S.P.O.N. - Der Kritiker Das Scheißleben der Feuilletonisten

Unter deutschen Literaturkritikern macht sich der Ich-Hass breit: Wer über sich und sein Leben schreibt, gilt plötzlich als egozentrischer Wirrkopf. Dabei wollen die Feuilletonisten nur ihre eigene Mittelmäßigkeit über die Welt stülpen und radikale Positionen am liebsten gleichschalten.


Feuilletonisten sind Menschen, die einem Gemeinplätze wie große Wahrheiten um die Ohren hauen und sich vor lauter Erschrecken über die eigene Mittelmäßigkeit in eine bequeme Form von Weltekel retten. Gern treffen sie sich im Oktober in Frankfurt, weil es dort auf der Buchmesse umsonst Essen und Trinken gibt und sie sich gegenseitig ihrer Bedeutung versichern können. Es ist ein Paradox: Eigentlich verachten sie sich gegenseitig, aber wenn es sein muss, schließen sie sich zusammen und wenden ihre Verachtung nach außen, gegen andere.

So ist das gerade mal wieder, es wirkt ein wenig wie auf dem Schulhof, sie haben sich ein Opfer ausgesucht, das eigentlich schwach ist und unsicher, das von ihnen aber zu einer echten Bedrohung aufgebaut wird - je größer der Feind, desto größer die eigene Bedeutung: Es geht um das Ich, das schon von Zeitungen und Magazinen mit einer Mischung aus Ekel und Angst behandelt wird, wenn es ein Autor verwendet, fast wie ein Virus oder wie eine Ideologie, die den Zusammenhalt der Gruppe gefährden könnte durch einen Überschuss an Individualismus.

Jetzt hat die Gleichschaltungssehnsucht auch die Literatur erreicht. "Abschied vom Ich" titelte auf ihrer Buchbeilage triumphierend die "Zeit", die immer mehr zum geistigen Wadenwickel der Republik wird, gut gegen Grippe, Kapitalismus und Bücher, die von einem "verderberischen Selbstverwirklichungsgedanken" angetrieben werden - das schreibt Iris Radisch, die sich nach eigenen Worten wie eine jener "kaschubischen Matronen" aus der "Blechtrommel" benimmt: Unter ihren Rock kann man sich flüchten, wenn man "Bücher gegen die Kälte" sucht. Das war, ernsthaft, der Titel der "Zeit". Die Kälte der Winde, die Kälte der Gegenwart.

Was ist da also los? Es ist, ganz einfach, die alte deutsche Phobie vor der Freiheit, die hier wieder mal durchbricht und sich verbindet mit dem linksreaktionären Gestus, den die "Zeit" in Teilen so erfolgreich pflegt: Es kracht im Kapitalismus, die Moderne scheint müde geworden, dann wird noch Woche für Woche heraus trompetet, dass wir alle überfordert sind von den digitalen Welten - ein Urteil, das in seiner Waberigkeit kaum zu widerlegen ist. Und aus diesen, vom eigenen Wohlstand gebildeten Befindlichkeiten formt man dann ein Weltbild, sucht man in den Büchern dieses Herbstes etwas, das der eigenen Novembrigkeit entspricht.

Von den "Frösten der Freiheit" raunt Radisch, die sich gern an eine Zeit erinnert, in der man "weniger frei, aber auch weniger einsam" war, die mit einer gewissen Lust die antimodernen Topoi durchgeht wie das "einsame Ich" oder die "pulverisierte" Gegenwart und die natürlich davon spricht, dass wir alle nur als "Monaden" leben. Aber, wie gesagt, sie ist da nicht allein. Von den "Kathedralen der Freiheit" spricht in einem grotesken Gleichklang Christopher Schmidt in der "SZ", auch er sieht die paar Familienromane wie Josef Bierbichlers "Mittelreich", Oskar Roehlers "Herkunft" oder "In Zeiten des abnehmenden Lichts" des Buchpreisträgers Eugen Ruge als Zeichen dafür, dass die Zeit der "Selbstfindungsprosa" vorbei sei. Und für die "FAZ" freut sich Felicitas von Lovenberg darüber, dass der "egozentrische Blick der Ich-Erzähler auf dem Rückzug" zu sein scheint.

