Sachbuch "Was zählt - 2014" Die allergische Gesellschaft

Der Schweizer Think Tank W.I.R.E. schaut nach vorne ins neue Jahr - und entdeckt drei Trends: die Renaissance von Abwehrtendenzen, den Kampf um Solidarität und den Aufstieg des Selbermachens.
Co-Autorin Simone Achermann: Geht's voran?

Co-Autorin Simone Achermann: Geht's voran?

Was bleibt von 2013? Hoffentlich nicht der Alkoholschädel, um Gottes willen, bitte nicht. Was geht? Hoffentlich der Kater, zum Teufel noch mal, bitte schnell. Was kommt? Vermutlich die Reue, so wie in den letzten Jahren auch.

Wenn die Reue irgendwann weg ist und mit ihr der Kater, kann man sich den drei Fragen noch mal mit klarerem Kopf zuwenden: Was bleibt? Was geht? Was kommt? Sie bestimmen die Essays und Interviews in einem neuen Sachbuch, das bei Suhrkamp erschienen ist: "Was zählt - 2014". Entnommen sind sie der Buchreihe Abstrakt des Schweizer Think Tanks W.I.R.E. (thewire.ch), der sich mit globalen Entwicklungen in Wirtschaft, Gesellschaft und den Biowissenschaften beschäftigt.

Die Herausgeber von W.I.R.E identifizieren in drei Kapiteln drei Trends, darunter den Aufstieg des Selbermachens, also Handwerken, Stricken, Kuchenbacken und Co. als Gegentrend zur zunehmenden Bedeutung, die der digitale Raum in unserem Leben einnimmt. "Die Macher-Bewegung ist nicht nostalgische Schwärmerei, wie böse Zungen behaupten, sondern die Weigerung, schlechte Ware zu konsumieren", sagt der Star-Soziologe Richard Sennett. Dieses Ideal werde sich auch auf moderne Werkzeuge ausdehnen: "Wir müssen unsere Computer so behandeln wie der Teppichleger sein Messer." Schon bald werde sich selbstprogrammierbare Software durchsetzen. Das bedeute den Einstieg in ein zweites Computerzeitalter, prognostiziert er.

Gelangweilte Immunsysteme

Dazu passt, dass die Do-it-Yourself-Kultur schon heute nicht nur alte Kulturtechniken feiert: Im 3-D-Druck verschmelzen virtuelle und reale Welt. Irgendwann werde das dazu führen, dass Individuen und Kleinunternehmen erfolgreich mit Großkonzernen konkurrieren, schreibt Jack Roberts, Gründer und Geschäftsführer von Good Publishing. Der Grund: Es spielt für die Produktionskosten keine Rolle mehr, ob ein Produkt nur einmal produziert wird oder Tausende Male.

Der Thermotronik-Professor Lino Guzzella, Rektor der ETH Zürich, steht der Macher-Bewegung hingegen viel skeptischer gegenüber: Die Qualität der meisten Produkte sei besser, wenn sie industriell gefertigt würden. Zudem sei Selbstgemachtes viel zu teuer für die meisten Konsumenten. Er sieht den Trend als Wohlstandsphänomen: "Wir können es uns leisten, viel Zeit zu investieren, um schlechte Ware zu fertigen." Das Selbermachen diene manchen Menschen als eine Art Therapie in der Wissensgesellschaft, "die erfreulicherweise auch noch billiger ist als eine normale Psychotherapie". Als "sinnstiftende Freizeitbeschäftigung" lässt er den Trend daher gelten, als mehr aber auch nicht: "Wir haben wirklich größere Probleme zu lösen, als den standardisierten Wohlstand zu bekämpfen."

Als weiteren Trend benennen die W.I.R.E.-Macher die Renaissance von Abwehrtendenzen: Die moderne Welt erscheine vielen beängstigend offen, der Ruf nach Schutz vor den dort lauernden Gefahren werde lauter. Man denke an Anti-Terror-Gesetze, an Mauern um Gated Communities oder auch daran, dass in den USA unglaubliche 2,4 Prozent der Bevölkerung inhaftiert sind. Der erhoffte Effekt solcher Maßnahmen könne ins Gegenteil umschlagen, warnen Michèle Wannaz und Stephan Sigrist von W.I.R.E.: Sobald ein Abwehrsystem überreagiere, zerstöre es sich selbst - ähnlich wie ein Körper, der an einer Autoimmunkrankheit leidet. Dazu passt ein Interview mit Johannes Ring, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie: Er erklärt, dass der Anstieg von Allergien ein Zeichen sei für gelangweilte Immunsysteme. Mit anderen Worten: Weil unser Immunsystem sonst nichts zu tun hat, stürzt es sich auf ungefährliche Eindringlinge wie Pollen. Die Parallele zur NSA-Affäre oder auch zu mancher Absurdität der Terrorabwehr liegt auf der Hand: Ein hochgezüchtetes Abwehrsystem schafft sich seine Arbeit selbst.

Ein drittes Kapitel widmet sich dem Kampf um Solidarität in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft: Die Individualisierung der Interessen schreitet voran, die Wohlstandsschere öffnet sich immer weiter, die Lebenserwartung wächst. Der Trendforscher und Digitalberater May Celko warnt davor, dass "digitale Echokammern" die Gesellschaft noch weiter entsolidarisieren: Unsere Suchresultate bei Google beruhen auf unseren früheren Suchanfragen und unserem geografischen Standort; unsere Timeline bei Facebook ist primär gefüllt mit den Posts der Menschen, mit denen wir regelmäßig interagieren. Die Gefahr, die droht: Bereits bestehende Meinungen und Interessen werden verstärkt, die Gesellschaft spaltet sich in homogene Nischengruppen. Die Technik Google Glass könnte diesen Trend noch befeuern, fürchtet Celko: Theoretisch werde mit dieser Brille die Wahrnehmung selber personalisiert.

Das Sachbuch "Was zählt - 2014" bietet jede Menge solcher Denkanstöße, zudem bietet es einen schnellen, leicht lesbaren Überblick über aktuelle Debatten. Intellektuellen Tiefgang bietet es jedoch leider nicht. Viele Aufsätze und Interviews sind arg knapp gehalten, meist nicht ausführlicher als die Beiträge in einem mittelprächtigen Zeitungsfeuilleton.

Für einen verkaterten Neujahrstag mag das genügen. Für den Rest des Jahres müssen andere Bücher her.


Simone Achermann, Stephan Sigrist, Michèle Wannaz, Burkhard Varnholt, Gerd Folkers (Hg.): "Was zählt - 2014. Fakten, Trends und Visionen aus Wissenschaft, Politik und Kultur", Suhrkamp; 240 Seiten; 8 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.