Dorfjugend Von einem, der heimkam, um Carports kleinzuschlagen

Mit ihrem Debüt "Schöner als überall" hat Kristin Höller einen fulminanten Bloß-weg-hier-Roman vorgelegt. Eine Initiationsstory zwischen Gartenpartys und Tanke.

Es gibt diese Bücher, die den Blick auf Banales für immer verändern. Auf Gartenpartys etwa, daheim im Dorf, in der Neubausiedlung, na ja, irgendwo mit Gärten eben. Wenn die Erwachsenen rumstehen, in ihren gediegenen Jeans, den gemusterten Sommerkleidern, als nickten sie sich zu: "Schau mal, unser schönes Land, und dabei empfinden sie eine Zufriedenheit, einen Stolz, als hätten sie alles selbst gerodet und gebaut vor zweihundert oder fünfhundert Jahren."

Der da alle anschaut, bis sie nackt vor uns stehen, ist Martin, 21, er ist spontan bei seinen Eltern, also ging er mit. Und erinnert sich, wieso er aus dieser Enge wegwollte: "Wenn ich mir vorstelle, dass das später meine Zukunft ist und dass ich mich für ganz viele Sachen interessieren muss, um solche Abende zu überstehen, muss ich mich zwingen, nicht mein Glas fallen zu lassen." Wie dieser Abend beginnt und in sich zusammenbricht, bis nur noch die verlogene Verdruckstheit jenes Alltags übrig bleibt, gehört fraglos zu den großartigsten Szenen der jüngeren Literatur. Diese hier ist der Kipppunkt eines leuchtenden Erkenntnistrips.

In einer Zeit, in der überall Geschichten die Provinz, die Heimat, die Rückkehr umkreiseln, ist Kristin Höllers Debüt "Schöner als überall" die große Bloß-weg-Feier. Und was für eine: "Ich dachte, wenn hier irgendwo noch ein Carport gebaut wird, dann muss ich alles klein schlagen." Das ist wieder Martin, der Erzähler des Romans, er studiert Geografie in München, zumindest tut er so. Als sein bester Freund Noah, leider ein Ego-Arschloch, vor zwei Jahren nach der Schule fortzog, ging er halt mit. So einer ist Martin.

Autorin Höller

Autorin Höller

Foto: Heike Steinweg/ Suhrkamp

Verzweiflung hängt in der Luft

Und nun sind sie wieder da, Martin und Noah. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit einem Transporter heim ins Kaff, wegen einer Sache, die völlig plemplem ist, hier aber egal. Und überraschend zurück ist auch die direkte, umwerfende Mugo, wie "Mutter Gottes", eigentlich Maria. Bis vor zwei Jahren Martins Freundin und dann nicht mehr, nun jobbt sie nachts an der Tanke am Ortsausgang. Als ob sie sich kurz ausruhen wollen, festhalten an den alten Ichs, "weil es hier wieder leicht ist, hier gibt es die Bösen, und ich bin bei den Guten, und es ist niemand da, der es kompliziert macht".

In der Luft hängt Verzweiflung und der Anisduft, der von den Fenchelfeldern herüberweht. Verzweiflung, weil da draußen, jenseits des Kaffs, das Sich-Finden gar nicht so flutschte, wie es die Jugendmärchen versprechen. Kein Wunder, hallt im Titel doch "Was besseres als den Tod finden wir überall" nach.

Aber in dieser Initiationsstory fährt keiner los, um in der Fremde reifer zu werden. Die drei merken daheim, bei den Einfamilienhäusern "am Ende einer Spielstraße", wie anders sie sind und sein wollen. Und katapultieren sich gegenseitig aus dem Kreislauf des Gleichbleibens. Bis sie sagen können: "Ich hab mich jetzt selber." Dass Höller ihren Martin dabei auch äußerlich wieder ins Alte schlüpfen lässt, ist eines dieser Details, die dieses Buch sanft größer machen: Wegen der überstürzten Abreise bleibt ihm nur das olle mit Freiheitsstatue bedruckte Zeug aus seinem Kinderzimmerschrank.

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Höller, Kristin

Schöner als überall: Roman (suhrkamp taschenbuch)

Verlag: Suhrkamp Verlag
Seitenzahl: 219
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Preisabfragezeitpunkt

27.01.2023 19.56 Uhr

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Auch wenn man diesen Roman sofort jungen Menschen in die Hand drücken möchte: Die Autorin, Jahrgang 1996, hat eine dieser raren Geschichten aufgeschrieben, in denen es für alle wurscht ist, wie jung (oder alt) die Figuren sind. Wie bei Wolfgang Herrndorfs "Tschick", den Romanen von John Green, "Eleanor und Park" von Rainbow Rowell, Bodo Kirchhoffs "Widerfahrnis" und, ja, okay, J.D. Salingers "Fänger im Roggen": Wie sich Höllers 20-Jährige mit sich und der Welt auseinandersetzen, ist vor allem nie banal. Hier herrlich verdrehte Albernheit, dort Erkenntnisblitze, die einen wie vom Donner rühren. Der Sog kommt von alleine: Clever gebaut rutschen in langen Sätzen Gedanken, Dialoge in einen schaukelnden Strom.

Und sei's drum, ob Jungs mit 21 so denken: Wenn es Figuren gibt, die in der Art, wie sie empfinden und darüber sprechen, geradezu übergeschlechtlich wirken, dann diese hier. Schön, wie angenehm egal starre Zuschreibungen auf einmal sind. Und, nochmal, all das in einem Debütroman.

Dies ist eine kleine Geschichte, kompakt wie eine Erdnusstüte, eine Novelle. Aber eben bis zum Rand gefüllt. Mit dem Wissen, wie tröstend zwei kleine Tomaten direkt vom Strauch sein können, geteilt mit der Mutter, "wie ein Griff am Arm, nur in Form von Gemüse". Mit der Wärme einer Geste, wenn der Vater noch fix Batterien in die Plastiktüte plumpsen lässt, für die Taschenlampe, die er kurz zuvor reingepackt hat, fürs Man-weiß-ja-Nie.

Und mit der Gewissheit, wie ein Gefühl sich wandeln kann: "Ich glaube, da wird es immer eine Bewegung geben", überlegt Martin. "Sie wird schwächer werden, es ist nicht mehr, wie wenn ein Flugzeug abhebt, eher wie wenn ein Aufzug anfährt", ein sanftes Nachbeben. Bis die Balance wieder da ist.

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