[M] Noa Gunter, Lina Moreno; Foto: Ingo Pertramer / DER SPIEGEL

Tagebuch des ukrainischen Friedenspreisträgers »Die Zeit arbeitet für diejenigen, die an den Sieg glauben«

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an einen Autor im Krieg: Serhij Zhadan sammelt Spenden und spielt Rockkonzerte. Er tut, was er kann. Für den SPIEGEL hat er eine Woche Tagebuch geführt.
Von Serhij Zhadan

Wir reisen bei Nacht in die Ukraine ein. Davor sind wir mit unserer Rockband drei Wochen lang durch europäische Clubs getourt, haben Konzerte gegeben und Spenden zur Unterstützung von Charkiw gesammelt. Was heißt das eigentlich, Unterstützung von Charkiw? Wir haben Geld für Autos für die Soldaten gesammelt. Unsere Freunde reisen durch Europa auf der Suche nach Jeeps oder Geländewagen und kaufen sie. Dann schicken wir die Autos zu den Militäreinheiten, die Charkiw verteidigen. Manchmal müssen wir ganz merkwürdige Dinge kaufen – Krankenwagen, Kühllastwagen für das Transportieren von Leichen, Busse für die Evakuierung von Zivilisten. In Europa glauben einige, dass wir »Geld für den Krieg sammeln«, obwohl die meisten Menschen, mit denen wir gesprochen haben – von Litauen bis Österreich – die Dinge beim Namen nennen, Russland als Besatzer und Kriegsverbrecher bezeichnen und die Ukraine unterstützen.

Es gab viele Auftritte – 18 Konzerte in drei Wochen, danach waren wir furchtbar müde, klar. Dazu verspürten wir die ganze Zeit das bedrückende Gefühl, nicht zu Hause zu sein, wir wollten nach Charkiw zurück, zu unseren Leuten. Am Morgen brachen wir in Wien auf, überquerten die Grenze zur Tschechischen Republik und dann zu Polen. Zusätzlich zu unseren Musikinstrumenten hatten wir Wärmebildkameras für die Soldaten dabei (hier stellt sich wiederum die Frage: Ist jemand, der ukrainischen Soldaten Wärmebildkameras bringt, für den Krieg oder für seine schnellere Beendigung?) und fünfzehn Kartons mit Medikamenten für Zivilisten. Wir standen nicht lange an der Grenze, es gab keine Warteschlange, niemand wollte uns penibel überprüfen. Einige Zollbeamte wollten sogar Fotos mit uns machen.

Zhadan bei Konzert in Wien.

Zhadan bei Konzert in Wien.

Foto:

Ingo Pertramer / DER SPIEGEL

Club in Wien.

Club in Wien.

Foto:

Ingo Pertramer / DER SPIEGEL

In der Ukraine hat man das Gefühl, dass hier ein völlig anderes Leben herrscht. Schon an der ersten Tankstelle gibt es viele freiwillige Helfer, die alles Notwendige aus Europa mitbringen – Autos, Medikamente, diverse Hilfsgüter. Eine völlig andere Stimmung, völlig andere Gefühle. Das Land befindet sich im Krieg, das Land leistet Widerstand, alle arbeiten für den Sieg. Zurück aus Europa scheint es, als wäre ich nach einem All-Inclusive-Urlaub im realen Leben gelandet.

Natürlich möchte ich mich bei allen bedanken, die zu den Konzerten gekommen sind, die uns unterstützt haben, die geholfen haben, aber jetzt wollen wir erst einmal nach Hause. Die Ostukraine ist jetzt das Grenzland des zukünftigen Europas, dort wird Geschichte geschrieben, die Ukrainer verteidigen ihr Recht auf Existenz. Ich vermute, dass diese Dinge in Deutschland nicht ganz verständlich sind. Aber viele Dinge, die jetzt in Europa gesagt werden, sind für uns auch kaum zu verstehen. So ist die Zeit, so sind die Umstände. Hauptsache, wir sind daheim.

