Schriftsteller Daniel Kehlmann Der Biograf und sein Opfer

In dem Roman "Ich und Kaminski" will ein Kunst-Student die Biografie eines alten, blinden Malers schreiben. Aus dem Gerangel zwischen dem jungen Autor und seinem widerstrebendem Opfer machte Jung-Schriftsteller Daniel Kehlmann eine bitterböse Satire über die Sucht nach Ruhm und die Rohheit der Medien.

Von Irene Binal


Kehlmann-Roman "Ich und Kaminski": Reise ungleicher Protagonisten

Kehlmann-Roman "Ich und Kaminski": Reise ungleicher Protagonisten

Der erfolglose Student Sebastian Zöllner hat ein lohnendes Projekt vor Augen: Er will die Biografie des alten und blinden Malers Manuel Kaminski schreiben und damit auch gleich seinem großen Konkurrenten Hans Bahring eins auswischen. Der erste Besuch Zöllners bei Kaminski endet allerdings unbefriedigend. Kaminskis Tochter Miriam schottet den alten Mann weitgehend von der Öffentlichkeit ab und Zöllner muss zu drastischeren Maßnahmen greifen, um in näheren Kontakt mit seinem "Opfer" zu treten. Seine Chance kommt, als Miriam verreist und die Haushälterin sich gegen Geld bereit erklärt, das Haus für eine Nacht zu verlassen: Endlich ist Zöllner mit Kaminski allein.

Es ist wahrlich kein sympathischer Protagonist, den der junge Autor da zeichnet. "Charakterlich problematisch", nennt ihn Kehlmann selbst: "Er verhält sich in vielen entscheidenden Situationen abscheulich; dazu kommt, dass er die jeweilige Lage und den Eindruck, den er auf andere Leute macht, ständig falsch einschätzt." Moralische Bedenken kennt Zöllner nicht; als er die Gelegenheit bekommt, ungehindert in Kaminskis Haus, seinen Briefen und Unterlagen zu stöbern, nützt er sie: "Schon war ich beim letzten Schrank: alte Rechnungen, Kopien von Steuererklärungen der letzten acht Jahre; ich hätte sie gerne durchgesehen, aber dafür war keine Zeit. Ich klopfte in der Hoffnung auf Geheimfächer oder doppelte Böden gegen die Rückwände. Ich legte mich auf den Boden und spähte unter die Schränke. Ich stellte mich auf einen Stuhl und betrachtete sie von oben." Sogar den Hausarzt, der kommt, um Kaminski zu untersuchen, schickt Zöllner wieder weg, womit er sogar den eventuellen Tod des Malers in Kauf nimmt.

Diesem "problematischen Charakter" stellt Kehlmann den alten, aber dennoch erstaunlich gewieften Kaminski gegenüber: "Mein Roman handelt von einem liebenswerten und beeindruckenden Menschen, aber dieser liebenswerte und beeindruckende Mensch ist nicht der Erzähler", sagt Kehlmann. Erst im Lauf der Geschichte kristallisieren sich langsam die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Männern heraus: Beide verstehen es, andere Menschen auszunützen, beide sind in erster Linie auf ihren Vorteil bedacht - allerdings mit einem großen Unterschied. "Kaminski ist mit seiner Skrupellosigkeit und seinem Ehrgeiz doch ganz anders umgegangen als Zöllner", meint Kehlmann. "Im Fall von Kaminski ist dabei Kunst entstanden."

Als Zöllner dem alten Mann von dessen Jugendliebe Therese erzählt, geschieht etwas Unerwartetes: Kaminski beschließt, die Verflossene zusammen mit seinem Biografen zu besuchen - eine unverhoffte Möglichkeit für Zöllner, mit dem Maler allein zu sprechen: "Wir würden zwei Tage unterwegs sein, auf so viel Zeit mit ihm hätte ich nie hoffen können. Mein Buch würde ein bleibendes Quellenwerk sein, gelesen von den Studenten, von den Kunstgeschichten zitiert." Schon bald aber merkt Zöllner, dass er sich zu früh auf den zukünftigen Ruhm gefreut hat. Kaminski ist alles andere als ein williger Opfer von Zöllners journalistischer Neugier, tatsächlich hält er auf der Reise die Fäden in der Hand, und statt aufregender Enthüllungen erfährt Zöllner zum großen Teil nur Belanglosigkeiten. Darüber hinaus ist Kaminski völlig ohne Geld unterwegs, so dass Zöllner die mitunter skurrilen Wünsche des Malers samt und sonders aus seiner ohnehin begrenzten Barschaft finanzieren muss.

Autor Kehlmann: "Jeder, dem das erspart bleibt, ist nicht unglücklich"
Isolde Ohlbaum

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Ohne großes Pathos, schlicht, stilsicher schildert Kehlmann die Reise seiner beiden ungleichen Protagonisten, in deren Verlauf der das psychologische Spannungsverhältnis zwischen ihnen deutlich zutage tritt. "Jeder braucht den anderen, um sich zu profilieren", meint Kehlmann dazu, "jeder hat also ein gewisses Interesse, dem anderen zu helfen, und gleichzeitig hat jeder die Absicht, den anderen zu manipulieren." Zudem ist das gesamte Buch durchsetzt von Seitenhieben auf die Medien- und Journalistenszene: Kehlmann kämpft mit einer feinen, aber nicht weniger wirksamen Klinge. "Es ist vielleicht das erste Mal, dass ich versucht habe, etwas über die Welt, wie sie ist, über eine gewisse Art von Menschen auszusagen", sagt der Autor selbst. "Und wenn sich jemand angesprochen fühlt, der mit diesem Bereich der Welt zu tun hat, habe ich nichts dagegen."

Erst ganz am Ende merkt endlich auch Zöllner, dass er nicht der Manipulator, sondern der Manipulierte gewesen ist, dass der alte, blinde und vergessliche Maler ihn bloß als Werkzeug benutzte, um der Enge seines eigenen Lebens zumindest für kurze Zeit zu entkommen. Trotzdem gibt es in "Ich und Kaminski" letztlich keinen Sieger und keinen Besiegten - alle beide haben durch ihre gemeinsame Reise die Chance erhalten, sich aus ihrem bisherigen Dasein zu befreien, und es keimt schließlich sogar etwas wie Sympathie zwischen ihnen auf.

Daniel Kehlmann, der seinen ersten Roman im Alter von 21 Jahren schrieb und mit "Ich und Kaminski" schon sein viertes Werk vorlegt, hat sich erneut als Meister der literarischen Komposition erwiesen, der sowohl klug als auch humorvoll und liebenswert erzählen kann. Für ihn selbst hat Ruhm allerdings eher etwas Abstoßendes. "Berühmt sein heißt, jemanden wie mich haben", sagte Zöllner zu Kaminski, und Kehlmann hält diese Art von Ruhm für erschreckend: "Das Düsterste daran ist, dass im Extremfall Leute wie Zöllner auftauchen. Ich denke, jeder, dem das erspart bleibt, ist nicht unglücklich." Mit seinen Büchern freilich arbeitet Kehlmann daran, dass es ihm selbst auf lange Sicht eben nicht erspart bleiben wird.

Daniel Kehlmann: "Ich und Kaminski". Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2003; 176 Seiten, 18,90 Euro



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