Sachbuch-Phänomen Landleben In der BH-befreiten Hühnerzone

Erst "LandLust", das Magazin, jetzt "Landlust", das Buch: Doch während die Illustrierte mit potemkinschen Bauerndörfern von der grausamen Wirklichkeit ablenkt, zeichnen die Autoren der neuen Landbücher ein zwiespältiges Bild: Schön ist's - wenn man singende Hühner und Autounfälle mag.
Landfrau mit Nutzvieh: Du hast so blaue Augen, Gisela

Landfrau mit Nutzvieh: Du hast so blaue Augen, Gisela

Foto: Corbis

Je weniger die Deutschen auf dem Land leben - zuletzt waren es noch etwa 15 Prozent - desto mehr träumen sie davon: Hier schraubt man am roten Porsche-Traktor, widmet sich der Pflege aussterbender Apfelsorten und kocht Holundermarmelade ein, als befände man sich nicht zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit seiner industrialisierten Landwirtschaft und Massentierhaltung, sondern inmitten einer Idylle, in der man jedes Huhn mit Namen kennt.

Kein Medium hat von diesem Trend zu blattumflorter Sehnsucht so profitiert wie das Magazin "LandLust" - eine Art illustrierte Weltfluchtfibel für Erwachsene, die, wie passend, im gleichen Verlag erscheint wie das landwirtschaftliche Zentralorgan "Top Agrar" und "Elite", das "Fachmagazin für erfolgreiche und zukunftsorientierte Milchproduktion". Jene Magazine also, die auf deutlich handfestere Weise die industrienahe Agrarpolitik von Ministerin Aigner und ihrem neuen Staatssekretär Peter Bleser publizistisch flankieren. Doch warum den Blick auf die Wirklichkeit riskieren, wenn "LandLust" ein potemkinsches Bauerndorf errichtet? Im vierten Quartal 2010 meldete das Magazin einen Zuwachs von 22 Prozent auf gut 794.000 Exemplare. Zahlreiche andere Illustrierte versuchen, das Erfolgsrezept zu kopieren.

Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis auch auf dem Sachbuchmarkt die Landbuchwelle in Schwung kommt: "Landleben", "Schöner Mist" und, verblüffende Titelwahl, "Landlust" - gleich drei neue Sachbücher beschäftigen sich mit dem Leben auf dem Land. Mitte März folgt ein viertes: "Landfrust - ein Blick in die deutsche Provinz".

Allesamt schildern die Autoren weniger das dörfliche Geschehen, als die eigenen Erlebnisse, allesamt sind die Bücher nicht von Landmenschen geschrieben, sondern von Journalisten, die einen Gutteil ihres Lebens in der Stadt verbracht haben. Regelrecht zum Leitmotiv erhoben sind die vermeintlichen Vorteile der Urbanität in Irmgard Hochreithers "Schöner Mist - Mein Leben als Landei": "Eine hochkonzentrierte Abfolge schöner, anregender, genussvoller Momente. Freunde treffen, durch Galerien bummeln, Museen besuchen, Restaurants testen, Geld ausgeben für Dinge, die man sich eigentlich nicht leisten kann..." beschreibt die Autorin im Einstieg ein Wochenende in Paris. Sie scheint den Klischees der Metropolenwerbung wirklich Glauben zu schenken. Umso schwerer fällt es Hochreither, sich abzuwenden von der Selbststilisierung als alternde Carrie Bradshaw ("auf allen Shoppingmeilen der Welt zu Hause") samt trister Statussymbole wie dem richtigen Bildschirmschoner.

Was macht die Bäuerin im Hotel Waldfrieden?

Über das Leben auf dem Land erfährt man eher wenig. Darüber hinaus ist "Schöner Mist" auf geradezu anstrengende Weise flott geschrieben: Pflanzen heißen "Grünzeug", Jäger "Bambi-Killer", man ist nicht glücklich, sondern "einfach nur happy". Zu größerer Form läuft Hochreither erst auf, als sie in den hinteren Kapiteln den Klatsch des Dorfs im Wendland aufbereitet, in das es sie phasenweise verschlagen hat: Was macht der Städter mit der Bauersfrau im Hotel Waldfrieden? Warum bestellen zwei junge Spaziergängerinnen schon morgens Sekt im Jagdlokal?