Am Abend fand in Lemberg eine Versteigerung von Kunstwerken statt, die Künstler aus Charkiw und Lemberg gespendet hatten. Der Lemberger Oberbürgermeister Andrij Sadowyj schaute vorbei und sagte, dass die Stadt die Werke, die nicht versteigert werden würden, zum Selbstkostenpreis aufkaufen und ein Auto an Charkiw spenden werde. Die Versteigerung wurde mit einem Konzert abgeschlossen, bei dem »Sobaky« und die Legenden des ukrainischen Rock'n'Roll, die Lemberger Band »Braty Hadjukiny« aufspielten. Eine Menge junger Leute. Die Illusion eines normalen Lebens. Nach dem Konzert sehen wir uns die Nachrichten an – Charkiw wird wieder beschossen, der Krieg geht weiter, in der Luft spürt man immer intensiver den Herbst.


Lemberg im Westen der Ukraine, März 2022.

Lemberg im Westen der Ukraine, März 2022.

Foto: Nicolas Economou / NurPhoto / IMAGO

Am nächsten Morgen dauerte es lange, bis wir schließlich nach Charkiw aufbrachen. Am Vortag waren zwölf in Litauen gekaufte Autos angekommen. Unser Plan war, in einer Kolonne Richtung Osten loszufahren. Ein Auto blieb jedoch am Grenzübergang beim Zoll zurück, zwei hatten schon in Lemberg eine Panne. Nichts Schlimmes, aber die Abfahrt verzögerte sich. Also drückten wir uns herum, warteten, blickten in den regnerischen Septemberhimmel, in dem es viel mehr Kälte als Wärme gab. Gegen Mittag fuhren wir endlich nach Osten los. Es ist eine Straße, die das Land vereint, eine Art Rückgrat, das die Ost- mit der Westgrenze verbindet.

Wenn man durch die Westukraine fährt, spürt man das friedliche und ruhige Leben. Das einzige, was an den Krieg erinnert, ist die Außenwerbung mit unseren Soldaten. Ansonsten färben sich die Bäume rot, die Dörfer stehen ruhig und still in diesem frühen Herbst, die Straße ist voller Verkehr. Alles sieht ganz anders aus als in unserem Charkiw.

Straßenszene in Lemberg im August 2022.

Straßenszene in Lemberg im August 2022.

Foto: Thomas O Neill / NurPhoto / IMAGO
Verbarrikadierte Denkmäler in Lemberg.

Verbarrikadierte Denkmäler in Lemberg.

Foto: Jonas Cullberg / TT / IMAGO
»Stoppt den Krieg«

»Stoppt den Krieg«

Ich schreibe dies ohne jeglichen Vorwurf oder Sarkasmus. Es ist sehr gut, dass das Land weiterhin ein normales Leben führt, dass es keine Anzeichen von Panik oder Verzweiflung gibt. Charkiw bleibt eine Art Grenzland, eine Narbe, eine Grenzlinie, hinter die der Feind nicht gelangen darf, damit das Land weiterhin ein normales Leben führen kann. Soweit es heute überhaupt möglich ist, versteht sich.

Seit dem frühen Morgen regnet es. Der Herbst scheint unvermeidlich. Allerdings schreckt uns der Regen nicht ab – heute Abend werden wir daheim übernachten. Was könnte besser sein?


Eingeschlagene Rakete nahe des Dorfes Korobochkino.

Eingeschlagene Rakete nahe des Dorfes Korobochkino.

Foto:

Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL

Diese Fahrt – von West nach Ost, von der Westgrenze zur Ostgrenze – vermittelt ein schmerzhaftes und intensives Gefühl für das Land, das trotz aller blutigen Wunden des Krieges, trotz genereller Abnormität und verdrehter Realität ein einheitlicher Organismus, ein einheitliches Ganzes bleibt. Ständig sieht man Militärgerät auf der Straße, in den Raststätten und Imbissen sitzen Soldaten. Es fällt auf, dass deren Gesichtsausdruck ganz anders als bei den Zivilisten ist: Es sind Gesichter der Männer, die harte Arbeit leisten, aber diese Arbeit nicht aufgeben wollen. Es ist für jeden schwer, die Müdigkeit sammelt sich in Falten und Schatten unter den Augen, aber es gibt keine Angst, keine Verzweiflung. Das Land hat sich als stark erwiesen. Und auch noch sehr menschlich dazu. In diesen sieben Monaten haben wir Hunderte von Geschichten über Solidarität, Empathie und Unterstützung gehört und gesehen. Das Gefühl, dass jemand deine Hilfe braucht und du deshalb helfen musst, ist jetzt ganz natürlich und permanent.

Zhadan im Oktober mit Bandmitgliedern: »Es ist schön, nicht mit leeren Händen nach Hause zu kommen«.

