Salman Rushdie über Literatur und Zensur »Freiheit ist die Luft, die wir atmen«

»Künstler sind verwundbar«, so Salman Rushdie beim World Voices Festival 2012. Wie wahr dieser Satz ist, zeigt die Messerattacke auf den Star-Autor. Was er damals sagte, war keine Verteidigung. Sondern eine Kampfansage.
Eine Rede von Salman Rushdie
Salman Rushdie 2012 (bei einer Veranstaltung in Hay-on-Wye)

Salman Rushdie 2012 (bei einer Veranstaltung in Hay-on-Wye)

Foto:

David Levenson / Getty Images

Seit 2006 bildet die »Arthur Miller Freedom to Write Lecture« den Höhepunkt des World Voices Festival für internationale Literatur, das die amerikanische Sektion des Schriftstellerverbandes PEN ausrichtet. 2012 hielt Salman Rushdie die Arthur Miller Lecture; in leicht überarbeiteter Form wurde der Redetext im Magazin »New Yorker« veröffentlicht. Darauf beruht die deutsche Übersetzung (von Sabine Herting und Bernhard Robben), erschienen im Sammelband »Sprachen der Wahrheit«.

Wir dokumentieren den Text anlässlich des Messerangriffs auf Salman Rushdie. Das deutsche PEN-Zentrum ernannte Rushdie am Samstag zum Ehrenmitglied.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ich gehe davon aus, dass ich hier über Zensur sprechen soll, aber kein Schriftsteller möchte wirklich über Zensur sprechen. Schriftsteller wollen über ihre Schöpfungen sprechen, und Zensur ist Antischöpfung, negative Energie, Nichtschöpfung, die Entstehung der Nichtentstehung, oder um es mit Tom Stoppards Beschreibung des Todes zu sagen: »die Abwesenheit der Anwesenheit«.

Zensur ist das, was einen daran hindert, das zu tun, was man tun möchte, und Schriftsteller wollen darüber sprechen, was sie tun, und nicht über das, was sie daran hindert. Schriftsteller wollen darüber sprechen, wie viel sie bezahlt bekommen, und über andere Schriftsteller tratschen und wie viel die bezahlt bekommen, und sie wollen sich über Kritiker und Verleger beklagen und über Politiker maulen, und sie wollen über das sprechen, was sie lieben, über die Schriftsteller, die sie lieben, über die Geschichten und sogar über die Sätze, die ihnen etwas bedeuten, und schließlich wollen sie über ihre eigenen Ideen und ihre eigenen Geschichten sprechen. Über ihre Dinge.

Der britische Humorist Paul Jennings erklärte in seinem brillanten Essay über »Resistenzialismus« – eine Parodie auf den Existenzialismus –, die Welt teile sich in zwei Kategorien, in »Ding« und »Nichtding«, und er behauptete, zwischen diesen beiden herrsche ein niemals endender Krieg. Wenn Schreiben »Ding« ist, dann ist Zensur »Nichtding«, und wie König Lear zu Cordelia sagt: »Aus nichts kann nichts entstehen«, oder wie Mr Jennings Shakespeare abgeändert hätte: »Aus dem Nichtding kann Nichtding entstehen: Sprich noch einmal.«

»Wenn wir kein Vertrauen in unsere Freiheit haben, dann sind wir nicht frei.«

Salman Rushdie

Befassen wir uns, wenn Sie mögen, mit der Luft. Hier ist sie, überall um uns herum, im Überfluss vorhanden, frei verfügbar und weitgehend atembar. Ja, ich weiß, sie ist nicht vollkommen sauber oder vollkommen rein, und dennoch ist sie da, reichlich, genug für uns alle, und es bleibt noch eine Menge übrig. Wenn Luft, die man atmen kann, in solchen Mengen so frei verfügbar ist, ist es überflüssig zu fordern, atembare Luft müsse allen, für die Bedürfnisse aller in ausreichender Menge frei zur Verfügung gestellt werden. Was man hat, kann man leicht für selbstverständlich halten und ignorieren. Es besteht kein Anlass, davon ein Aufheben zu machen. Sie atmen die frei verfügbare, weitgehend atembare Luft, und Sie leben Ihren Tag. Die Luft ist kein Thema. Sie ist nichts, über das man diskutieren müsste.

