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24. Juli 2018, 15:28 Uhr

Schreiben über Sex und Macht

Über die Schuld, eine Frau zu sein

Von Katharina Schipkowski

"Diese Person mit dem Loch, in das man Sachen reinstecken kann": In einem Sammelband schreiben Autorinnen darüber, wie Rollenbilder unseren Umgang mit Sex prägen - sie liefern Worte für das, was viele verschweigen.

Seit Ende vergangenen Jahres gibt es einen Begriff für Menschen, die zwar nicht vergewaltigen, mit denen man aber trotzdem nicht komplett freiwillig schläft: "Cat Person". Die gleichnamige Kurzgeschichte von Kristen Roupenian, die im Dezember im "New Yorker" erschien, ging viral: Zwei Menschen treffen sich zufällig, verabreden ein Date, chatten viel, bauen Erwartungen auf. Das Date geht schief. Sie haben trotzdem Sex, aber der ist alles andere als gut, vor allem für die Frau. Sie steht den lieb- und lustlosen Porno-Style-Sex dennoch durch, weil ihr ein Ausweg zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich scheint.

Der Text ist eine der meistgeklickten fiktiven Geschichten des vergangenen Jahres. Die Autorin hat offenbar ein dringendes Bedürfnis getroffen - über missglückten Sex und enttäuschte Erwartungen zu reden und vor allem über Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen, die sich in solchen Situationen kristallisieren.

Jetzt erscheint ein deutschsprachiges Buch, das diesem Bedürfnis nachkommt. "Sagte sie" heißt die Anthologie, die 17 Beiträge von ausschließlich weiblichen Autorinnen umfasst, unter anderem Helene Hegemann, Fatma Aydemir und SPIEGEL- ONLINE-Kolumnistin Margarete Stokowski. Den Titel erklärt die Herausgeberin Lina Muzur mit einer englischen Redewendung. "He said, she said" bezeichnet Konfliktsituationen, bei denen die Beteiligten hinterher eine völlig konträre Sicht auf die Ereignisse haben - der eine sagt so, die andere so. Muzur schreibt im Vorwort: "Und weil es durchaus sein könnte, dass wir schon zu lange und zu oft seiner Version der Geschichte zugehört und Glauben geschenkt haben, soll in dieser Anthologie ausschließlich ihre Sicht der Dinge erzählt werden: Sagte sie."

"Hi, ich bin's, die Frau, diese Person mit dem Loch, in das man Sachen reinstecken kann, wenn der Mann will, und über deren Integrität man öffentlich beraten kann (Schlampe, ja /nein)", stellt sich die Verfasserin eines inneren Monologs in dem Beitrag "Setzen Sie sich!" von Antonia Baum vor. Im Gehirn der Protagonistin, wo sich der Monolog abspielt, hat ein Querschnitt der Gesellschaft Platz genommen: eine Feministin mit Brille, ein Macho-Typ in Alpha-Jacke, ein Hellmuth-Karasek-hafter Mann mit Weinglas, eine junge Frau mit Kind auf dem Arm und Telefon in der Hand. Dieses Publikum wirft Kommentare ein, während die Protagonistin schildert, wie ihr Vorgesetzter sie nach einer Party im Taxi begrapschte:

Der Vorgesetzte, Abteilungsleiter in einer Agentur, schien ihr eigentlich immer wie ein netter Typ. Auch seine Zuwendung gefällt ihr, bis er ihr im Taxi die Zunge in den Hals und den Finger in die Vagina steckt. Sie überlegt krampfhaft, wie sie der Situation entfliehen kann, ohne ihn zu blamieren. Obwohl sie es am Ende schafft, plagt sie nun die Frage, ob das alles ihre Schuld war. "Schätzchen, das ist deine Sozialisation als Frau, das sind Machtverhältnisse", sagt die Feministin in der Ecke ihres Gehirns. "Halts Maul, du Fotze, du wolltest es auch!", brüllt der Typ mit der Alpha-Jacke von der anderen Seite.

Dinge, die jeder passieren können

Die Frage der Schuld zieht sich durch alle Beiträge, so unterschiedlich sie auch sind. Da ist die Schuld, einen Rock getragen zu haben, nichts gesagt zu haben, etwas gesagt zu haben, das eigene Kind nicht vor Misshandlung geschützt oder die Mutter verraten zu haben. Häufig läuft es schlicht auf die Schuld hinaus, eine Frau zu sein.

Immer wieder geht es auch um die Unfähigkeit, über das Geschehene zu sprechen, obwohl das Bedürfnis so groß ist. Manches scheint zu schlimm, um es zu erzählen, oder man fürchtet die Konsequenzen. Im Fall einer Mutter und ihrer Tochter in dem Beitrag "Der Fleck" von Annika Reich hilft es den Protagonistinnen, nach China zu fahren, um nach Jahrzehnten des Schweigens bei Schnaps und Ente süß-sauer über eine Vergewaltigung in der Familie zu sprechen.

Aber es geht auch immer um Macht, mit der Sex immer verbunden ist, und auch um Scham, um Wut, und häufig um Angst. In dem Beitrag "Dickicht" erzählt Julia Wolf die Geschichte einer jungen Mutter, die mit ihrem Baby allein im Ferienhäuschen in einem kleinen Dorf am Meer zurückbleibt, während der Mann kurzfristig zu seiner Geschäftspartnerin reisen muss, weil dort "die Hütte brennt".

Als es dunkel wird, kriechen die Dämonen aus den Ecken, der Wald raschelt, die Gedanken, warum der Mann sich eigentlich nicht meldet und wer wohl alles gesehen hat, dass die Frau allein im Haus zurückgeblieben ist, werden laut. Als Leserin wird man wütend auf den Mann, auf die Businesspartnerin, nicht zuletzt auf eine Gesellschaft, in der Frauen das Baby stillen, während Männer die Geschäfte regeln.

Hier funktioniert das Buch ganz ähnlich wie "Cat Person": Die teils fiktionalen Beiträge berühren, auch wenn sie vielleicht meilenweit von der eigenen Lebensrealität entfernt sind, aber Dinge verhandeln, die jeder Frau passieren können. Weil es eben so viel wahrscheinlicher ist, sich in der Rolle der Frau in dem Ferienhaus wiederzufinden als in der Rolle des Geschäftsreisenden.

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