Zhadan im Oktober mit Bandmitgliedern: »Es ist schön, nicht mit leeren Händen nach Hause zu kommen«.

Foto: privat

Am Nachmittag kommen wir in Charkiw an. Wir laden die Hilfsgüter aus, die wir von unserer Reise mitgebracht haben, und schaffen es sogar, vor dem Ausladen noch ein Auto zu kaufen. Es ist sonnig in Charkiw, obwohl der Herbst bereits zu spüren ist – die Blätter fallen, abends wird es schnell kälter. Wir treffen uns mit Freunden, die wir seit mehreren Wochen nicht mehr gesehen haben. Daran hat sich nichts geändert – sie engagieren sich immer noch als freiwillige Helfer, fahren jeden Tag durch die Stadt, um Hilfsgüter zu verteilen.

Nach der ukrainischen Gegenoffensive fahren sie auch in die befreiten Gebiete, wo die Menschen alles brauchen. Es ist viel zu tun, aber man hat keine Angst davor – jeder versteht, dass man keinesfalls aufhören darf. Aber alle denken jetzt schon an den Winter, der offenbar ziemlich schwierig sein wird. Viele Gebäude in der Stadt sind beschädigt, und es ist unklar, wie es mit der Heizung aussehen wird. Die Russen haben es auf die Infrastruktur abgesehen, damit die Stadt ohne Wasser und Strom bleibt.

Charkiw im September 2022.

Charkiw im September 2022.

Foto:

Leo Correa / dpa

Zhadan nach Konzert in Wien.

Zhadan nach Konzert in Wien.

Foto:

Ingo Pertramer / DER SPIEGEL

Am Abend komme ich endlich nach Hause. Vor ein paar Wochen hat in der Nähe eine russische Rakete eingeschlagen. Ein Loch im Dach, zersprungene Glasscheiben, überall Glassplitter und Ziegelstücke. Auf der Nordseite, also dort, wo Russland ist und von wo die Rakete angeflogen kam, wurden von der Druckwelle mehrere Fenster herausgesprengt. Man kann sagen, dass wir immerhin Glück hatten – die Rakete schlug nicht in ein Wohnhaus ein, sondern in ein leer stehendes Gebäude nebenan, niemand kam ums Leben, nur das Gebäude gibt es nicht mehr.

Die Nacht war ruhig, es gab keine Raketeneinschläge. Nach den ersten Kriegsmonaten – da haben die Russen die Stadt fast jede Nacht beschossen – ist es schwer, sich daran zu gewöhnen. Die Stille ist immer noch beängstigend, weil man ihr nicht trauen kann. Das durch den Krieg erschütterte Gefühl der Sicherheit macht einen misstrauisch. Aber auch unter solchen Umständen fordert die Müdigkeit ihren Tribut. Die Stadt schläft ein.


Wegen ihre jungen Alters konnten sie nicht evakuiert werden: Delfine im Wasserpark Chrakiw.

Wegen ihre jungen Alters konnten sie nicht evakuiert werden: Delfine im Wasserpark Chrakiw.

Foto:

Leo Correa / dpa

Am Freitag hat das dreitägige Literaturfestival »Das fünfte Charkiw« begonnen, zu dem wir und das Charkiwer Literaturmuseum einige Dutzend Dichter, Philosophen und Musiker aus Charkiw, Kiew und Lemberg eingeladen haben. Das Konzept des »Fünften Charkiw« geht auf den berühmten Sprachwissenschaftler und Literaturkritiker Jurij Scheweljow zurück, der die nationalsozialistische Okkupation der Stadt überlebt hatte und dann in den Westen emigrierte. Scheweljow entwickelte eine Periodisierung der Geschichte von Charkiw mit einer klaren Zukunftsvision, wenn es seinen Status als imperiale Provinzstadt ablegen und sich für seine ukrainische Identität entscheiden wird.

Streumunitionsrakete in der Region Charkiw.

Streumunitionsrakete in der Region Charkiw.

Foto:

Evgeniy Maloletka / dpa

Zerstörter russischer Panzer in der zurückeroberten Region Charkiw.

Zerstörter russischer Panzer in der zurückeroberten Region Charkiw.

