Ende der Liebe Wer sich trennt, dem sollte gratuliert werden

Schlussmachende haben ein schlechtes Image, ein mieseres haben wohl nur noch Single-Frauen über dreißig. Warum? Zwei Autorinnen gehen der Frage nach - und erklären, warum Beziehungsdauer kein Wert ist.

Getrenntes Paar (Symbolbild)
Getty Images

Getrenntes Paar (Symbolbild)


Nichts kränkt Menschen mehr als das Ende. Der Tod beweist ihm, dass seine Existenz letztlich auch nicht mehr wert ist als die einer Taube oder einer Tomate. Und nicht nur das eigene Leben ist endlich, sondern auch noch das Beste darin: die Liebe. Endet sie, ist das furchtbar, und wer sie beendet, ein furchtbarer Mensch. Denn er hat es schon wieder nicht geschafft, in seiner kleinen Endlichkeit eine Ewigkeit herzustellen.

Kaum einer gratuliert einem zum Scheitern. Also wenigstens das Bundespräsidialamt nicht, das belohnt nur Ehejubiläen von 65, 70 oder 80 Jahren. Völlig zu unrecht, meinen die Journalistinnen Heike Blümner und Laura Ewert. Sie haben das Buch "Schluss Jetzt" geschrieben, das Bestand aufnimmt: Wie steht es um das Image von Trennungen in Deutschland?

Sie stellen raus: schlecht, besonders für Frauen. Denn für die bedeute eine Scheidung oder Trennung in vielen Fällen die größeren finanziellen Einbußen. Im Buch wird die Studie "Mitten im Leben" von 2016 zitiert, beauftragt vom Bundesministerium für Familie, Senioren und Frauen: 19 Prozent der verheirateten dreißig- bis fünfzigjährigen Frauen verdienten demnach kein eigenes Gehalt. Und 63 Prozent von ihnen verdienten 1000 Euro netto im Monat. Es sind Zahlen, die einmal mehr daran erinnern: Das Private gibt es eigentlich nicht, es ist immer politisch. Wer sich in seiner Familie vornehmlich um Kinder und Haushalt kümmert, ist in seiner Familie auch eher gefangen.

Autorinnen Blümner, Ewert
Christian Brox/ hanserblau

Autorinnen Blümner, Ewert

Auch trage die Frau den größeren Imageschaden davon. Eine verlassene Frau ernte Mitleid und Häme, schreiben Blümner und Ewert. Und wenn sie Pech habe, bekomme sie als Single im Netz noch ein paar Penisbilder oben drauf.

Ihre Thesen unterfüttern die Autorinnen mit Zitaten aus Zeitungsartikeln, Studien sowie eigener Interviews mit etwa Paartherapeuten. Zwischen die locker geschriebene Theorie montieren sie anonymisierte Geschichten.

Warum die Frau als Single gesellschaftlich schlechter wegkommt, wird nur angedeutet. Es müsse mit der zeitlich begrenzten Reproduzierbarkeit der Frau zu tun haben. "Du findest so schnell keinen Mann mehr, mit dem du Kinder kriegen kannst", gebe man kinderlosen Frauen über dreißig zu bedenken, falls diese darüber nachdächten, ihre Beziehung zu beenden. Der frisch getrennte Mann hingegen - als Beispiel wird der Journalist Michalis Pantelorius, Autor der Single-Kolumne "Liebe zukünftige Lieblingsfrau" genannt - gelte eher als begehrtes Partysubjekt. Ist das wirklich so? Oder ein Narrativ aus Frauenzeitschriften? Und wie viel dieses Narrativs ist wahr?

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Laura Ewert, Heike Blümner:
Schluss Jetzt

Von der Freiheit, sich zu trennen

Hanserblau; 224 Seiten; 15,00 Euro

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Ein Kapitel widmet sich dazu, wie Trennungen in den Boulevard-Medien dargestellt sind. Nach Hochzeiten seien Trennungen dort das Thema, das den größten Abverkauf garantiere. Der Mensch weidet sich am Unglück der Anderen. Nun sind Boulevard-Medien aber kein Spiegel der Gesellschaft, eher ein Zerrbild, ein Appell an unsere niedersten Instinkte. Das als Trost vielleicht an die Schauspielerin Jennifer Aniston, die nach der verjährten Trennung von Brad Pitt immer noch als "die arme gehörnte Ex" dargestellt wurde. Dagegen überaus positiv wahrgenommen wurde die Trennung Lady Dis von Prinz Charles, da sie das Auflehnen gegen die Konventionen und ein Eintreten für wahre Liebe symbolisiere.

