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16. Juli 2014, 19:11 Uhr

Ungelesene Bestseller

Nur jeder Vierte schafft "Shades of Grey"

Ob SM-Roman oder Endzeit-Thriller: Werden Bestseller eigentlich nur gekauft oder auch gelesen? Ein Wissenschaftler hat das nun erforscht. Auf dem letzten Platz landete das meistdiskutierte Buch des Frühjahrs 2014.

Das berühmte Buch ist gekauft, das erste Kapitel auch zügig durchgelesen, doch dann... Keine Zeit, keine Lust, Roman zu anstrengend, Sachbuch zu kompliziert. Das berühmte Buch verstaubt auf dem Nachttisch, und der gescheiterte Leser hat ein schlechtes Gewissen. Die hoffnungsvolle Vermutung, dass man mit diesem unsteten Leseverhalten nicht allein sei, wurde jetzt von einem Mathematiker bestätigt.

Jordan Ellenberg von der Universität Wisconsin hat für einige der Bestseller Amazons errechnet, wie viel Prozent der Käufer tatsächlich bis zum Ende durchhalten. Der Sieger: Rund 98 Prozent aller Leser von Donna Tartts "Der Distelfink" schafften es bis zur letzten Seite. Beim zweiten Teil der Hunger-Games-Reihe, "Catching Fire", waren es immerhin 43 Prozent, bei "Fifty Shades of Grey" 26 Prozent und bei "Eine kurze Geschichte der Zeit" von Stephen Hawking nur noch knapp 7 Prozent. Das Schlusslicht: Thomas Pikettys "Das Kapital im 21. Jahrhundert", immerhin eines der meist diskutierten Bücher des Frühjahrs 2014, erzielte nur eine Leserate von 2,4 Prozent.

Der amerikanische Mathematiker errechnete seine Zahlen aus einer Statistik, die Amazon herausgibt: Das Unternehmen veröffentlicht, welche Textpassagen einiger Bestseller am häufigsten von Lesern auf den Kindle-Geräten markiert werden. Ellenberg hat sich angesehen, in welchen Teilen der Bücher die Leser am häufigsten Sätze unterstreichen. Lagen die Passagen eher am Ende eines Werkes, sprach dies dafür, dass die meisten Leser den Text auch bis zur letzten Seite gelesen hatten. Fanden sich die Stellen ausschließlich in den vorderen Kapiteln, lag der Schluss nahe, dass die Wenigsten dieses Buch auch beendet hatten. Mithilfe seiner Rechnung bestimmt Ellenberg den scherzhaft so genannten Hawking-Index, der angibt, wie viel Prozent der Leser ein Werk vermutlich ganz durchgearbeitet haben. Die Zahl erhielt Ihren Namen, weil die Texte des Physikers Stephen Hawking häufig zu denjenigen gehören, die viele interessierte Käufer, aber nur wenige motivierte Leser finden.

Der Sieger der Rechnung, also das Buch mit dem höchsten Hawking-Index ist der Roman "Distelfink". Dem Prosawerk der Dichterin Donna Tartt hätte man diesen Erfolg gar nicht zugetraut: denn es ist ziemlich lang und ziemlich komplex. Ein Verlierer der Berechnungen ist Hillary Clintons Schrift "Hard Choices": Die Leser markerten hier nach Seite 33 kaum noch Zitate an - was dafür spricht, dass ein Großteil der Käufer auch nicht weiter las.

Die von Ellenberg verwendete Amazon-Statistik lässt auch noch andere Einblicke zu. So zeigt sie, welcher Satz von allen Kindle-Besitzern am häufigsten markiert wurde: "Manchmal passieren Leuten Dinge, auf die sie nicht vorbereitet sind". Die Worte stammen aus "Catching Fire", dem zweiten Teil der "Hunger Games".

cri

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