Sachbuch Doktor Schiwago der Geschichtsschreibung

Der britische Historiker Orlando Figes verbrachte sieben Jahre in russischen Archiven und schrieb dann sein grandioses, bebildertes, Revolutionsepos "Die Tragödie eines Volkes".

Von Sonja Zekri


Wie es da vor dem Leser liegt - ein Buchkoloß von fast zwei Kilo in schwarz-rotem Einband, mit Fotos von Zarenprunk und Bürgerkriegsgreueln, mit Karten, Index und zwei Lesebändchen - ist der erste Gedanke: Donnerwetter! Und nach der Lektüre von Orlando Figes' "Tragödie eines Volkes" bleibt dieser Eindruck bestehen. Seine Geschichte der russischen Revolution reißt mit. Sie ist glänzend in der Materialkenntnis, emphatisch im Stil - ein "Doktor Schiwago" unter den Geschichtsbüchern.

Der noch nicht vierzigjährige Professor aus London, der für sein Werk mit Wissenschaftspreisen überhäuft wurde, destilliert aus den Einzeldarstellungen zur Revolution die großen Linien und läßt die Epoche in einem gewaltigen Strom am Leser vorbeiziehen: Von der ersten Unruhen Ende des 19. Jahrhunderts bis zur "Kommission für die Unsterblichmachung", die Lenin 1924 einbalsamierte. Figes beschreibt Personen und Orte, mit viel Gespür für historische Topographie, aber auch den Gestank der Bauernkaten, das süße Parfum Rasputins. Achtzig Jahre nach dem Sturm auf das Winterpalais löst der Historiker die Revolution von ihrem ideologischen Diskurs und stellt sich ihr allein mit dem Rüstzeug der narrativen Geschichtsschreibung.

Sieben Jahre hat Figes nach der Perestroika in russischen Archiven verbracht, und er zeichnet nicht nur feine Porträts der Prominenz von Hof, Armee und Partei, darunter der fromme, aber bornierte Zar, seine hochnäsige Frau und ihre spiritistische Clique. Figes' Protagonisten sind die einfachen Leute wie der Bauernreformer Semjonow oder der Arbeiterführer Kanattschikow. Das "Volk" ist in Figes Darstellung nicht Opfer der Ereignisse, sondern Mitwirkender - und sei es auch nur durch die Weigerung, eine Seite aktiv zu unterstützen, wie etwa die Bauern im Bürgerkrieg. Die instinktive Anarchie des Bauern, sein Wunsch nach der traditionellen "wolja", nach Freiheit und Autonomie, ist für Figes ein Schlüssel zur Eskalation. Ebenso wie der Zar bekamen auch die Bolschewiken das Dorf mit friedlichen Mitteln nie in den Griff. Figes läßt keinen Zweifel daran, daß der rote Terror im Bürgerkrieg, die Getreiderequisitionen, die den Bauern nicht einmal das Saatgut ließen - das entsetzlichste Foto zeigt Bauern beim Essen von Menschen -, daß diese Gewalt eine Reaktion auf ihre Verweigerung war.

Figes Kronzeuge aber ist Maxim Gorki. Früh warnte der Dichter vor dem Furor des Volkes und prophezeite "einen Aufruhr, der nur die Grausamkeit und das Übel vergrößert". Zerrissen zwischen den Idealen der Revolution und ihrem Verrat durch die Bolschewiken wurde Gorki zum tragischen Prototyp für die Verstrickungen der Intellektuellen. Dennoch läßt Figes keinen Zweifel daran, daß sich das zaristische System mit Eifer sein eigenes Grab grub: Am Vorabend der Industrialisierung versuchte der Zar, das Land in die mittelalterliche Autokratie zurückzubefördern. Und im Weltkrieg schließlich mußte die arrogante Weigerung der Generäle, die Erfordernisse eines modernen Krieges anzuerkennen - die Soldaten den Bolschewiki in die Arme treiben.

Zu recht aber hält Figes weder die Revolution vom Februar 1917 noch den Aufstand im Oktober für unabwendbar. Nach dem Februaraufstand hätten die gemäßigten Sozialisten die Chancen für einen demokratischen Sozialismus durchaus nutzen können. Sie zögerten aus Dogmatismus: Nach Marx hatte erst die bürgerliche Revolution stattzufinden, dann durfte das Proletariat die Macht ergreifen. Daran wollten die "Hamlets des demokratischen Sozialismus" nicht rütteln. Doch auch die Bolschewiki waren unentschlossen. Allein Lenins fanatische Wut, seine Rage, wie seine Frau Krupskaja die pathologischen Anfälle nannte, trieb die zögernden Parteigenossen zum Oktoberaufstand. Da mag Figes die sozialhistorisch ungeliebte "Geschichte Großer Männer" schreiben - die Forschung ist auf seiner Seite. Und die Wissenschaft gibt ihm ebenfalls recht, wenn er die Verantwortung für den Bürgerkrieg - für die Russen noch immer das Trauma des Jahrhunderts - bei Lenin sucht: Jedes Mittel war ihm recht, um die bolschewistische Herrschaft zu stabilisieren. In einem grandiosen Schlachtengemälde schildert Figes die Kämpfe zwischen Roten, Weißen und "Grünen" - aufständischen Bauern -, in denen der Terror nur die Farbe wechselte. Man müsse Schluß machen mit dem "Popen- und Quäkergeschwätz über den heiligen Wert des menschlichen Lebens", hatte Trotzki gefordert. Das war längst geschehen.

Figes Werk ist ein Leseereignis, düster und streng wie eine Fuge. Und doch bleibt die Frage, ob sein "liberaler" Ansatz dem Thema gerecht werden kann. Lassen sich die Theorien der Revolution, um die so lange erbittert gestritten wurde, so einfach im Humanismus auflösen? Sind die ideologiefreien Kleine-Leute-Geschichten ein Ersatz für die politiktheoretische Deutung dieser Zeitenwende? Figes hat die menschliche Katastrophe beschrieben und denen eine Stimme gegeben, deren Schicksal sich sonst hinter Zahlenreihen verbirgt. Den Menschen von seinen Ideen zu trennen, führt aber wieder zur Marxschen These, allein das Sein bestimme das Bewußtsein.

Orlando Figes: "Die Tragödie eines Volkes. Die Epoche der Russischen Revolution 1891 bis 1924." Aus dem Englischen von Barbara Conrad unter Mitarbeit von Brigitte Flickinger und Vera Stutz-Bischitzky. Berlin Verlag, Berlin; 975 Seiten, 107 S/W-Abb., 98 Mark.



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