Zum Inhalt springen

Sachbuch gegen das Gedenken Vergiss es?

Der Historiker Christian Meier hält in seinem neuen Buch ein Plädoyer für das Vergessen: Das ständige Gedenken treibe die Menschen vor sich her, von der Antike bis zur Neuzeit. Trotzdem werde die Welt nicht friedlicher. Warum es also nicht mit dem Gegenteil versuchen?
Von Henryk M. Broder
DDR-Bürger demonstrieren nach dem Tode Stalins am 9. März 1953: Schrecken ohne Ende

DDR-Bürger demonstrieren nach dem Tode Stalins am 9. März 1953: Schrecken ohne Ende

Foto: AP

Kein anderes Wort ist unter deutschen Festrednern so beliebt wie das von der Vergangenheit, die erinnert werden muss. "Die Erinnerung darf nicht enden, sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen", sagte Bundespräsident Herzog 1996 zum "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus".

"Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren", warnte Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985.

"Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung", sagte der ehemalige israelische Botschafter Avi Primor in einer Vorlesung zu Ehren der Geschwister Scholl, die von den Nazis ermordet worden waren. Wem das Copyright für diesen Satz, der fast täglich in zahllosen Variationen gebraucht wird, zukommt, ist unklar. Er wird zumeist dem Rabbiner Baal Schem Tov ("Herr des guten Namens") zugeschrieben, einem jüdischen Mystiker in der Ukraine, der im 18. Jahrhundert gelebt hat.

Der Satz ist so konsensfähig wie das Sprichwort "Lieber reich und gesund als arm und krank": Niemand stellt ihn in Frage, niemand mag auch nur den Gedanken zulassen, dass Erinnerung nicht das Geheimnis der Erlösung, sondern das Gegenteil sein könnte - ein Fluch, der aus der Vergangenheit in die Zukunft reicht und die Menschen zu Gefangenen ihrer Geschichte macht. Wer dem Vergessen das Wort reden würde, käme automatisch in den Verdacht, ein "Revisionist" zu sein, der aus den Fehlern der Vergangenheit nichts gelernt hat und dazu verdammt ist, sie zu wiederholen.

Politisch unkorrekter Konservativer

Und nun kommt der Historiker Christian Meier daher und schreibt ein Plädoyer für das Vergessen. Meier ist kein Reaktionär und kein Revisionist, allenfalls ein Konservativer, der sich nicht an die Regeln der "political correctness" hält, deren Repräsentanten den nachgeholten Widerstand praktizieren, indem sie auch bei nichtigsten Anlässen "Wehret den Anfängen!" rufen. Offensichtlich hat das 11. Gebot "Du sollst nicht vergessen!" die Welt nicht friedlicher gemacht, sondern für eine Kontinuität des Schreckens gesorgt: Vom Amselfeld nach Nordirland, von Buchenwald nach Srebrenica, von Tschetschenien nach Darfur. Wenn also die Erinnerung, statt die Menschen zu erlösen, sie nur vor sich hertreibt und zu Wiederholungstätern macht - wie wäre es dann, wenn wir es mit dem Gegenteil versuchen würden, mit dem Vergessen?

Meier erinnert daran, dass "Amnestie" ursprünglich "Nicht erinnern" bedeutet, dass Winston Churchill im Jahre 1946 von einem "blessed act of oblivion" gesprochen hat, einem segensreichen Akt des Vergessens, der allerdings erst in Kraft treten könnte, wenn die "crimes and massacres", die von den Nazis begangen worden waren, geahndet wären; und dass bei den Indianern das Kriegsbeil deswegen "begraben" und nicht einfach weggeworfen wurde, damit es niemand wieder findet.

So spannt Meier den Bogen von der Antike über die Neuzeit und das Dritte Reich bis zur deutschen Einheit, die aus 16 Millionen DDR-Deutschen Bundesbürger machte, die sich umso besser erinnern können, je mehr sie vergessen haben. Denn die Erinnerung ist nicht das Geheimnis der Erlösung, sie ist das einzige Paradies, aus dem niemand vertrieben werden kann.