Nun stellen Sie sich vor, dass Sie irgendwo da oben riesige Zapfhähne finden und dass die Luft, die wir atmen, aus diesen Hähnen strömt, heiße Luft, kalte Luft und lauwarme Luft aus einer himmlischen Mischbatterie. Und stellen Sie sich vor, dass eine uns unbekannte oder vielleicht sogar bekannte Instanz dort oben eines Tages beginnt, einen Hahn nach dem anderen zuzudrehen, sodass wir allmählich spüren, dass die verfügbare Luft, immer noch atembar, immer noch frei, dünner wird. Es kommt die Zeit, da wir feststellen, dass wir schwerer atmen, vielleicht schnappen wir sogar nach Luft. Zu dem Zeitpunkt würden viele von uns bereits protestieren, wir würden die Reduzierung der Luftversorgung verurteilen und laut für das Recht auf frei verfügbare, weitgehend atembare Luft eintreten. Verknappung schafft Nachfrage.

Anzeige
Salman Rushdie

Sprachen der Wahrheit: Texte 2003-2020

Übersetzung: Sabine Herting, Bernhard Robben
Verlag: C. Bertelsmann
Seitenzahl: 480
Für 26,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Freiheit ist die Luft, die wir atmen, und lebt man wie wir in einem Teil der Welt, wo sie herrscht, so unvollkommen die Versorgung sein mag, so ist sie dennoch frei verfügbar, zumindest für die unter uns, die keine Hoodies tragenden schwarzen Jugendlichen in Miami sind, und weitgehend atembar, es sei denn natürlich, wir sind Frauen in den »roten« Staaten, die selbst über ihren Körper entscheiden wollen. Unvollkommen frei, unvollkommen atembar, aber wenn sie atembar und frei ist, müssen wir keine große Sache daraus machen. Wir halten sie für selbstverständlich und leben unseren Tag. Und wenn wir nachts einschlafen, nehmen wir an, dass wir auch morgen frei sein werden, da wir ja heute frei waren.

Der schöpferische Akt erfordert nicht nur Freiheit, sondern auch die Annahme dieser Freiheit. Macht sich der schöpferische Künstler Sorgen, ob er morgen noch frei sein wird, dann ist er auch heute nicht frei. Wenn er sich vor den Konsequenzen seines gewählten Themas fürchtet oder seiner Art, wie er es behandelt, dann ist seine Wahl nicht durch sein Talent bestimmt, sondern durch Angst. Wenn wir kein Vertrauen in unsere Freiheit haben, dann sind wir nicht frei.

»Warum sind Künstler so unbequem? Können sie uns nicht einfach Schönheit, Moral und eine verdammt gute Geschichte bieten?«

Salman Rushdie

Und schlimmer noch, wenn die Zensur sich in die Kunst drängt, dann wird sie zum Thema; die Kunst wird »zensierte Kunst«, und genau so sieht und versteht es die Welt. Die Zensur bezeichnet das Werk als unmoralisch oder blasphemisch oder pornografisch oder umstritten, und diese Wörter hängen für immer an den zensierten Werken wie Albatrosse um den Hals jener verfluchten Seeleute. Der Angriff auf das Werk bewirkt mehr, als das Werk zu definieren; in gewissem Sinne wird der Angriff für die breite Öffentlichkeit das Werk. Auf jeden Leser von Lady Chatterleys Liebhaber oder von Wendekreis des Steinbocks, auf jeden Zuschauer von Der letzte Tango in Paris oder von Clockwork Orange kommen zehn, hundert, tausend Leute, die »wissen«, dass diese Werke maßlos obszön oder maßlos brutal oder beides sind.

Die Schuldvermutung ersetzt die Unschuldsvermutung. Warum musste dieser indische muslimische Künstler diese Hindu-Göttin nackt malen? Hätte er nicht ihre Sittsamkeit respektieren können? Warum musste dieser russische Schriftsteller seinen Helden sich in ein Nymphchen verlieben lassen? Hätte er nicht ein gesetzlich vertretbares Alter wählen können? Warum stellte diese britische Dramatikerin einen sexuellen Missbrauch in einem Sikh-Tempel, in einem gurdwara, dar? Hätte derselbe Missbrauch nicht fern vom heiligen Boden stattfinden können? Warum sind Künstler so unbequem? Können sie uns nicht einfach Schönheit, Moral und eine verdammt gute Geschichte bieten? Warum meinen Künstler, wir sollten auf ihrer Seite sein, wenn sie sich so verhalten?

»And the people said sit down,
sit down you’re rocking the boat.«

Der Zensur in ihrer wirksamsten Form gelingt es tatsächlich, die Wahrheit des Künstlers durch Lüge zu ersetzen, sodass man glaubt, das Zensierte habe die Zensur verdient. Das Boot zum Schaukeln zu bringen, wird weithin missbilligt. Der endgültige Sieg der Zensur ist erreicht, wenn Menschen sich eine nicht zensierte Gesellschaft nicht mehr vorstellen können.

