"Saison der Wirbelstürme" Internationaler Literaturpreis für mexikanisches Provinzdrama

Die Mexikanerin Fernanda Melchor erhält für ihren Roman "Saison der Wirbelstürme" den Internationalen Literaturpreis des Berliner HKW. Auch ihre deutsche Übersetzerin wurde ausgezeichnet.

Angelica Ammar und Fernanda Melchor: Übersetzerin und Autorin teilen sich den Preis
Ann-Christine Woehrl/ privat

Angelica Ammar und Fernanda Melchor: Übersetzerin und Autorin teilen sich den Preis


Stimmen, die zu einem dichten Klangteppich verwebt sind, Sätze über eine halbe Seite, die keine Zeit zum Luftholen bieten: Mit ihrem politischen Mexiko-Roman "Saison der Wirbelstürme" hat Fernanda Melchor bereits viel Aufmerksamkeit erregt (lesen Sie hierdie SPIEGEL-ONLINE-Rezension). Im Mai erhielt sie dafür den Anna Seghers-Preis für Nachwuchsautoren. Jetzt würdigt das Berliner Haus der Kulturen der Welt (HKW) sie und ihre Übersetzerin Angelica Ammar mit dem Internationalen Literaturpreis.

"Fernanda Melchor hat den Roman der Armut im Globalkapitalismus des 21. Jahrhunderts geschrieben", heißt es in der Begründung der Jury. Es sei ein Roman des gnadenlosen Kampfes der Schwächsten gegen noch Schwächere und gegen sich selbst, ein Roman der Zerstörung.

Die Arbeit der Übersetzerin Ammar würdigte die Jury als eine "ungeheure Leistung", bei der sie einen Wort- und Bedeutungsteppich ausbreite, dem man lesend vertrauen könne und dessen Festigkeit nie nachlasse. "Die vielen Herausforderungen des Originals hat sie mit großer Eleganz bewältigt, immer in vollem Verständnis des Textes." Sie übersetzte das Original aus dem mexikanischen Spanisch.

Wo der Drogenkrieg das Leben regiert

In dem Roman geht es um ein kleines mexikanisches Dorf, in dem eine vermeintliche Hexe zugleich als Heilerin und Schuldige für das von Brutalität geprägte Provinzleben fungiert. Als die Frau plötzlich stirbt, offenbart sich ein Sumpf aus Gewalt, Missbrauch und Drogenhandel. Melchor, die selbst aus Veracruz, einer der Hochburgen des Drogenkriegs in Mexiko kommt, stützt sich dabei auf wahre Begebenheiten. Die Nähe zur Wirklichkeit macht den Roman umso eindringlicher.

Insgesamt hatten es sechs Titel aus fünf Sprachen auf die Shortlist für die Auszeichnung geschafft, die das HKW und die Stiftung Elementarteilchen alljährlich an ein herausragendes Werk internationaler Gegenwartsliteratur sowie seine Erstübersetzung ins Deutsche verleiht. Dazu zählten "Der Kadaverräumer" von Zoltán Danyi in der Übersetzung von Terézia Mora und Yishai Sarids "Monster" (Übersetzung Ruth Achlama). "Ein inspirierender Tribut an die Wirkmacht der Literatur" seien die sechs ausgewählten Bücher, hatte die Jury bei der Nominierung verkündet.

Der Preis ist mit insgesamt 35.000 Euro dotiert - 20.000 Euro für die Autorin, 15.000 Euro für die Übersetzerin.

brs

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