Verlagsvolontariate "Zum Leben reicht es nicht"

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch schrieb ein Volontariat aus und bot dafür einen Hungerlohn. Als sich ein Shitstorm entwickelte, reagierte das renommierte Haus zwar schnell, was aber nichts daran ändert: Die Bedingungen für Einsteiger sind in der Buchbranche generell alles andere als rosig.
Internetseite maxpahl.wordpress.com: Heftige Kritik aus dem Netz

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Der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi) führt namhafte Autoren im Programm, auch der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff zählt zu ihnen. Er hat bei KiWi zuletzt Reportagen "Aus der schönen neuen Welt" veröffentlicht, in denen er unter anderem die schlechten Arbeitsbedingungen als Niedriglöhner in einer Fabrik schildert.

Doch schlechten Umgang gibt es offenbar auch in Wallraffs publizistischer Heimat: Für ein sechsmonatiges "Volontariat" in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bot das Kölner Verlagshaus einem Germanisten, der unter dem Pseudonym Max Pahl bloggt  und seinen Namen der Öffentlichkeit nicht preisgeben will, nach seinem ersten Studienabschluss 500 Euro Brutto an. Dazu sollte es täglich Essensmärkchen geben: im Werte von einem Euro.

Einen Traumjob hatte sich der 28-Jährige nach seinem Germanistik- und Philosophiestudium in Köln nicht erhofft. Jedoch: "Zum Leben sollte es reichen", so der Blogger zu SPIEGEL ONLINE. Bei seiner Jobrecherche war er auf die Stellenausschreibung von KiWi gestoßen: ein Volontariat für einen umgerechneten Nettolohn von rund drei Euro pro Stunde. Essensmarken inklusive.

Pahl erkundigte sich genauer - und hielt die Kommunikation mit dem Verlag in seinem "Medien-Wut-Blog"  fest. "Unter dem Deckmantel des Humanismus wird man wie in anderen Wirtschaftsunternehmen ausgebeutet", so der Germanist zu SPIEGEL ONLINE und weiter: "Das Ganze ist eine Geschmacklosigkeit." Von einem Verlag, der hauptsächlich Bildungsbürger als Publikum hat und sich entsprechend darstellt, habe er das nicht erwartet. Pahls Blog-Eintrag wurde mehr als 2000-mal auf Facebook geteilt, die Resonanz im Netz war enorm - und erzeugte Druck.

Rechtlich nicht geschützt

KiWi reagierte schnell,  verdoppelte das Volontariatsgehalt in den Ausschreibungen und ging auf der Unternehmensinternetseite  offen mit den Vorwürfen um. "Wir waren von der Heftigkeit und Resonanz überrascht", so die kaufmännische Geschäftsführerin, Claudia Häußermann, zu SPIEGEL ONLINE. Warum die Stelle trotz Praktikantengehalt als Volontariat ausgeschrieben war, könne sie nicht beantworten.

Wie S. Fischer und Rowohlt gehört Kiepenheuer & Witsch zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, einem der größten deutschen Verlage mit einem Umsatz von mehr als zwei Milliarden Euro im Jahr 2011. Laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels gibt es keine tarifvertragliche Regelung  für Volontariate in Buchverlagen. In einer Auswertung des Börsenvereins aus dem Jahr 2007, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, wird jedoch eine Bandbreite zwischen 500 und 1800 Euro monatlich angegeben, der Schnitt liegt bei 1100 Euro pro Monat. Die Dauer des Volontariats schwankt zwischen sechs und 24 Monaten. Auch das kann man alles kaum fürstlich nennen.

Eine konkrete Anfrage von SPIEGEL ONLINE für eine Stichprobe zu Gehalt und Länge der Ausbildung von Volontären wollten die Buchverlage Klett-Cotta, Hoffmann und Campe und der Deutsche Taschenbuch Verlag nicht beantworten. Anders der vergleichsweise kleine Verlag Herder mit Sitz in Freiburg. Auf der Internetseite  wird für ein Volontariat, das 12 bis 15 Monate dauert, 1144 Euro Brutto monatlich angeboten.

Im Gegensatz zur Buchbranche gibt es in der Zeitungsbranche Tarifvereinbarungen. Sind die Verträge daran gekoppelt, verdienen Volontäre je nach Alter zwischen 1500 und 1800 Euro Einstiegsgehalt, so Cornelia Haß, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten Union. "500 Euro entspricht nicht dem Niveau, das von Studienabgängern verlangt wird, und reicht nicht zum Leben", sagt sie.

Der Begriff Volontariat ist problematisch, denn er ist nicht geschützt und lässt viel Freiraum zur Umdeutung. "Es können junge Menschen sein, die nach der Schule reinschnuppern", und auch Lehrlinge bekämen wenig Lohn, so ein Arbeitsrechtler zu SPIEGEL ONLINE. Allerdings kann es sich eben auch um den Missbrauch von Arbeitskräften handeln. KiWi-Autor Wallraff würde womöglich eine "Verrohung des Arbeitsmarktes" konstatieren und gegen derart niedrige Löhne protestieren.

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