Leïla Slimani über Sexismus Wird man als Schwein geboren?

Da ist der Professor, der sich für ein Praktikum einen runterholen lässt. Der Kerl, der mich im Vorbeigehen "ficken will". Die Männer, die ich kenne, widert diese überholte Vorstellung von Männlichkeit an.
Von Leïla Slimani
Autorin Leïla Slimani

Autorin Leïla Slimani

Foto: LIONEL BONAVENTURE/ AFP

Am Dienstag vergangener Woche veröffentlichten 100 französische Frauen aus Kultur und Medien, darunter die Schauspielerin Catherine Deneuve und die Autorin Catherine Millet, einen Gastbeitrag in der Zeitung "Le Monde", der sich konträr zur aktuellen #MeToo-Debatte stellte. Leïla Slimanis Text, am Donnerstag zunächst in der Zeitung "Libération" veröffentlicht, ist als Replik zu verstehen.

Auf der Straße herumlaufen. Abends die Metro nehmen. Einen Minirock tragen, ein Dekolleté, High Heels. Allein mitten auf der Tanzfläche tanzen. Fingerdick Schminke auftragen. Angeschickert ins Taxi steigen. Halbnackt im Gras liegen. Trampen. Mit dem Nachtbus fahren. Allein reisen. Allein auf einer Terrasse etwas trinken. Einen einsamen Weg entlangjoggen. Auf einer Bank warten. Einen Mann anbaggern, es mir anders überlegen und ihn stehenlassen. Mich unter die Menge in einer Pariser Vorortbahn mischen. Nachts arbeiten. Mein Kind in der Öffentlichkeit stillen. Eine Gehaltserhöhung fordern. In all diesen banalen Alltagssituationen will ich das Recht haben, nicht belästigt zu werden. Das Recht, nicht einmal darüber nachzudenken.

Ich fordere die Freiheit, dass man weder meine Haltung noch meine Kleidung, meinen Gang, die Form meines Hinterns oder die Größe meiner Brüste kommentiert. Ich beanspruche mein Recht, in Ruhe gelassen zu werden, allein sein zu dürfen, mich ohne Angst fortbewegen zu können. Ich will nicht nur eine innere Freiheit. Ich will die Freiheit, draußen zu leben, in der Öffentlichkeit, in einer Welt, die auch ein bisschen mir gehört.

Ich bin kein zerbrechliches kleines Ding. Ich möchte nicht beschützt werden, sondern mein Recht auf Respekt und Sicherheit geltend machen. Und die Männer sind beileibe nicht alle Schweine. Wie viele von ihnen haben mich in diesen letzten Wochen beeindruckt, erstaunt, begeistert mit ihrem Verständnis für die Bedeutung dessen, worum es gerade geht, mich völlig verblüfft mit ihrer Entschlossenheit, nicht mehr mitzuspielen, die Welt zu ändern, auch sich selbst von diesem Verhalten zu befreien.

Denn im Grunde versteckt sich hinter der sogenannten Freiheit, aufdringlich zu sein, ein schrecklich deterministisches Männerbild: "Man wird als Schwein geboren."

Die Männer in meiner Umgebung werden rot und empören sich über diejenigen, die mich beleidigen. Den Typen, der um acht Uhr morgens auf meinen Mantel ejakuliert. Den Chef, der mir zu verstehen gibt, was für meine Beförderung hilfreich wäre. Den Professor, der sich für ein Praktikum einen runterholen lässt. Den Kerl, der mich im Vorbeigehen fragt, ob ich "ficken will" und mich dann als "Schlampe" beschimpft.

Die Männer, die ich kenne, widert diese überholte Vorstellung von Männlichkeit an. Mein Sohn wird, hoffe ich, ein freier Mann werden. Nicht frei, aufdringlich zu sein, sondern frei, sich als etwas anderes als ein von unkontrollierbaren Trieben beherrschtes Raubtier zu definieren. Ein Mann, der in der Lage sein wird, zu verführen, auf die unzähligen wundervollen Weisen, in denen Männer uns zu betören verstehen.

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Slimani, Leïla

Dann schlaf auch du: Roman

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
Seitenzahl: 224
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Ich bin kein Opfer. Doch Millionen von Frauen sind es. Das ist eine Tatsache und kein moralisches Urteil oder eine Pauschalisierung. Und ich spüre in mir selbst die Angst all der Frauen, die mit gesenktem Kopf durch die Straßen Tausender Städte dieser Welt gehen. Die man verfolgt, bedrängt, vergewaltigt, beleidigt und im öffentlichen Raum wie Eindringlinge behandelt.

In mir hallt der Schrei all jener Frauen wider, die sich verkriechen, die sich schämen, die man verstößt und aus dem Haus jagt, weil sie entehrt wurden. Die man unter langen schwarzen Schleiern versteckt, weil ihre Körper angeblich dazu auffordern, sie zu belästigen. Sorgen sich die Frauen in den Straßen von Kairo, Neu Delhi, Lima, Mossul, Kinshasa oder Casablanca etwa um das Aussterben der Verführung, der Galanterie? Haben sie selbst denn das Recht, zu verführen, zu wählen, aufdringlich zu sein?

Ich hoffe, dass meine Tochter einmal abends mit Minirock und Dekolleté auf der Straße herumlaufen wird, dass sie allein um die Welt reisen und mitten in der Nacht die U-Bahn nehmen wird, ohne Angst zu haben, ohne auch nur darüber nachzudenken. Die Welt, in der sie dann lebt, wird keine puritanische Welt sein. Es wird, da bin ich mir sicher, eine gerechtere Welt sein, mit noch größeren und schöneren Freiräumen für Liebe, Lust und Verführung, wie wir sie uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Der Artikel erschien zunächst in der Zeitung "Libération ". Übersetzung aus dem Französischen: Amelie Thoma

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