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Science Fiction: Mehr als Marsmännchen

Science Fiction Mehr als Marsmännchen

Warum bloß gilt Science Fiction immer noch als Hobby für Minderbemittelte und Spinner? Das Science-Fiction-Jahrbuch 2009 schickt sich an, den ramponierten Ruf zu reparieren: mit Texten über Superhelden, über Film und Kunst und Wissenschaft. Eigentlich über alles.

Taschenbücher sehen eigentlich anders aus. Fast tausendsechshundert Seiten umfasst dieses - und es ist bleischwer: ein Ungetüm von einem Buch, das Kleinkindern und anderen fragil gebauten Lebewesen nicht auf die Füße knallen sollte. Aber der Umfang ist dem nüchtern "Das Science Fiction Jahr 2009" betitelten Werk angemessen, denn hier wird tatsächlich wohl alles, was irgendwie mit dem Genre Science Fiction verkoppelt ist, abgehandelt.

Jedes Jahr erscheint das Mammutwerk, jedesmal mit einem thematischen Schwerpunkt, diesmal geht es um "Superhelden", die allein gut vierhundert Seiten beanspruchen: mit Texten über die Ursprünge der Superhelden und über die Superman- und Batman-Filme bis hin zu Aufsätzen über die "Naturwissenschaft der Superhelden" oder gar "Die moralischen Verpflichtungen von Superhelden".

Überhaupt ist das Buch ein Mix von Abseitigem ("Eine kleine Geschichte des Österreichischen Science Fiction Films") und Aufregendem ("'Stahlfront' - rechtsextreme Unterhaltung als Science Fiction?"). Dazu kommen Geschichten und Rezensionen zu Science Fiction in Kunst, Wissenschaft, Film und Musik, über Computerspiele, Buchveröffentlichungen, Nachrufe und Prognosen. Eigentlich über alles.

"Tradition des epischen Erzählens"

"Es fällt mir schwer den Autoren zu sagen, dass sie sich kurz halten sollen. Aber was den Umfang angeht, haben wir schon eine Grenze erreicht", sagt Sascha Mamczak, der betreuende Redakteur des Mammut-Projektes. Ins Genre passt der massive Umfang bestens, denn viele Science-Fiction-Romane sind ausufernd lang, siebenhundert bis tausend Seiten sind eher die Regel als die Ausnahme. Das sei eben eine "Tradition des epischen Erzählens", die früh in der Science-Fiction-Literatur aufgegriffen worden sei, sagt Mamczak, andererseits sei es aber auch so gewesen, dass Science-Fiction-Autoren früher oft nach Masse bezahlt wurden, was sie zum Vielschreiben anstachelte.

Sein ambitioniertes Jahrbuch ist voll von erstaunlich interessanten Texten. So gibt es eine ausgiebige Reportage über einen Besuch beim Teilchenforschungszentrum CERN und Interviews mit Star-Autoren wie John Scalzi und Greg Bear. Letztgenannter berichtet, wie sich die Bush-Regierung in ihrem Kampf gegen den Terrorismus auch von Science-Fiction-Autoren beraten ließ.

Viele spannende Geschichten also, und es bleibt die Frage, warum dieses Genre speziell in Deutschland immer noch so einen ramponierten Ruf hat: Warum Science Fiction immer noch als Hobby für Minderbemittelte und Spinner gilt, die Spaß an Weltraumschlachten haben und an Marsmännchen glauben. Warum also dieses Buch wahrscheinlich nur in einigen Spezialisten-Läden vorrätig sein dürfte.

Dabei hat die sogenannte Trash-Kultur in den vergangenen Jahren immer mehr den Mainstream durchdrungen, ist immer einflussreicher geworden. Superhelden-Comics liefern Hollywood die Vorlage für Kino-Blockbuster, Fantasy-Romane dominieren die Bestseller-Listen, und Science-Fiction-Autoren wie Philip K. Dick gelten nicht nur Außenseitern als große Literatur.

Aber es bleibt auch schwer, Science Fiction überhaupt zu definieren. Zählt "Harry Potter" dazu? "Der Herr der Ringe"? "Star Wars"? "Die Geschichten sollten sich einen Rest einer Realität bewahren, die in der Zukunft mit Fantasie vorstellbar ist", erläutert Mamczak. "Dass wir irgendwann auf ein Auenland stoßen, ist kaum anzunehmen."

Und wenn doch, steht es wahrscheinlich vorher in einem der nächsten Science-Fiction-Jahrbücher.


Sascha Mamczak & Wolfgang Jeschke: "Das Science Fiction Jahr 2009". Heyne Verlag, München; 1594 Seiten; 29,95 Euro.

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