Science-Fiction-Comics Die sich ans Ende der Welt durchbeißen

Grausam geht die Welt zugrunde: Die beiden Autoren Garth Ennis und Jeff Lemire erzählen vom Verfall der Menschlichkeit in postapokalyptischen Zeiten. Große düstere Comic-Kunst über grundsätzliche Fragen.

Cross Cult

Von Jörg Böckem


Als der blutverschmierte Mann mit der merkwürdigen kreuzförmigen Pigmentstörung und dem sardonischen Grinsen einen abgerissenen Arm auf den Tresen wirft, halten die Insassen in Jim's Diner das Ganze noch für einen Scherz. Nachdem der Mann dem Koch das halb Gesicht weggebissen hat und ein nahe gelegenes Atomkraftwerk explodiert ist, beginnen sie zu begreifen, wie bedrohlich ihre Lage tatsächlich ist. Eine Seuche unbekannter Herkunft hat die Menschen infiziert und in blutrünstige, sadistische Killer verwandelt. Die Zivilisation kollabiert, den Nichtinfizierten bleibt nur die Flucht ins Ungewisse.

Gus, ein neunjähriger Junge, lebt seit seiner Geburt allein mit seinem tiefgläubigen Vater im Wald, andere Menschen, die Welt jenseits des Waldes hat er nie gesehen. Dort, hat sein Vater ihm erzählt, gebe es nur Feuer und die Hölle. Aus Gus Kopf wächst ein Hirschgeweih. Seit dem Unfall, der große Teile der Menschheit hinweggerafft hat, wurden nur noch Kinder wie er geboren, Mensch-Tier-Hybriden mit Schwänzen, Hörnern oder Fell. Als Gus' Vater stirbt, dringt die höllische Außenwelt in den Wald ein.

Willkommen in den postapokalyptischen Welten von "Crossed" und "Sweet Tooth". Auch wenn die Chancen der Menschheit, das Jahr 2012 zu überleben, trotz Maya-Kalender ganz gut zu stehen scheinen - die Beschäftigung mit der Apokalypse, vor allem mit deren Folgen, lohnt sich. Das beweisen die beiden Comic-Autoren Garth Ennis und Jeff Lemire in ihren Werken eindrucksvoll.

Menschen und Zombies - wo ist der Unterschied?

Wie in den beiden Klassikern des Postapokalypse-Comic, dem Zombie-Epos "The Walking Dead" und "Y - The Last Man", in dem die männliche Weltbevölkerung bis auf eine Ausnahme ausgelöscht wird, begreifen auch Ennis und Lemire das Untergangsszenario als grundsätzliche Reflexion über letzte Fragen. Welchen Stellenwert haben Werte und Moral ohne das Fundament von Zivilisation und Staat? Was bleibt von unserer Identität, wenn wir unserer Familie, unseres Besitzes und unseres Status beraubt sind? Was bedeutet Menschsein, wie funktioniert soziales Miteinander im Angesicht der Katastrophe und permanenter Bedrohung? Wie kann Gott so etwas zulassen?

Der Ire Ennis gelangte durch "Preacher" zu Ruhm. In dieser epochalen Serie geht es um einen vom Glauben abgefallenen Priester, der auf der Suche nach Gott tief in die Abgründe der menschlichen Existenz und der Institution Kirche eintaucht. Auch in "Crossed" geht er gewohnt blasphemisch zur Sache. Seine Infizierten sind keine Zombies, keine wandelnden Untoten, sie bleiben Menschen. Die Infektion bringt nur das Dunkelste in ihnen zum Vorschein. Ähnlich wie Zombies jagen und fressen sie Nichtinfizierte, aber sie gehen noch weiter - sie quälen, zerstückeln, foltern, vergewaltigen, planmäßig und aus purer Lust daran. Dabei machen sie auch vor ihren Artgenossen nicht halt.

