Saddam Husseins Liebesroman Der selbst ernannte König der Herzen

Der Schlächter vom Tigris hat eine unerwartet zarte Seite. In seinem nun auf Deutsch erschienenen Roman "Zabibah und der König" beschreibt Saddam Hussein die kitschige Liebesbeziehung zwischen einem einfachen Mädchen und ihrem Herrscher. Der Subtext war hingegen sogar der CIA eine Analyse wert.

Von Yassin Musharbash


Saddam Husseins Liebesroman: Fenster zum Kopf des Tyrannen

Saddam Husseins Liebesroman: Fenster zum Kopf des Tyrannen

Berlin - Es ist ein beklemmendes Gefühl, dieses Buch zu lesen. Schließlich ist man gezwungen, mindestens einen halben Tag mit Saddam Hussein zu verbringen, dem gestürzten irakischen Tyrannen, dem Schlächter Tausender unschuldiger Menschen. "Ich bin der König eines großartigen Landes, und die Freiheit meines Volkes liegt mir am Herzen", lässt Saddam sein alter Ego, den König des Irak, zu seiner Geliebten Zabibah aus dem einfachen Volk sagen. Man stellt sich unwillkürlich vor, wie der Diktator solche Sätze schrieb, bevor er die eigene Bevölkerung mit Giftgas bombardieren ließ. "Das Volk braucht Strenge?", fragt der König seine Gespielin an einer anderen Stelle. "Gewiss, Majestät", antwortet Zabibah.

Erträglich ist die Lektüre dieses Groschenromans nur aus einem Grund: Weil er so schlecht, so plump und so dümmlich ist, dass man gelegentlich zum Lachen geradezu gezwungen wird. Auch im arabischen Original und in irakischen Ohren kann das nicht anders gewirkt haben, als der Roman vor einigen Jahren erschien.

Jede Menge naiver Dialoge

Es wimmelt von naiven Dialogen, deren Tiefe irgendwo zwischen "Der kleine Prinz" und einer Readers'-Digest-Lesergeschichte angesiedelt ist. Da soll zum Beispiel der König mit Pfefferminztee vergiftet werden, doch Zabibah erkennt die List des Dieners als den nun schon zweiten Attentatsversuch: "Es könnte wieder ein giftiger Pfeil sein", warnt sie den König. "Aber das ist doch nur Pfefferminztee!" sagt dieser, ziemlich tumb. "Wo soll hier ein Pfeil sein?" - "Das war doch nur ein Gleichnis, Majestät!", muss Zabibah erklären.

Dass die irakische Presse das Buch bei Erscheinen positiv besprach, ist nur mit der Angst vor Sanktionen zu erklären. Die arabische Literaturgeschichte ist jedenfalls reicher ohne dieses 192-Seiten-Werk, das der Verlag TBV nun in einer deutschen Übertragung der renommierten Arabisch-Übersetzerin Doris Kilias herausgebracht hat. Die Startauflage beträgt immerhin 10.000 Stück. Offenbar rechnet man damit, dass der Name des Autors die Käufer lockt.

Saddam Hussein in glücklicheren Tagen: "Gewiss, Majestät!"
REUTERS

Saddam Hussein in glücklicheren Tagen: "Gewiss, Majestät!"

Die Handlung des Romans ist schnell erzählt: Alter König und junges, einfaches Mädchen verlieben sich ineinander. Der Ehemann des Mädchens will die darauf folgende Scheidung nicht hinnehmen; er vergewaltigt seine Ex-Frau. Der König zieht darum gegen ihn in den Krieg, und Zabibah sowie der König finden schließlich den Tod - nicht aber, bevor nicht der König durch langatmige und ausgesprochen verkitschte Dialoge von der schönen Bäuerin zu einem besseren, menschlicheren Herrscher und Gläubigen gemacht worden wäre. Nach dem Tod des Liebespaares ergreift dann "das Volk" die Macht und führt eine Art Säuberung durch. Es schickt sich an, in Erinnerung an die Ideale Zabibahs und des Königs, eine neue Regierungsform zu installieren.

Antisemitische Klischees

Diese neue Regierungsform wiederum riecht ziemlich streng nach der Ideologie von Saddams Baath-Partei, die überhaupt einen Referenzrahmen des Buches darstellt: Der Baath-Slogan von der "ewigen Sendung der Araber" spiegelt sich zum Beispiel darin wider, dass sich der König kurz vor seiner letzten Schlacht den Namen "Araber" zulegt. Antisemitische Klischees fehlen auch nicht: Es ist ausgerechnet ein Händler mit Namen Schamel, der arabischen Version des jüdischen Namens Schmul, der vom Volk verjagt wird, weil er nicht am Krieg teilgenommen, sondern sich freigekauft hat.