Foto:

Maxim Dondyuk / DER SPIEGEL

Genau deswegen haben wir unsere Gäste eingeladen – um über die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft und den Wandel zu sprechen. Als Veranstaltungsort für das Festival haben wir einen Klub in den Kellerräumen im Stadtzentrum gewählt. Auf jeden Fall mussten wir uns um die Sicherheit der Besucher kümmern, also haben wir uns für einen Keller entschieden. Von außen sah das alles recht bizarr aus, vielleicht sollte man es sich für die Zukunft merken.

Ganz in der Nähe: die durch den russischen Beschuss zerstörten Häuser. Dazwischen eine unscheinbare Tür, eine Treppe führt nach unten, plötzlich findet man sich in einer recht gemütlichen und netten Bar ein, erst danach: ein Konzertsaal. Darin lauschen mehrere hundert Charkiwerinnen und Charkiwer einem Vortrag über den Schutzpatron unserer Stadt, den herausragenden Philosophen Hryhorij Skoworoda, der genau vor dreihundert Jahren geboren worden war und dessen Gedenkmuseum in diesem Frühjahr von russischen Invasoren zerbombt wurde.

Zhadan nach einem Konzert.

Zhadan nach einem Konzert.

Foto:

Ingo Pertramer / DER SPIEGEL

Unter den Zuhörern befinden sich viele junge Menschen. Und auch eine Menge freiwillige Helfer und Soldaten. Etwa seit März, seitdem russische Bomber keine direkten Angriffe mehr auf die Stadt fliegen, organisieren meine Freunde und ich verschiedene kulturelle Veranstaltungen. Für uns macht es wirklich Sinn, philosophische Debatten, Poesieabende und Rockkonzerte unter Beschuss abzuhalten. Sonst wäre das Leben in der Stadt unvollständig. Auf jeden Fall entsteht in den Kellern von Charkiw in diesen Monaten eine neue Kultur – die Kultur einer freien Stadt, eines freien Landes.


Zhadan auf der Bühne.

Zhadan auf der Bühne.

Foto:

Ingo Pertramer / DER SPIEGEL

Am nächsten Tag gehen wir vor der Veranstaltung mit Freunden Kaffee trinken. Es sind immer noch nicht viele Orte in der Stadt, an denen man sitzen, jemanden treffen und essen kann. Immerhin gibt es ein paar solcher »Treffs«. Wenn man hereintritt, begegnet man eigentlich immer einigen Bekannten – Journalisten, Soldaten, Musikern. Draußen setzt der Regen ein. Wir sitzen herum und schauen aus dem Fenster. Ein Auto mit freiwilligen Helfern fährt vor. Ein Bettler mit einer gelb-blauen Schleife im Sakko rollt in einem Rollstuhl auf sie zu. Er lächelt, bedankt sich, schüttelt die Hand und fährt weiter. Die Stadt ist im Regen fast leer, nur Autos huschen auf den nassen Straßen hin und her. Das Café ist trocken und warm, wenn man aus dem Fenster schaut, könnte man denken, dass es gar keinen Krieg gäbe. Doch dann richtest du den Blick ins Innere des Cafés und bemerkst Menschen in Militäruniform. Der Krieg ist da, er ist gleich nebenan.

Charkiw Ende September 2022.

Charkiw Ende September 2022.

Foto:

- / dpa

Raketenkrater in Charkiw.

Raketenkrater in Charkiw.

Foto:

privat

Der Saal ist wieder voller Menschen. Sie hören sich Diskussionen über den Konstruktivismus an, dann treten Dichter auf, danach Musiker. An der Wand hängen großformatige Bilder, von Kindern gemalt. Der Leiter des Ateliers, Kolja, stieg im Frühjahr in die U-Bahn hinunter, sah Kinder, die sich vor dem Beschuss versteckten, und fing an, zusammen mit ihnen zu malen. Daraus ist nun eine Ausstellung entstanden – erstaunliche, manchmal ganz lustige, manchmal etwas gruselige Bilder, mal leuchtende und mal gedämpfte Farben – es sind die Gefühle der Kinder in diesen Monaten, eine erstaunliche Fixierung von Zeit und Raum, der sich auflöst. Sehr mutige und starke Kunstwerke Charkiwer Kinder, die diesen Krieg gemeinsam mit den Erwachsenen durchleben.

Es ist deutlich zu spüren, wie wichtig diese Veranstaltungen, diese Vorträge und Ausstellungen sowohl für die Mitwirkenden als auch für die Zuschauer sind. Aber um 21.00 Uhr ist Schluss – alle müssen vor der Ausgangssperre nach Hause. Es stört ein wenig. Aber niemand widerspricht – nach dieser Nacht sehen wir uns morgen wieder.


