Cervantes-Preisträger und Ex-Vizepräsident Wie aussichtsreich ist eine friedliche Revolution, Señor Ramírez?

Er erhielt den wichtigsten Preis für spanischsprachige Literatur, war zuvor in Nicaragua Revolutionär und Politiker. Hier spricht Sergio Ramírez über die Chancen für demokratischen Wandel in Lateinamerika.
Proteste in Nicaragua (im September 2019)

Proteste in Nicaragua (im September 2019)

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Zur Person
Foto: JUAN MABROMATA/ AFP

Sergio Ramirez, Jahrgang 1942, lebt in Managua (Nicaragua). Gemeinsam mit der linksorientierten Partei "Frente Sandinista de Liberación Nacional" (FSLN) kämpfte er 1979 gegen die Diktatur Anastasio Somozas. Bis 1990 war er Vizepräsident an der Seite Daniel Ortegas. Wegen Meinungsverschiedenheiten verließ er die Partei, zog sich aus der Politik zurück. Ramírez war bereits vor jener Zeit als Schriftsteller tätig. Inzwischen hat er rund 50 Bücher veröffentlicht, darunter auch revolutionskritische Werke wie "Adios Muchachos! Eine Erinnerung an die sandinistische Revolution". 2017 bekam er den Cervantespreis. Sein neuester Krimi "Um mich weint niemand mehr" erschien im Herbst 2019 auf deutsch.

SPIEGEL: Herr Ramírez, seit Jahrzehnten haben Sie enge Kontakte nach Europa. Sie waren Gastprofessor an der Freien Universität in Berlin, lebten als DAAD-Stipendiat von 1973 bis 1975 in Westberlin. Im Chilehaus in Hamburg wurde in diesen Tagen sogar eine Bibliothek nach Ihnen benannt. Zu den Festlichkeiten  hatte sich unter anderem der spanische Generalkonsul als Gast angekündigt. Aus Ihrem Herkunftsland Nicaragua dagegen: niemand. Bekommt so ein Event für Sie damit einen bitteren Beigeschmack?

Ramírez: (lacht) Wir haben gerade eine Regierung, die, sagen wir, nicht sehr sensibel für Kulturelles ist. Unsere Regierung glaubt außerdem, dass politische Gegner ausgeschlossen werden müssen. Festakte wie diese existieren für sie nicht. Schon als mir 2018 der Cervantespreis überreicht wurde, kam von Nicaragua nur Schweigen.

SPIEGEL: Zur Zeit der Preisverleihung hatten in Nicaragua gerade Proteste gegen Präsident Daniel Ortega begonnen. Hunderte Demonstranten starben allein 2018.

Ramírez: Ich habe meine Preisrede  damals abgeändert und sie den Toten gewidmet. Dort wurden junge Menschen ermordet. Das ist ein Verbrechen. Das noch dazu von Leuten begangen wurde, mit denen ich politisch einmal zusammengearbeitet habe. Das musste ich natürlich verurteilen.

SPIEGEL: Mit welchem Gefühl denken Sie bei diesen Ereignissen an Ihre politische Arbeit zurück? Mit Ortega und der amtierenden Regierungspartei, der linksgerichteten FSLN, haben Sie noch bis Anfang der Neunzigerjahre zusammengearbeitet, stiegen an seiner Seite sogar ins Amt des Vizepräsidenten auf.

Ramírez: Bis es zum Bruch kam. 1995 bin ich aus der Politik ausgestiegen. Seitdem habe ich den Kontakt zu Ortega komplett verloren. Über seine politische Entwicklung kann ich deshalb wenig sagen. Auch nicht, warum er sich zu einem Diktator entwickelt hat. Das, was er heute repräsentiert, hat für mich nichts mehr zu tun mit der Revolution damals.

SPIEGEL: Was war für Sie die Idee der Revolution damals?

Ramírez: Ein tiefgreifender sozialer Wandel unseres Landes. Unter der Diktatur der Somozas hatte Nicaragua jahrzehntelang Ungerechtigkeit erlitten. Wir wollten für die Ärmeren in der Bevölkerung bessere Lebensmöglichkeiten schaffen. Leider konnten wir unser Projekt nie verwirklichen.

SPIEGEL: Warum?

Ramírez: Die Achtzigerjahre waren eine Zeit der Polarisierung. Es war die Zeit des Kalten Krieges. In Nicaragua führte das zu Spaltung in der Bevölkerung. Es kam zum Bürgerkrieg.