Manchmal trotzen große verbotene Werke der Deutung der Zensur und drängen sich der Welt auf. Ulysses, Lolita, Tausendundeine Nacht. Manchmal trotzen große, mutige Künstler der Zensur, um fabelhafte Untergrundliteratur zu schaffen wie im Falle der Samisdat-Literatur in der Sowjetunion oder um feinsinnige Filme zu drehen, die auf der scharfen Schere des Zensors balancieren, wie im Falle vieler aktueller iranischer und einiger chinesischer Filme. Sie werden sogar Leute finden, die das Argument vorbringen, Zensur sei gut für Künstler, weil sie ihre Fantasie herausfordere. Das ist so, als sagte man, wenn man einem Menschen die Arme abhackt, kann er dafür gefeiert werden, dass er mit dem Stift zwischen den Zähnen zu schreiben gelernt hat.

»Originelle Kunst entsteht nie in der sicheren Mitte, sondern immer an den Rändern«

Zensur ist nicht gut für die Kunst, und für die Künstler ist sie sogar sehr schlecht. Der Dichter Ovid war von einem ungehaltenen Kaiser Augustus an das Schwarze Meer verbannt worden und verbrachte den Rest seines Lebens in einem kleinen Drecksloch namens Tomi; aber Ovids Dichtung hat das Römische Reich überdauert. Der Dichter Mandelstam starb in einem von Stalins Arbeitslagern, aber Mandelstams Dichtung hat die Sowjetunion überdauert. Der Dichter Federico García Lorca wurde in Spanien von Schergen des Generalissimo Franco ermordet; aber García Lorcas Dichtung hat die faschistische Falange überdauert. Vielleicht können wir also behaupten, die Kunst ist stärker als die Zensur, und vielleicht ist sie es oft.

Doch Künstler sind verwundbar.

Unsere Aufgabe hier beim PEN ist es, den Künstler ebenso wie die Kunst, den im Gefängnis sitzenden Schriftsteller ebenso wie seine eingekerkerten oder verbotenen Worte zu verteidigen und möglichst zu schützen. In vielen Ländern dieser Welt könnte eine Zusammenkunft wie World Voices, bei der etwa hundert Schriftsteller über alle möglichen Dinge auf alle möglichen Arten sprechen, schlichtweg nicht stattfinden. Die Luft hier ist nicht sauber, aber man kann sie atmen.

Das ist kein Anlass für Selbstgefälligkeit. Kürzlich protestierte der englische PEN, weil die London Book Fair nur eine Handvoll »offizieller«, staatlich genehmer chinesischer Schriftsteller eingeladen hatte, während die Stimmen von mindestens fünfunddreißig vom Regime inhaftierten Schriftstellern, darunter der Nobelpreisträger Liu Xiaobo und PEN-Mitglied Zhu Yufu, stumm blieben und ignoriert wurden. In den Vereinigten Staaten bemühen sich jedes Jahr religiöse Eiferer, Schriftsteller, die so grundverschieden sind wie Kurt Vonnegut und J. K. Rowling – eine eindeutige Verfechterin der Hexerei und der schwarzen Magie – verbieten zu lassen, ganz zu schweigen vom armen von Gott geplagten Charles Darwin, gegen den die Befürworter des »Intelligent Design« weiterhin zu Felde ziehen. Ich schrieb einmal – und es scheint mir noch immer richtig –, die Angriffe auf die Evolutionstheorie in Teilen der Vereinigten Staaten würden ein Stück weit Darwins Theorie widerlegen, da sie zeigten, dass die natürliche Auslese nicht immer funktioniere oder zumindest nicht in der Gegend von Kansas, und dass Menschen auch in der Lage seien, sich rückwärts zu entwickeln, zurück zum Missing Link.

Noch ernster ist die wachsende Akzeptanz der Bring-das-Boot-nicht-zum-Schaukeln-Reaktion auf Künstler, die es zum Schaukeln bringen, die wachsende Zustimmung, Zensur könne gerechtfertigt sein, wenn gewisse Interessen-, Gender- oder Glaubensgruppen sich durch ein Werk beleidigt fühlen. Aber große Kunst, oder sagen wir bescheidener, originelle Kunst entsteht nie in der sicheren Mitte, sondern immer an den Rändern.

Originalität ist gefährlich. Sie fordert zu Fragen auf, stößt Annahmen um, erschüttert Moralkodexe, verweigert heiligen Kühen und anderen derartigen Wesen den Respekt. Das kann schockierend oder hässlich sein oder, um den allumfassenden Begriff zu benutzen, den die Boulevardpresse so liebt, kontrovers. Und wenn wir an die Freiheit glauben, wenn wir wollen, dass die Luft, die wir atmen, im Überfluss vorhanden und atembar bleibt, dann müssen wir das Existenzrecht der Kunst nicht nur verteidigen, sondern feiern. Kunst ist keine Unterhaltung. In ihrer allerbesten Ausprägung ist sie eine Revolution.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.