So weit, so schlecht. "Ein raffiniert geschriebenes, intelligentes Buch, das einen bis zur letzten Seite fesselt", wie es auf dem Klappentext heißt, ist der Roman jedenfalls nicht. Diese Behauptung stammt im Übrigen nicht vom Verlag, wie man erwarten könnte, sondern ausgerechnet von einem Mitarbeiter der CIA. Drei Monate lang hat der US-Geheimdienst das Buch nach seinem Erscheinen 2001 analysiert, um es als "Fenster" in den Kopf des Diktators zu benutzen. Wahrscheinlich hat der weitaus interessantere Subtext den zitierten US-Beamten von den literarischen Mängeln abgelenkt.

US-Invasion als Vergewaltigung

Zwischen den Zeilen nämlich, zum Teil nur notdürftig kaschiert, erzählt Saddam Hussein auch seine eigene Geschichte und seine Version der Ereignisse der jüngeren irakischen Vergangenheit. Das einfache Mädchen Zabibah symbolisiert zweifelsohne das irakische Volk: unkorrumpiert, unbeugsam und ursprünglich. Der von ihr verlassene Ehemann wiederum, der seine Braut gekauft und sich nur für ihr Öl - Verzeihung! - ihre körperlichen Reize interessiert hat, steht für die USA.

Die Schlüsselszene ist deshalb die Vergewaltigung Zabibahs durch ihren Ex-Ehemann: "Gewalt über sich ergehen lassen zu müssen, ist immer das Grausamste, ob nun eine Frau sie erleiden muss oder ein Volk, dem ein fremdes Heer Gewalt antut (...). Das einzige, dachte Zabibah, was mir meine seelischen Qualen ein wenig erleichtert, ist, dass ich mich gewehrt habe, bis mir meine Sinne schwanden." Damit diese Botschaft auch nicht untergeht, lässt Saddam Hussein die Vergewaltigung am 17. Januar stattfinden - und damit an dem Tag, an dem 1991 der Krieg der US-geführten Koalition gegen den Irak begann: Der Kampf Zabibahs gegen ihren Peiniger als "Mutter aller Schlachten".

Am faszinierendsten an dem Buch - im Übrigen bei weitem nicht das erste aus der Feder des Despoten - fällt das Zeugnis aus, das Saddam sich selbst ausstellt: Er zeichnet das Porträt eines huldvollen Herrschers, der nach und nach lernt, dass er nur durch den unmittelbaren Kontakt zu seinem Volk gut und weise regieren kann. Er denkt sogar über demokratische Reformen nach, verliert aber nie die Notwendigkeit aus den Augen, auch durchgreifen zu müssen. Er lobt sich als Verfechter der Frauenrechte, was ihm Zuneigung und Respekt sichert.

Alle sollen den König lieben

Saddam bei seiner Festnahme: "Wo soll hier ein Pfeil sein?"
DDP

Saddam bei seiner Festnahme: "Wo soll hier ein Pfeil sein?"

Und respektiert und geliebt werden, das will er vor allem. Darum geht es eigentlich: Zabibah, der Hofstaat, sein Volk, sie alle sollen den König lieben und verstehen, dass er manchmal streng sein muss: "Der König darf eben nichts übersehen, er muss die ganze Last der Verantwortung in seinem Amt tragen. Und das Volk darf nicht vergessen, wie schwer diese Verantwortung auf ihm lastet, denn nur dann kann es seine Pflichten gegenüber dem Staat erfüllen. Es muss die Bürde tragen, die ihm aus diesem Verhältnis zum Staat erwächst, und darf nicht unnötig murren (...)." Dass Saddam Husseins lyrisches Ich sich zugleich über Tyrannei und willkürliche Diktaturen in anderen Ländern mokiert, ist an Zynismus kaum noch zu überbieten.

Weder der Subtext noch die literarische Qualität vermögen es, diesen Nachgeschmack des Propagandamachwerks verschwinden zu lassen. Es bleibt also ein unappetitliches Buch. Immerhin: Der Verlag wird einen Teil des Gewinns wohltätigen Projekten im Irak zukommen lassen. Und beruhigend ist auch, dass Saddam Hussein von den Erlösen nicht profitieren wird: Tantiemen brauchen nicht an den seit mittlerweile drei Monaten in Haft sitzenden Ex-Diktator abgeführt werden, weil der Irak die einschlägigen internationalen Abkommen nicht unterzeichnet hat. Dieses Versäumnis dürfte den Verfasser, dessen Privatvermögen längst beschlagnahmt wurde, heute ärgern.

Saddam Hussein: "Zabibah und der König - Eine Liebesgeschichte"; TBV 2004



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.