Stimmt, verdammte Egozentrik, die Hemingway über Berg und Tal getrieben hat! Im Kern, das zeigen diese Beispiele, geht es gar nicht unbedingt um Bücher, es geht darum, was man mit Büchern machen kann, welche Politik, welche Gesellschaftskritik man mit Büchern verbinden kann. Iris Radisch gelingt es zum Beispiel sogar, den auf gute Art räudigen Roman von Oskar Roehler als Plädoyer für Zusammenhalt und Familie zu deuten. Und Jana Hensel schreibt im "Freitag" erst ganz klug über ein paar neue Bücher von Menschen um die 30 - und setzt dann ans Ende ihren seltsam kollektivistisch befeuerten Satz, "dass das Ich wieder stärker in seine Schranken gewiesen" werden müsse. Mit anderen Worten: Was hier von unterschiedlicher Seite versucht wird, ist eine Umdeutung der Gegenwart mit den Mitteln der Literaturkritik.

Typisch Feuilleton, also. Das alles vor dem Hintergrund einer sich tatsächlich radikal verändernden Welt, in der aber, wenn es um das Internet oder den Kapitalmarkt oder auch um Bücher geht, Genauigkeit und Kenntnis gefragt sind und nicht bequeme Pauschalurteile. In der die Wirklichkeit so komplex geworden ist, dass die Wut, die Besessenheit, die Verletztheit, die Welterfahrung des Einzelnen von umso größerer Bedeutung ist. Dieses Land ist schon homogen,, konform, luftleer, eng und langweilig genug. Es ist geradezu absurd, dass in dieser Zeit ein paar Kritiker sich an dem Gedanken wärmen, ihre eigene Behaglichkeit sei ein Modell für andere.

Zufällig oder wie es der Weltgeist eben so will, hat Maxim Biller, ewiger Außenseiter im deutschen Feuilleton, gerade in der "FAS" einen schönen, emphatischen Text über die, wie er es nannte, "Ichzeit" geschrieben. Zufällig oder wie es der Weltgeist eben so will, ist das harte, wütende, beeindruckende Buch von Andreas Altmann, das den programmatischen Titel trägt: "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend" auf Platz 7 der SPIEGEL-Bestsellerliste angekommen. Als Sachbuch.

Aber ist es wirklich ein Sachbuch? Diese Abrechnung mit den Lügen, den Schlägen, dem Katholizismus von Altötting? Und was würde so eine Unterscheidung eigentlich bedeuten, wenn doch Roehler, Bierbichler und Ruge so explizit autobiographisch berichten? Unterscheidet Altmann nur die Wut auf seine Welt? Oder passt er einfach nichts ins Literaturschema der Betriebsspießer?

Im Grunde ist es ganz einfach: Wer Abschied nehmen will vom Ich, hat selbst Schwierigkeit, Ich zu sagen. Jetzt mal wertfrei gesagt.