SPIEGEL: Es gibt Vorwürfe, dass die USA damals die Spaltung provozierten, durch Finanzierung von Guerilla-Kämpfern . Ist das der einzige Grund?

Ramírez: Es fehlte an demokratischer Beteiligung. Das war unser Hauptproblem. Wir glaubten, dass nur eine revolutionäre Partei diesen Wandlungsprozess anführen kann: die Sandinisten. Damit aber waren alle übrigen ausgeschlossen. Die Idee einer hegemonistischen Partei war damals weit verbreitet, nicht nur in Lateinamerika. Auch in afrikanischen Ländern wie Angola, Mosambik oder Algerien kam im Zuge der Dekolonisierung bei vielen der Wunsch nach einer starken Einheitspartei auf. In Lateinamerika hatten wir dazu einen gemeinsamen ideellen Bezugspunkt: Kuba .

SPIEGEL: Seit 2007 ist die Partei der Sandinisten wieder an der Macht. In den letzten Monaten kam es nicht nur in Nicaragua zu Unruhen, sondern auch in Bolivien, Venezuela - allesamt sozialistisch geprägte Länder, deren Regierungen Kuba als Bezugspunkt hatten: Ist das ein Zufall?

Ramírez: Ich glaube, das lässt sich nicht so einfach vergleichen. Die Gründe für die Proteste sind sehr unterschiedlich. In Venezuela geht es um Unterdrückung. In Bolivien um Wahlbetrug. In Nicaragua um Armut und fehlende Alternativen. Was die Proteste verbindet, ist aber ein Wunsch der Bevölkerung nach mehr Demokratie. Für Gegenstimmen war bislang oft kein Platz. Dadurch ist ein Loch entstanden, das nun gefüllt werden muss.

SPIEGEL: Wie kann das funktionieren?

Ramírez: Das lässt sich aktuell schwer sagen. Das muss im demokratischen Prozess in jedem Land individuell entschieden werden. Die Proteste sind erste Schritte. Das sind Bewegungen oft junger Leute. So wie die Revolution in Nicaragua von 1979. Auch wir waren jung, protestierten gegen die Diktatur Somozas und stürzten seine Regierung schließlich. Ich bin deshalb zuversichtlich. Allerdings hoffe ich, dass diese Revolution friedlicher abläuft.

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07.12.2022 02.33 Uhr

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SPIEGEL: Danach sieht es bislang nicht aus. In Bolivien kamen bei Protesten bereits Dutzende Menschen ums Leben, ebenso in Venezuela. In Nicaragua sprechen Menschenrechtsorganisationen von mehreren hundert Toten seit Beginn der Proteste. Wie aussichtsreich ist eine friedliche Revolution?

Ramírez: In Nicaragua gehen viele Menschen gerade unbewaffnet auf die Straßen. Ich hoffe, sie schaffen einen demokratischen Wandel ohne Bürgerkrieg. Das ist natürlich ein schwieriges Unterfangen: deutlich langwieriger als eine gewaltsame Revolution. So die Demokratie zu erlangen, das wäre etwas Neues. Bislang kam durch politischen Wandel in Lateinamerika oft nur neue Gewalt an die Macht, eine neue Diktatur. Diesen Teufelskreis müssen wir durchbrechen.

SPIEGEL: Sie selbst haben der Politik nicht komplett den Rücken zugekehrt. Ihre Bücher sind meistens mit aktuellen gesellschaftlichen Konflikten Nicaraguas unterlegt. Ihr neuester Roman "Um mich weint niemand mehr"  ist beispielsweise ein Krimi und ein Porträt der späten sandinistischen Revolution in einem, mit Drogenhandel, Korruption. Wo sehen Sie Ihre Rolle heute?

Ramírez: Ursprünglich war ich Schriftsteller. Ich bin in die Politik sozusagen durch die Tür der Revolution eingebrochen. Als die Revolution gestorben war, glaubte ich, dass meine Aufgabe in der Politik beendet war. Ich kehrte also zurück zu meinem eigentlichen Handwerk. Trotzdem will ich mich zu politischen Entwicklungen weiter äußern. Auch Schriftsteller wie Günter Grass oder Heinrich Böll haben das getan. Als Schriftsteller sehe ich mich in der Aufgabe meine Meinung zu sagen. Meine Zeit als Politiker aber ist vorbei.

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