"Ich hatte sie nie etwas tun sehen, das Menschen sich nicht ausdenken konnten. Nicht ausgedacht hatten. Nicht getan hatten", heißt es an einer Stelle - dass diese Monster eben keine Untoten sind, sondern weiterhin als Menschen erkennbar, macht Ennis Endzeitszenario besonders verstörend. Zumal auch die Nichtinfizierten vor Kindesmord und Kannibalismus nicht zurückschrecken. "Bleib am Leben", heißt es auf den ersten Seiten. "Bleib Mensch." Letzteres scheint sogar die größere Herausforderung zu sein. Und wie immer bei Ennis bekommt auch Gott sein Fett weg: Sollte es ihn geben, heißt es an einer Stelle, dann müsste er wohl "ein sadistischer Wichser" sein.

Lemire inszeniert sein Schreckensszenario subtiler, aber ähnlich düster. Gus wird in dem Glauben erzogen, dass seine Mutation Gottes Wille sei. Doch nach dem Tod seines Vaters wird er in eine Welt gezerrt, in der Gewalt, Willkür, Angst und Fremdenhass herrschen. Gottes Wille ist nirgends erkennbar, die Menschen sind eine stetige Bedrohung. Sein vermeintlicher Retter, der zwei Jäger, die Gus nachstellen, erledigt und dem Jungen verspricht, ihn in ein sicheres Reservat zu seinesgleichen zu bringen, liefert ihn dann an einen Wissenschaftler aus, der tödliche Experimente an den Hybridkindern vollzieht. In "Sweet Tooth" ist es die Mutation, die Ausgeburt der Katastrophe, die der Menschheit den Spiegel vor ihr verzerrtes Gesicht hält.

Die Postapokalypse, das zeigt Lemire, braucht keine Zombies. Die Menschen selbst verbreiten ausreichend Schrecken.


"Crossed - Band 1" von Garth Ennis und Jacen Burrows. Panini Verlag; 260 Seiten; 19,95 Euro.
"Sweet Tooth Band 2" von Jeff Lemire. Panini Verlag; 144 Seiten; 16,95 Euro.
"The Walking Dead Band 16" von Robert Kirkland und Charlie Adlard. Cross Cult; 154 Seiten; 16, Euro.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
systembolaget 15.10.2012
1. Oder man greift zum Original...
..."The Road" von Cormac McCarthy, 2006. Ganz ohne Bilder wird in ruhiger Sprache der Mensch als Tier erkennbar; die zivilisatorischen Errungenschaften als das dargestellt, was sie sind: eine jederzeit abwaschbare Lackierung.
curiouscat 15.10.2012
2. Verwirrend
In der Synopsis die beiden Autoren Ennis und Lemire zu nennen, dazu aber Kirkmans "The Walking Dead" im Bild zu zeigen finde ich verwirrend. Letzterer wird auch nur kurz als Beispiel für ein weiteres Endzeit-Szenario erwähnt. Vollkommen falsch ist dann aber die Bildunterschrift "Diese Toten haben einen Plan", denn Kirkmans Zombies sind die Klassischen - langsam schlurfend und nur vom Fresstrieb aufrecht gehalten. Der Satz bezieht sich hingegen auf die "Crossed"-Infizierten von Garth Ennis.
DrStrang3love 15.10.2012
3.
Zitat von systembolaget..."The Road" von Cormac McCarthy, 2006. Ganz ohne Bilder wird in ruhiger Sprache der Mensch als Tier erkennbar; die zivilisatorischen Errungenschaften als das dargestellt, was sie sind: eine jederzeit abwaschbare Lackierung.
"The Road" ist zwar gut, aber nun lange kein "Original" was Setting und Sujet angeht. Post-apokalyptische Zukunftsvisionen, in denen die Menschen ihre Menschlichkeit verlieren gibt es schon viel länger.
Freewolfgang 15.10.2012
4. Es braucht keine Post-Apokalypse...
Zitat von DrStrang3love"The Road" ist zwar gut, aber nun lange kein "Original" was Setting und Sujet angeht. Post-apokalyptische Zukunftsvisionen, in denen die Menschen ihre Menschlichkeit verlieren gibt es schon viel länger.
... um Menschen ihre Menschlichkeit verlieren zu lassen. Jeder Krieg bewirkt das, wie auch jüngere Beispiele wieder unter Beweis stellen.
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