Schriftsteller Andrzej Szczypiorski gestorben

Der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski ("Die schöne Frau Seidenman") ist tot. In seiner Heimat galt Szczypiorski, der sich für Toleranz und Aussöhnung mit den Deutschen einsetzte, als moralische Autorität.

Warschau - "Ich habe nur wenig Phantasie, ich schreibe nur über das, was ich kenne", scherzte Szczypiorski im vergangenen Jahr. Das bewegte Leben des am Dienstag im Alter von 72 Jahren gestorbenen Schriftstellers bot allerdings genügend Stoff für viele Romane. Als Jugendlicher nahm Szczypiorski im August 1944 am Warschauer Aufstand teil, das Ende der deutschen Besatzung erlebte er als Häftling im Konzentrationslager Sachsenhausen.

Die schwierige und tragische Geschichte seines Landes im 20. Jahrhundert blieb später das wichtigste Thema des Schriftstellers: Die einstige polnisch-jüdische Symbiose, die mit dem Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich verloren ging, aber auch alter und neuer Antisemitismus, die Aussöhnung mit den Deutschen und die Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus prägen das Werk des Autors.

In Deutschland wurde Szczypiorski mit dem Buch "Die schöne Frau Seidenman" bekannt. Der Roman über eine schöne jüdische Arztwitwe, die im Untergrund die deutsche Besatzungszeit in Warschau überlebt und 1968 im Zug der antisemitischen Hetze in Polen entflieht, wurde in der Heimat des Autors erst nach der politischen Wende veröffentlicht. Schicksale in der Zeit des Zweiten Weltkriegs behandelt auch Szczypioskis letzter Roman "Spiel mit dem Feuer", der in Polen im vergangenen November erschien.

Das größte Unglück sei es, "dass niemand, wie mich die Erinnerung lehrt, seine eigene Vergangenheit kennt", schrieb Szczypiorski 1989 im Fragebogen des "FAZ-Magazins". Er selbst setzte sich jedoch nicht nur kritisch mit der Vergangenheit auseinander, sondern auch mit der politischen Gegenwart. Nach Krieg und deutscher Besatzung arbeitete Szczypiorski zunächst von 1956 bis 1959 als polnischer Kulturattaché in Dänemark.

Später distanzierte sich der Autor vom kommunistischen System. Der endgültige Bruch kam mit der antisemitischen Kampagne des Jahres 1968. Sein 1971 erschienener Roman "Eine Messe für die Stadt Arras" war eine kaum verschleierte Abrechnung mit den damaligen Ereignissen. Seitdem konnten seine im Ausland gelobten Werke in seiner Heimat nur in Untergrund-Ausgaben zirkulieren. Seit den siebziger Jahren mit der demokratischen Opposition verbunden, wurde Szczypiorski im Dezember 1981 nach der Verhängung des Kriegsrechts interniert.

Die offizielle Anerkennung des Schriftstellers und Politikers in seiner Heimat kam mit dem demokratischen Wandel. Anfangs politisch engagiert - er war von 1989 bis 1991 Mitglied des polnischen Senats - zog sich Szczypiorski bald enttäuscht aus der aktiven Politik zurück. Doch er war nicht nur für die internationale Kinderschutzorganisation Unicef ein "Botschafter des guten Willens", sondern warb auf Diskussionsveranstaltungen, in Vorträgen und Autorenlesungen um die Aussöhnung von Deutschen und Polen, um Toleranz und gegen Nationalismus.

In seiner Heimat erhielt der die deutsche Sprache fließend sprechende Schriftsteller den Preis des PEN-Clubs, in Österreich den Staatspreis für Europäische Literatur, in Deutschland unter anderem das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern, den Nelly-Sachs-Preis und den Andreas-Gryphius-Preis.

Eva Krafczyk

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