab, sondern auch das eine oder andere krumme Geschäft. Präsident Medwedew und Premierminister Putin regieren das Land. Von Methods Bruder Kyrill, der die Firma "Zeit ist Kapital" führt, heißt es, dass er "vor Premier Putin auf den Scheinsitzungen zur Krisenbewältigung zu erröten" pflegt.

Kaschins Figuren sind nur schemenhaft gezeichnet, der heimliche Held ist der Erzähler. Seinen Charakteren gegenüber bewahrt er eine ironische Distanz, gibt sie aber nie der Lächerlichkeit preis. Den wunderbar lakonischen Ton des Originals hat Franziska Zwerg gekonnt ins Deutsche übertragen.

"Vorland Russwärts!"

Die Satire erreicht ihren makaberen Höhepunkt mit der "Kinderfarm" im Heim Sojus, einem ehemaligen Pionierlager nordwestlich von Moskau. Dort leben Menschen, die als Kinder mit dem Serum behandelt wurden, über das Karpow längst die Kontrolle verloren hat. In Anspielung auf eine Rede Medwedews verkörpern sie die neue "Modernisierungsmehrheit" der russischen Gesellschaft. Zum Personal des Heims gehört ein "Internet-Kolumnist" mit dem sprechenden Namen NaheNull. So hieß auch ein im Jahr 2009 unter dem Pseudonym Natan Dubuwitzki erschienener Roman, der Wladislaw Surkow zugeschrieben wird - dem Chefideologen des Kreml und stellvertretenden Premierminister.

NaheNull wird vom Heimleiter beauftragt, die Menschen zu unterrichten, die "in ihrer Entwicklung auf dem Stand von Grundschulkindern stehen geblieben waren". Die politische Unterweisung auf der "Kinderfarm" lässt entfernt an die Sommerlager Kreml-treuer Jugendorganisationen denken, von denen Kaschin in der Vergangenheit verschiedentlich angefeindet wurde.

Offizielle Parolen führt das Buch immer wieder ad absurdum. So beauftragt NaheNull zwei Heimbewohner, für den Speisesaal ein Plakat mit Slogan zu malen. Doch statt "Vorwärts Russland!" kritzeln die mutierten Kinder "Vorland Russwärts!"

"Es geht voran" erzählt von politischer Manipulation, Machtgier und dem ewigen Streben nach Wachstum. Das geheime Serum dient Kaschin dabei als Katalysator seiner gewitzten Satire. Gleichwohl geht es hier weniger um den wissenschaftlichen Fortschritt als um den rasenden Stillstand - oder, wie ein Journalist in der Geschichte sagt - "die Entengrütze der Putin'schen Stagnation".

Die Ironie des Buchtitels "Es geht voran" passt nicht nur zur Satire, sondern auch zum Fall Kaschin. Die Ermittlungen laufen, heißt es, aber der Überfall von 2010 ist bis heute nicht aufgeklärt.