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FREEDOM OF SPEECH, 14.10.2011
1. "dass das Ich wieder stärker in seine Schranken gewiesen" werden müsse
...das hat doch der Papst in weiser Voraussicht des kommenden deutschen Feuilletonherbstes und winterlicher sozialer Kälte vorgebetet, wenn auch in etwas anderen Worten! Wie schrieb Papst Benedikt XVI. aka Ratzinger uns ins kollektive wie auch (noch) individuelle Gewissen? "Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst." Mit anderen Worten: er bedarf der Grenzzeihung und der Anleitung. Gern durch die Kirche, aber auch gern durch Geistesverwandte, die Führung bieten... Das war die zu erfüllende Parole, und wie leicht sich auch der deutsche Feuilleton offenbar durchgängig und widerspruchslos von dieser offenen Verachtung und Herabsetzung von Individualität und Selbstbestimmung - und damit von der Aufklärung, der wir Grundrechte (!) und Demokratie ja erst verdanken, auch freie Feuilletons übrigens - hat anstecken und anstiften lassen: das ist schon erschreckend. Mene mene tekel, kein Schelm, wer da böse (Vor-)Zeichen an der Wand erkennt... Gleichschaltung scheint übertrieben, aber bemerkenswerter Gleichklang der Stimmen, der Eindruck ist schon nicht von der Hand zu weisen... das hat etwas von Kirchenchorgesang.
skell100 14.10.2011
2. hhmm...
Zitat von sysopUnter deutschen Literaturkritikern macht sich der Ich-Hass breit: Wer über sich und sein Leben schreibt, gilt plötzlich als egozentrischer Wirrkopf. Dabei wollen die Feuilletonisten nur ihre eigene Mittelmäßigkeit über die Welt stülpen und radikale Positionen am liebsten gleichschalten. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,791694,00.html
Habe nur verstanden, dass Herr Diez auf irgendwas stinkesauer ist. Auf was, erschließt sich mir aus seinem Text nicht so recht. Ich glaube, verstehen sollen wir den auch gar nicht.
Pyr 14.10.2011
3. Hoppla
Nanu, da will man etwas wegdiskutieren, was meines Wissens nach schon lange keinen Bestand mehr hat? Sind wir nicht alle öhm... zumindest Es-Ich-ÜberIch? Oder tot? Bzw. reiner Diskurs? Und was würde Antoine Roquentin dazu sagen? Fragen über Fragen... Achso, ich - ne, wir! er! - finde(n/t), dass der Absatz "Das alles vor dem Hintergrund einer sich tatsächlich radikal verändernden Welt, in der aber, wenn es um das Internet oder den Kapitalmarkt oder auch um Bücher geht, Genauigkeit und Kenntnis gefragt sind und nicht bequeme Pauschalurteile. In der die Wirklichkeit so komplex geworden ist, dass die Wut, die Besessenheit, die Verletztheit, die Welterfahrung des Einzelnen von umso größerer Bedeutung ist." eingerahmt gehört.
Peter Sonntag 14.10.2011
4. Glauben oder Denken
Zitat von FREEDOM OF SPEECH...das hat doch der Papst in weiser Voraussicht des kommenden deutschen Feuilletonherbstes und winterlicher sozialer Kälte vorgebetet, wenn auch in etwas anderen Worten! Wie schrieb Papst Benedikt XVI. aka Ratzinger uns ins kollektive wie auch (noch) individuelle Gewissen? "Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst." Mit anderen Worten: er bedarf der Grenzzeihung und der Anleitung. Gern durch die Kirche, aber auch gern durch Geistesverwandte, die Führung bieten... Das war die zu erfüllende Parole, und wie leicht sich auch der deutsche Feuilleton offenbar durchgängig und widerspruchslos von dieser offenen Verachtung und Herabsetzung von Individualität und Selbstbestimmung - und damit von der Aufklärung, der wir Grundrechte (!) und Demokratie ja erst verdanken, auch freie Feuilletons übrigens - hat anstecken und anstiften lassen: das ist schon erschreckend. Mene mene tekel, kein Schelm, wer da böse (Vor-)Zeichen an der Wand erkennt... Gleichschaltung scheint übertrieben, aber bemerkenswerter Gleichklang der Stimmen, der Eindruck ist schon nicht von der Hand zu weisen... das hat etwas von Kirchenchorgesang.
Davon leben doch die Religionen und andere Ideologien: Dass sich der Anhänger aufgibt, auf eigenes Denken verzichtet - dann kann er ja in der Gruppe keine Fehler begehen. Dafür wird Geborgenheit und Unterstützung geboten.
Spiegelkritikus 14.10.2011
5. Ich und Gesellschaft
Zitat von sysopUnter deutschen Literaturkritikern macht sich der Ich-Hass breit: Wer über sich und sein Leben schreibt, gilt plötzlich als egozentrischer Wirrkopf. Dabei wollen die Feuilletonisten nur ihre eigene Mittelmäßigkeit über die Welt stülpen und radikale Positionen am liebsten gleichschalten. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,791694,00.html
Die Erklärung, die Diez für den diagnostizierten "Ich-Hass" bei deutschen Litaraturkritikern anführt, erscheint abwegig oder zumindest sehr subjektiv. Weder leiden diese Kritiker mehrheitlich an einem Gefühl der eigenen Mittelmässigkeit, noch an dem Zwang, "radikale Positionen" gleichzuschalten. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. In einer sich rasch und fundamental verändernden Welt, die neue Chancen, vor allem aber auch Risiken und Gefahren eröffnet, ist mit egozentrischer Nabelschau allein jedenfalls kein Staat zu machen. Wenn massive ökonomische Verwerfungen die Lebensgrundlagen und den gesellschaftlicher Zusammenhalt infrage stellen, dann sind Publizisten, Wissenschaftler und andere Kulturschaffende mit in der Verantwortung, Misstände zu kritisieren und an Problemlösungen zu arbeiten. Das gilt um so mehr, als sich eine im Interessensumpf verhedderte Politik zunehmend als unfähig erweist. Mit dem Sein verändert sich bekanntlich das Bewußtsein. Das gilt selbstverständlich auch für Publizisten und ihre literarischen Produkte. Der durch die realen Veränderungen gespeiste Zeitgeist verlangt offensichtlich nach verstärkter Hinwendung zu gesellschaftlichen Fragen und Problemen und lässt die "Ich-Schau" in den Hintergrund treten - zumindest für wache und verantwortungsvolle Zeitgenossen. Wenn der eine oder andere Feuilletonist diesen Bewußtseinsprozess befördern möchte, ist das nur zu begrüssen. Gerade deutsche Intellektuelle neigen traditinell dazu, sich aus gesellschaftlicher Verantwortung zu stehlen und sich in ihrem privaten kleinen "Wintermärchen" einzurichten. Es ist gewiss kein Fehler, sie ab und an etwas aufzuscheuchen!
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