Früher ein Kindertheater, heute werden hier Spenden sortiert.

Früher ein Kindertheater, heute werden hier Spenden sortiert.

Foto: Nicolas Cleuet / Le Pictorium / IMAGO

Der dritte Festivaltag. Kaum weniger Besucher. Die Schauspieler eines Charkiwer Theaters führen ein Stück auf. Ein Theaterstück über den Krieg. Über diesen Krieg. Über Butscha, Hostomel, über die ersten Wochen des russischen Angriffs. Sie arbeiteten seit Frühsommer in Charkiw an der Inszenierung. Ein schwerer Stoff, aber durchdringend und ehrlich gespielt. Für mich wirkt es so, als redeten die Schauspieler über einen Brand, der noch nicht gelöscht worden wäre.

In der letzten Diskussion reden wir über das Charkiw der Zukunft - wie es sein soll, worauf es aufbauen soll, was es aufgeben soll. Verschiedene Referenten, alle interessant. Einer von ihnen ist ein guter Freund von mir, ein Geschäftsmann, der ein großes Unternehmen führt. Er war im Ausland, als Russland den Überfall startete. Er kehrte zurück, gründete eine Kampfeinheit. Am Ende dreht sich das Gespräch um die städtische Toponymie, die übermäßige Präsenz des russischen Kontextes in unserer Stadt und darum, dass es sich unbedingt ändern muss. Wir erinnern uns an das Puschkin-Denkmal im Stadtzentrum und überlegen, wie man damit umgehen soll. Alle sind der Meinung, dass es gut wäre, es in das historische Museum zu bringen, um keinen Vandalismus zuzulassen. Und alle sind sich einig, dass Charkiw ohne dieses Denkmal nicht viel verlieren wird. Allerdings wäre es gut, wenn die Stadtverwaltung sich dazu äußern, zumindest ihren Standpunkt erklären würde. Die Behörden schweigen aber, reagieren nicht.

Geschütztes Denkmal in Charkiw.

Geschütztes Denkmal in Charkiw.

Foto: Evgen Kotenko / NurPhoto / IMAGO

In der Nacht übergießen Unbekannte Puschkin mit roter Farbe. Während wir diskutieren und die Behörden schweigen, bringt jemand auf diese Weise seine Haltung gegenüber Russland und seinem kulturellen Erbe zum Ausdruck.


Zhadan in Wien.

Zhadan in Wien.

Foto:

Ingo Pertramer / DER SPIEGEL

Zusammen mit den Musikern beginnen wir mit den Vorbereitungen für eine neue Reise. Es stehen Konzerte in Deutschland an. Wir schaffen es noch, jemandem etwas zu bringen, für jemanden etwas zu kaufen, Absprachen über etwas zu treffen. Tägliche Arbeit, endlos.

Am Abend treffen wir uns in einer Bar mit Slawa Wakartschuk, unserem vielleicht berühmtesten Rockmusiker. Slawa kam gerade aus dem Donbas, aus Bachmut. Er erzählt uns von den Kämpfen in der Stadt, davon, wie der Beschuss begann, als er gerade einen Livestream machte.

Instagram-Post von Zhadan: Bücher zu verlosen.

Instagram-Post von Zhadan: Bücher zu verlosen.

Foto:

privat

Wir verabschieden uns, der Fahrer und ich gehen hinaus und steigen ins Auto. Die Stadt ist dunkel, die Straßen sind nicht beleuchtet, obwohl die Autos weiterfahren – bis zur Ausgangssperre bleibt noch ein wenig Zeit. Plötzlich wird der Himmel von Explosionen erhellt – russische Raketen schlagen irgendwo in der Nähe ein, innerhalb der Stadt. Wir fahren los, der Fahrer, Oleh, der im März unter russischen Raketenbeschuss geraten ist, biegt in kleine leere Straßen ein. Später lesen wir in den Nachrichten, dass aus Russland mehrere Raketen auf Charkiw abgefeuert wurden. Der Krieg geht weiter, er ist ganz nah, sein schwerer Atem ist kaum zu überhören. Der Herbst steht vor der Tür, dann kommt der Winter. Die Zeit arbeitet für diejenigen, die an den Sieg glauben.

Aus dem ukrainischen von Juri Durkot.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.