Englische Provinzklamotte Der Mensch ist ein sexuell auffälliges Nutztier

"Trainspotting" in den Zeiten von BSE: In "Idiopathie" von Sam Byers treffen in der nordenglischen Provinz Promiskuität und Drogenkonsum aufeinander - statt Rinderwahn herrscht in diesem Roman der Menschenwahn.

Sam Byers "Idiopathie": Rinderwahn als Metapher
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Sam Byers "Idiopathie": Rinderwahn als Metapher

Von Thomas Andre


Wer sich heutzutage noch an BSE und wankende Kühe erinnert, beherrscht entweder nicht die Kunst des kulinarischen Ausblendens, oder dem ist das Debütwerk von Sam Byers in die Hände gefallen. Byers stammt aus England, wo die Seuche um das Jahr 2000 herum am stärksten wütete. Seinen Roman "Idiopathie" siedelt er nicht nur in jener Zeit an, er benutzt auch die Krankheit als Metapher für das Zusammenleben der Gattung Mensch.

Nicht, ohne vorher zu erklären, was Idiopathie ist: Gemäß Wörterbuch eine "Krankheit, die spontan auftritt oder deren Ursache nicht bekannt ist". Den Rinderwahn deutet Byers dabei zum Menschenwahn um: als Neigung von Individuen, sich in Beziehungen das Leben so gut es geht zur Hölle zu machen. Er strapaziert das Sinnbild etwas über.

Erzählt wird die Geschichte dreier Middle-Class-Engländer. Sie heißen Daniel, Nathan und Katherine, sind um die 30 und leben in einer nordenglischen Provinzstadt. Daniel und Katherine waren einmal zusammen. Während er jetzt Karriere bei einem Nahrungsmittelforschungsinstitut macht und mit neuer Partnerin häuslich geworden ist, wählt sie die promiske Tour: Sie schläft sich durch das Büro.

Überdrehteste Zicke der jüngeren Literaturgeschichte

Dabei wird sie vom sexuell auffälligen Keith ("Fick mich, als ob du Angst vor mir hättest") schwanger, was ihren Selbsthass ins Unermessliche steigert. Darin ähnelt sie Nathan, dem melancholischen Drogenkonsumenten, der sich nach der letzten Party verstümmelt und in der Klapse landet. Nicht, dass er mit stierem Blick so abseits der Herde stünde wie eine kranke Kuh. Aber seine Absonderung von den Gesunden, die ihrerseits ständig im Fernsehen über die kranken Nutztiere informiert werden, soll doch überdeutlich machen: Hier stimmt etwas nicht mit den jungen Leuten, die doch eigentlich alles haben, vor allem die Freiheit, das zu tun, was sie gerne tun möchten.

Eine Problemstudie ist der szenisch gestaltete Roman freilich nicht, kein Ken-Loach-Film in Buchform. Eher eine Art Nachfolger von Irvine Welshs "Trainspotting", in dem das Ende des Hedonismus, der keine Rücksicht auf Verluste kennt, durchdekliniert wird. Nicht ohne Humor und mit einer bemerkenswert penetranten Figurenzeichnung.

Die Borderlinerin Katherine ist die überdrehteste Zicke der jüngeren Literaturgeschichte und Daniels Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit auf einer öffentlichen Toilette eine tragikomische Episode, die man nicht vergisst. Trotzdem ist es gerade die Dauerlaberei der Unglücklichen, die deren Einsamkeit zwar grell ausstellt, ihr aber keine hinreichende Motivation gibt. Die Darstellung des desaströsen Sexlebens oder der Narzissmen der Akteure erschöpft sich irgendwann in ätzender Kabbelei gelangweilter 30-Jähriger, die es längst besser wissen sollten.

Sam Byers pflegt einen stark dialogischen Erzählstil, seine Sätze sind windschnittig. Nie tasten sie sich voran, sie behaupten. Und sie sind bisweilen pseudo-hintersinnig, Nebelkerzen, die effektvoll sein sollen: "Nicht, dass er sie attraktiv gefunden hätte; er konnte sich nur nicht vorstellen, sie nicht attraktiv zu finden."

Eine Katharsis gönnt er seinen überreizten Figuren kaum, und das finale Wiedertreffen verpufft wirkungslos: Als skurrile Nebenfigur taucht ein Tierschutzaktivist auf, der gegen die vorsorgliche Schlachtung der Rinder zu Felde zieht und in ein Treffen des Trios platzt. Das hat bis dahin schon einiges mitgemacht: Dem einen dämmert der Vater weg, der andere muss mitansehen, wie die Mutter eine digitale Selbsthilfe-Community um sich versammelt und das Schicksal des Sohnes ausbeutet. Und die dritte säuft, raucht, und fickt, nur essen will sie nichts.

Ihrer aller Realitätsflucht hat etwas Kindisches, und am Ende muss ein Prostata-geplagter Pensionär sagen, der heimlich beim Darten im Hobbykeller gegen die Herrschsucht seiner Frau revoltiert, was die Moral der eindimensionalen Geschichte ist: "Man versteht die Welt erst, wenn man Kinder hat."

"Idioptahie" mag stellenweise etwas zu forciert auf bizarre Szenen hin geschrieben sein. Letztlich aber ist das Buch ein verspäteter Coming-of-age-Roman für 30-Jährige: Höchste Zeit, erwachsen zu werden - aber auch das ändert nichts an der Diagnose Menschenwahn.

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insgesamt 4 Beiträge
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hmm27 27.06.2013
1. :-) Sehr nett geschrieben...
Pathologische Charaktere sind mir meist lieber als mausgraue Durchschnittsneurotiker... Hehe... Borderline ist toll... :-)
lionfighter 28.06.2013
2. borderline ist toll?
erklären sie mir das bitte mal ausführlich. würde indirekt betroffenen das leben vielleicht leichter machen...?
hmm27 28.06.2013
3. Fragen Sie
Zitat von lionfightererklären sie mir das bitte mal ausführlich. würde indirekt betroffenen das leben vielleicht leichter machen...?
den Betroffenen... Er wird Ihnen erklären, warum er sich gut fühlt, wenn er agiert/reagiert und seine dysfunktionalen Bewältigungsmodi aktiviert... Das ist ja bei jedem anders... Und mich selbst mag ich hier nicht auspacken.
lionfighter 29.06.2013
4.
verstehe ich. nur leider sind die meisten nicht dazu in der Lage, eine Persönlichkeitsstörung bei sich selbst zu erkennen oder zu akzeptieren. man braucht sich als borderliner ja nicht lange mit dem Gefühl herumzuschlagen...
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