Dmitry Glukhovsky über Russland "Putin versteht nicht mehr, was im Land passiert"

Korruption ist mächtiger als Ideologie: So sieht Dmitrij Glukhovsky die russische Gesellschaft in seinem Roman "Text". Hier erklärt er deren Regeln, was der Westen tun kann - und warum er keine Science-Fiction mehr schreibt.
Ein historisches Gefängnis in St. Petersburg

Ein historisches Gefängnis in St. Petersburg

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Zur Person
Foto: Jörg Schulz

Dmitry Glukhovsky, 39, lebt als Autor in seiner Heimatstadt Moskau. Seine Science-Fiction-Dystopien "Metro" (drei Bände, 2008-2016, Heyne) über das Leben in der Moskauer U-Bahn nach einem Atomkrieg machten ihn weltweit bekannt. Nun ist im Europa Verlag sein erster literarischer Roman "Text" erschienen. Darin erzählt er die Geschichte einer gescheiterten Rache, bei der ein junger Mann durch ein Smartphone in die Identität eines anderen schlüpft.

SPIEGEL ONLINE: Herr Glukhovsky, Sie sind mit Science-Fiction-Romanen bekannt geworden. Warum widmen Sie sich nun im Roman "Text" dem realen Russland?

Dmitry Glukhovsky: Die Idee hinter "Text" war, dass die heutige Realität viel absurder und fantastischer ist, als ich es mir vorstellen könnte. Beim Schreiben von "Metro 2035" dachte ich noch, dass eine sozialpolitische Dystopie der richtige Weg ist, um die Probleme Russlands zu verarbeiten. Aber seit der Krimkrise, dem Krieg im Donbass und Putins Wiederwahl ist die Lage so sonderbar und tragikomisch geworden, dass ich in meinen Büchern keine fantastischen Elemente mehr brauche. In "Text" wollte ich das Heute einfangen, so wie man früher ein Polaroidfoto schoss. Jetzt macht man das halt mit dem iPhone - "Text" ist also eine iPhone-Momentaufnahme Russlands.

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Glukhovsky, Dmitry

TEXT: Roman

Verlag: Europa Verlag
Seitenzahl: 368
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SPIEGEL ONLINE: Ihr Protagonist Ilja wird durch Polizeiwillkür für sieben Jahre in ein Straflager gesperrt. Seine Mutter gibt ihm folgenden Satz mit: "Das System lässt sich nicht austricksen, aber du kannst dich unsichtbar machen, dann vergisst es dich." Wer sollte besser unter dem Radar bleiben?

Glukhovsky: In der russischen Gesellschaft gibt es zwei Kasten. Früher sind sie durch die ideologische Trennung zwischen Bourgeoise und Proletariat entstanden. Heute verläuft der Spalt zwischen den einfachen Leuten und denen, die zum System gehören: Funktionäre, Polizisten, Geheimdienstleute, aber auch viele Journalisten oder die Kirche.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet es, zum System zu gehören?

Glukhovsky: Die Angestellten dieses Apparats haben alle Privilegien und genießen völlige Straffreiheit. Sie können tun und lassen, was sie wollen. Deshalb sind sie auch frei von Moral. Sie glauben nicht an Gut und Böse, Richtig und Falsch, sondern nur an Macht. Russische Polizisten und Geheimdienstleute können offen lügen, stehlen und auch töten. Im Nachhinein finden sie schon eine Rechtfertigung. Die Unterscheidung zwischen denen, die alles dürfen, und denen, die nichts dürfen, entwickelt sich mehr und mehr zu einer Ideologie.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit denen, die dem System nicht angehören?

Glukhovsky: Sie sind zwar in der Mehrheit, aber es gibt keine Garantie für die Wahrung ihrer Grundrechte. Nicht einmal ihr Recht auf Leben wird geschützt. Sie werden für jede Kleinigkeit bestraft. Diese Lage ist neu für uns.

SPIEGEL ONLINE: Andererseits ist der Protagonist in "Text" als junger Mann aus einfachen Verhältnissen auch nicht moralisch integer, er wird selbst zum Täter.

Glukhovsky: Ja, genau. Erst schafft Ilja es ohne Bestechung an eine gute Universität. Aber dann gerät er auf einer Party in einen Streit mit einem gleichaltrigen Polizisten. Der schiebt ihm eine Tüte Kokain unter - und das war es dann für Ilja. Dieser junge Mensch hat keine Chance, sich vor Willkür zu schützen, weil der Polizist und das Gericht zum korrupten System gehören. Deshalb sieht Ilja nach dem Straflager nur einen Weg: Sich an dem zu rächen, der ihn dorthin gebracht hat. Aber es gibt keine Gerechtigkeit in diesem System.

