Schlinks RAF-Roman Wochenend' und Bullenschwein

Rotwein, Regen, rote Träume. In Bernhard Schlinks "Das Wochenende" treffen ehemalige 68er für drei Tage auf ihren alten Gefährten: einen begnadigten RAF-Terroristen. Wer Häppchen-Histotainment à la Guido Knopp mag, wird auch dieses Buch schätzen.

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Er kriegt ihn nicht mehr hoch. Alt wirkt er, fahrig in seinen Bewegungen, unsicher im Gang. Getötet hat er im Namen der Revolution, in dem Glauben das Schweinesystem stürzen zu können, damals in den Siebzigern. Doch das Schweinesystem ließ ihn büßen. Und nun kann er seinen ehemaligen Weggefährten vom "Schlafentzug und der Zwangsernährung und den Rollkommandos und der Bunkerzelle" berichten. Denn obwohl er seine Morde nie bereute und seinen Kampf nie aufgab, kommt der Terrorist frei. Gnade für Jörg.

Autor Schlink: Aus Zeitgeschichte werden Zeitgeschichtchen
Regine Mosimann / Diogenes Verlag

Autor Schlink: Aus Zeitgeschichte werden Zeitgeschichtchen

So ähnlich hätte es sich ereignen können. Man erinnere sich: Der RAF-Terrorist Christian Klar hatte ein Gnadengesuch eingereicht - und war damit letztes Jahr bei Horst Köhler abgeblitzt. Nicht zuletzt ein PR-Fiasko machte die Chancen Klars zunichte. Die ultra-linke Zeitung "Junge Welt" veröffentlichte eine Grußbotschaft Klars, in der er eine "Niederlage der Pläne des Kapitals" herbeiphantasierte und sich als reueloser Apologet des Terrors erwies. Doch was geschieht mit so einem Unverbesserlichen, wenn sein Gesuch Erfolg hat?

An diesem Punkt setzt "Das Wochenende" an, der neue Roman von Bernhard Schlink, 63, seit "Der Vorleser" einer der wenigen deutschen Autoren mit Welterfolg. Nachdem ein fiktiver Bundespräsident den RAF-Terroristen Jörg nach langer Haft begnadigt hat, versammeln sich alte Gefährten in einem Landhaus in Brandenburg. Der Ex-Häftling, so seine Schwester Christiane, müsse "unter Menschen" und brauche "Hilfe". Und wer, fragt sie sich, sollte ihm schon Hilfe zukommen lassen, wenn nicht seine alten Freunde aus politisch bewegteren Zeiten?

Ohne psychologische Finesse

So versammelt sich da also eine einst durch gemeinsame Ideale verbundene Gruppe von Freitag bis Sonntag in der ostdeutschen Einöde, bei viel kathartischem Regen und Rotwein: Ein Dentallaborbesitzer, eine Bischöfin, ein Star-Journalist, eine Lehrerin, ein Rechtsanwalt - bürgerliche Existenzen allesamt, die sich von dem losgesagt haben, was Jörg einst zum Terroristen werden ließ. Man ahnt es: Ein Psycho-Drama soll seinen Lauf nehmen. Nun treffen sie auf diesen Mörder, seine Taten und ihre eigene Vergangenheit, wollen sich nicht recht erinnern an damals, machen einander Vorwürfe, rechtfertigen sich.

In Wahrheit geschieht: nichts davon. Schlink will ein psychologisches Kammerspiel inszenieren, in dem Terrorist Jörg und seine alten Freunde einander ausgeliefert sind und jeder einzelne damit auch sich selbst begegnen muss. Eine reizvolle Idee für einen Roman, vor allem da der hirnbetäubende Debatten-Lärm der diesjährigen 68er-Festspiele einen nuanciert literarischen Kontrapunkt vertragen könnte.

Doch wie will Schlink den setzen, wenn seine Figuren ohne jede psychologische Finesse auskommen müssen, er sie wie hölzerne Schachfiguren auf einem Debatten-Schlachtfeld hin- und herschiebt? Es ist, als habe Schlink den Casus Klar eingehend studiert, mit Bienenfleiß sämtliche Biografien und Argumente tatsächlicher RAF-Terroristen, -Sympathisanten und -Opfer gesampelt und das Extrakt in seine Handvoll Figuren gepresst. Einzig ein paar küchenpsychologische Zutaten sollen verhindern, dass diese zu bloßen Sprechpuppen verkommen.

'''Du Schlappschwanz. Ficken ist Kämpfen'"

Christiane etwa, die ältere Schwester des Terroristen, so erfahren wir, hat ihn nach dem Tod der Mutter als Ersatzmama in den Terrorismus abgleiten lassen und verriet ihn schließlich, um ihn zu schützen, an die Polizei; sie fürchtet nun den Furor ihres Bruders. Dann ist da das kleinbürgerliche Hascherl Ilse, das damals unter der Selbstsicherheit der revolutionären Akademiker-Kinder litt und wenig mehr durfte, als Plakate zu pinseln. Auch ein agil-finsterer Jung-Revoluzzer, der seinen Heroen Jörg mit einer - Obacht! - Grußadresse vor seinen Karren spannen will, fehlt nicht. Und natürlich hat der Terrorist ein Kind, die wohl am meisten überfrachtete Rolle in diesem Roman. Nicht nur muss der Sohn seinem Papa als Ankläger in eigener Sache (der Vater sei Schuld am Tod der Mutter) gegenübertreten, sondern hat zugleich das Sprachrohr der RAF-Opfer zu sein sowie das bis heute unversöhnlich bürgerliche Lager zu vertreten.

Ein dramaturgisch überraschender Auftritt des Sohnes und die Machenschaften des Jung-Revolutionärs, der mit "muslimischen Genossen wirklich was reißen" will, sollen denn auch - so Schlinks dramaturgisches Kalkül, der ja als Krimiautor begonnen hat - das ermüdende Dahinargumentiere seiner Pappgenossen aufpeppen. Doch der Kniff ist nicht nur konventionell, er misslingt - ebenso wie die endlosen Mono- und Dialoge, die im Ton entweder gestelzt ("'Ist dies die Runde der Wahrheit?' Andreas sah in die Runde.") oder anbiedernd krawallig ("'Du Schlappschwanz. Ficken ist Kämpfen.'") daherkommen.

Manche Kritiker hatten schon an Schlinks Welterfolg "Der Vorleser", dieser Geschichte einer Liebe zu einer ehemaligen KZ-Aufseherin, bemängelt, das Buch wirke abstrus und konstruiert. Allzu gezielt fahnde er im Fundus deutscher Geschichte nach populärem Stoff, um ihn massenkompatibel zurecht zu stutzen. In "Das Wochenende" gerät dieses lieblos kalkulierte Kitzeln an historisch empfindlichen Stellen zum Ärgernis; aus Zeitgeschichte werden Zeitgeschichtchen, schnell zubereitete Histo-Häppchen für zwischendurch.

Es gibt jemand, der diese Kunst meisterlich beherrscht, wenn auch in einem anderen Medium. Gäbe es dieses Genre, man könnte "Das Wochenende" als ein Exempel des literarischen Guido-Knoppismus bezeichnen.


Bernhard Schlink: "Das Wochenende", erscheint bei Diogenes, 18,90 Euro



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