"Landlust" von Martin Reichert wirkt wie ein Gegenentwurf dazu. Den Lesern der gleichnamigen Illustrierten dürfte das blau-weiß-gemusterte Teegedeck bei mancher Formulierung dieses Buchs leise in der Hand erzittern: "Nur selten werden in Berliner Parkanlagen junge Frauen verbrannt, die man zuvor in eine Reisetasche gesteckt hat." Reichert lebt eigentlich in Kreuzberg, nur das Wochenende verbringt er bei seinem Freund im Brandenburgischen. Um dort Hanf anzubauen, zu beobachten, dass "Autounfälle zu den Hauptereignissen auf dem Lande zählen" und schließlich festzustellen, dass es auf dem Dorf eben keine frische Luft gibt.

Rhetorische Einschübe wie "Wächst Fencheltee auf Bäumen?" legen den Verdacht nahe, dass irgendwo beim Börsenverband des deutschen Buchhandels ein Regelwerk ruht, demzufolge Sachbücher in Ich-Form generell um Witzigkeit bemüht zu sein haben. Im September-Kapitel seines im Rhythmus der Jahreszeiten gegliederten Buchs verfällt Reichert doch einmal in eine lyrische Naturbeschreibung.

Zu spät, ist ja schon fast Herbst. Wenn man eines nicht möchte nach der Lektüre dieses so ironischen wie ernüchternden Buchs, ist es aufs Land ziehen.

Gülleresistente Gummistiefel

"Von einer, die raus zog", lautet geradezu poetisch der Untertitel von Hilal Sezgins "Landleben". Die Publizistin, auch Herausgeberin des unter anderem von Ilija Trojanow und Feridun Zaimoglu verfassten "Manifests der Vielen" (erscheint Ende Februar 2011) zur Islam-, Migrations- und Sarrazindebatte, ist von Frankfurt am Main in ein Dorf nahe Lüneburg gezogen. In einer Mischung aus Schulaufsatz und protokollierendem Brief in Langform lässt sie ihre Leser an einer Fülle kleinster Details ihres Ortswechsels teilnehmen. Auf Seite 68 bricht gar eine Kachel im Flur. Der Leser fragt sich, ob sich die Fliesenlegerinnung wohl mit dem Verlag in Verbindung setzen könnte.

"Landleben" mag dramaturgisch ungeschickt aufgebaut sein, doch Hilal Sezgin schreibt mit wirklicher Begeisterung für ihr Sujet: Anders als Hochreither vermutlich, ist sie erleichtert über die geringere Zahl von Plakaten mit "H&M-Schönheiten in Slip und BH" und "Schaufenster, in denen man sich spiegeln kann", vermisst nicht das "samstägliche Shopping, Verabredungen bei Starbucks". Sie tauscht ihre modischen, aber untauglichen, orangefarbenen Gummistiefel aus England gegen gülleresistente und fängt an, Kamerunschafe zu züchten.

Eine späte Dringlichkeit entwickelt das Buch, als Sezgin mit ihrer Frankfurter Kusine Birgit einen Bio-Hühnerhof besichtigt, der gerade, wie einmal im Jahr "ausgeräumt" wird. Hinter diesem Euphemismus versteckt sich die, auch in der biologischen Freilandhaltung offenbar übliche Praxis, Legehennen nach einem Jahr Lebenszeit zu töten, weil ihre Leistung abnimmt.

In der leeren Halle hört Sezgin ein leises Singen: "Wenn Hühner hungrig oder durstig sind, geben sie hohe Töne, fast eine Melodie von sich." Ein paar Tiere waren beim "Ausräumen" vergessen worden. Nach längerem Überlegen machen Sezgin und ihre Kusine auf dem Heimweg kehrt. Sie wollen die Hühner retten. Die Reinigungsmänner sind schon am Werk, als die Frauen zur Hühnerfarm zurückkehren. "Nicht sonderlich zimperlich fingen sie die Hühner teils mit der Hand, teils mit dem Kescher. Die Hühner schrien fürchterlich. Der Schrei, den sie ausstießen, ähnelte nichts, was ich seither je aus ihrem Schnabel gehört habe; es waren gellende Schreie, wahre Todesschreie, die mich noch tagelang verfolgten." Zehn Hühner nimmt Hilal Sezgin schließlich mit nach Hause. In dieser Passage ist "Landleben" sogar Karin Duves "Anständig essen" überlegen.

Am Ende des Buchs blickt Hilal Sezgin einer Gans names Gisela in die "stahlblauen Augen". Sie glaube nicht, schreibt sie, dass derartige Erlebnisse den Menschen zurück zur Natur brächten: "Aber sie berühren etwas, das eben auch Teil des menschlichen Lebens ist; dessen Entfaltung den meisten von uns wohltut, vermutlich sogar unersetzlich ist." Für ihren Vornamen kann Gisela schließlich nichts.

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