SPIEGEL ONLINE: Zurück zur Realität: Welche Rolle spielt Putin in dem Ganzen?

Glukhovsky: Eine widersprüchliche: Putin erklärt dem Volk im Fernsehen Werte wie Vertrauen und Loyalität. Gleichzeitig lügt er ihnen regelmäßig ins Gesicht: Er hat gesagt, Russland wolle die Krim nicht einnehmen, zwei Wochen später war sie russisch. Dann hieß es, es seien keine russischen Soldaten im Donbass, später waren es doch unsere Männer. In den Panama Papers wurde Putin der Korruption beschuldigt; sein Kindheitsfreund soll ohne Begründung zwei Milliarden Euro von Gazprom erhalten haben, und es ist offensichtlich, dass das Putins Geld ist. Für Gazprom als Staatsunternehmen ist das ganz normal, und Putin ist sich offenbar keiner Schuld bewusst. Er hat keine Moral, und das gefällt ihm.

SPIEGEL ONLINE: Hat Putin das korrupte System aufgebaut, oder hat das korrupte System Putin hervorgebracht?

Glukhovsky: Meiner Meinung nach hat Putin das korrupte System gefördert und ausgenutzt. Die Korruption ist in Russland keine Krankheit, sondern das Wesen des Systems. Während der Sowjetzeit wurde die Loyalität der Elite durch die kommunistische Ideologie gesichert. Inzwischen leben wir seit über 25 Jahren ohne Ideologie. Es mussten also neue Wege gefunden werden, um die Loyalität der Bürokraten zu sichern.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Glukhovsky: Vor allem die Korruption. Sie ist ein viel mächtigeres Herrschaftsinstrument als die Ideologie. Mit Ideologie kann man etwas vorspielen, was der Einzelne aber meist nicht fühlt. Ein korrupter Bürokrat hingegen hat durch die Bestechungen hohe zusätzliche Einnahmen, die direkt mit seiner Position im Machtapparat zusammenhängen.

SPIEGEL ONLINE: Entstehen daraus denn gar keine Nachteile?

Glukhovsky: Doch, man lebt in ständiger Angst. Jedem Beamten ist bewusst, dass der Geheimdienst alles über ihn weiß. Solange er loyal ist, wird niemand ihn angreifen. Aber die Geheimdienste legen Akten über alle Vergehen an, von Hurenbesuchen bis zu Pädophilie. Die können bei Bedarf gegen unliebsame Staatsangestellte genutzt werden. Und wenn das Regime strauchelt, baut es einfach eine neue Ideologie auf - wie bei der Einnahme der Krim.

Der russische Autor Dmitry Glukhovsky

Der russische Autor Dmitry Glukhovsky

Foto: Jörg Schulz

SPIEGEL ONLINE: Seit der Krimkrise herrscht Eiszeit in den Beziehungen zwischen dem Westen und Moskau. Gerade in Deutschland wünschen sich aber viele die Annäherung. Haben Sie einen Rat?

Glukhovsky: Ich glaube nicht, dass der Westen viel tun kann. Das Beste wäre, uns in Ruhe zu lassen. Irgendwann wird die russische Wirtschaft kaputtgehen. Dann - oder nach einem Generationenwechsel in der Politik - ist vielleicht eine Annäherung möglich. Aber das geht erst, wenn Putin alt ist und abgelöst wird.

SPIEGEL ONLINE: Die jungen Russen wachsen doch mit der Propaganda des Systems auf. Weshalb sollte sich etwas ändern, wenn sie an die Macht kommen?

Glukhovsky: Einige möchten sicher nichts ändern - ich war überrascht, als ich von den vielen jungen Stalinisten erfahren habe. Aber seit ein paar Jahren gibt es auch eine Jugend, die oppositionelle Videoblogger wie Alexej Nawalny unterstützt und immer wieder auf die Straße geht. Das ist etwas Neues. Putin hat fast alle Komponenten des politischen Systems unter Kontrolle - aber die Menschen nicht. Insbesondere die Jugendlichen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ist ihm das bewusst?

Glukhovsky: Putin hat die Illusion, dass er alles machen kann, was er will. Wenn man 19 Jahre lang unkontrolliert an der Macht ist, verzerrt das die Wahrnehmung. Putin versteht nicht mehr, was in seinem Land passiert. Weil er aber immer noch am meisten Macht hat, ist Russland unberechenbar - wir wissen nicht, ob wir morgen in einer Diktatur, einer Straßenrevolution oder einer Gesellschaft voller Clans aufwachen. Das macht es so interessant, über Russland zu schreiben.

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