Im letzten Kapitel des Buchs gehen die Autorinnen auf diesen Aspekt stärker ein: Trennungen seien gar kein Symptom zunehmender Vereinzelung, sondern zeigten ganz im Gegenteil, dass der Mensch sich nach wahrer Verbindung und Lebensqualität sehne. Weil er erkannt hat, dass die Dauer eben kein Wert an sich ist, vor allem dann nicht, wenn sie eine reine Ausdauer ist.

"Wenn die Frage 'Gehen oder Bleiben?' mehr Zeit beansprucht als die Planung des nächsten Urlaubes", müsse man gehen, so lautet der Merkspruch, den Ewert und Blümner dem Trennungs-interessierten Leser anbieten, auch wenn sie ihn in den Kapiteln davor durchaus humorvoll deprimiert haben: Imageschaden! Finanzielle Verkleinerung!

An dieser Stelle wäre mehr Ausführlichkeit gut gewesen, um mit mehr Tatendrang aus dem Buch zu gehen. Aber "Schluss Jetzt" ist eben kein Appell für den Nachttisch wie etwa Thomas Meyers "Trennt Euch!", sondern eine Bestandsaufnahme.

Bis ins Jahr 2011, erfährt man so etwa, gab es in Malta keine Möglichkeit zur Scheidung. Man staunt, ist sich am Ende aber sicher: Wer sich trennt, dem sollte gratuliert werden. Denn er übernimmt Verantwortung, für das eigene Leben und für das eines anderen.

insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
ingbuzzer 30.01.2019
1.
Eine gescheiterte Beziehung ist halt mega der Scheiß, das kann man drehen und wenden wie man will. Na gut, in jungen Jahren, sagen wir mal unter 20, ist das noch im Bereich "sich ausprobieren" zu verorten. Da ist das wirklich nicht so schlimm. Aber sobald es um Perspektiven zur Familiengründung geht braucht eine Beziehung eben (emotionale) Energie, Zeit, Ressourcen, Verpflichtungen, Kompromisse etc von beiden Seiten. Wenn das zusammen so erbaute nach ein paar Jahren zusammenbricht kann man das einfach nicht schönreden. Das ist und bleibt Kacke.
Tom Joad 30.01.2019
2. Hermann Hesse hat dazu eigentlich schon alles gesagt.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben. Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Rick73 30.01.2019
3. Oha
Da ist ja etwas ganz Neues entdeckt worden! Und dieser würdevolle Umgang mit der Bindung zweier Menschen grandios auch das oberflächliche kratzen: Wenn die Frage 'Gehen oder Bleiben?' mehr Zeit beansprucht als die Planung des nächsten Urlaubes", müsse man gehen, so lautet der Merkspruch... Ja so geht das heute man selbst ist doch das wichtigste auf der Welt und immer ein Garant für die eigene Wohlfühlpackung. Spitze was man heute für Maaßstäbe hat. Kein Wunder das hier kaum noch miteinander geredet wird...
keksguru 31.01.2019
4. niemand arbeitet mehr an seiner Beziehung...
wir kriegen das doch dauernd in den Medien vorgelebt, daß Beziehungen eher mal so ein 2-5 Jahre Ding ist... das ist doch das eigentliche Problem, die Leute machen das dann alle nach, anstelle sich ihren Problemen zu stellen. Ferner ist das auch falsch dargestellt, denn wenn eine Scheidung passiert, dann kriegt der Mann oft massiv Rentenpunkte abgezogen, die Frau steht dann im Rentenalter deutlich besser da. Letztenendlich gestatten sich speziell verheiratet Paare mit Kindern den naiven Wunsch, voreinander wegzulaufen, wo eigentlich in 90% aller Fälle was zu retten wäre... ich sach mal wenn man 10 Psychiatrische Kliniken von innen gesehen hat, als Ehemann oder Ehefrau, dann ist einer von beiden so kaputt daß das nicht geht, aber ich behaupte mal daß solche Fälle eher ganz selten sind.
widower+2 31.01.2019
5. Beziehungen?
Sind Himmel und Hölle, wobei der Prozentanteil des Himmels mit zunehmender Dauer der Beziehung immer weiter sinkt und einem großen Höllenbereich Platz macht. Fast jeder sehnt sich irgendwann nach der einen, dauerhaften Beziehung und stellt dann fest, dass er besser nach Lust und Laune rumgevögelt hätte.
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