"Hitler"-Manga Der Führer aus der Ferne gesehen

Erstmals auf Deutsch zu lesen: Wie der Manga-Künstler Shigeru Mizuki sich in den Siebzigern Adolf Hitlers Biografie näherte. Der nüchterne Band ist trotz analytischer Lücken lehrreich - auch über Japan.

Shigeru Mizuki/ Reprodukt

Von Jan-Paul Koopmann


In diesem Hitlerbuch gibt es einen Moment, von dem an fallen persönliche Biographie und Weltgeschichte in eins. Lebensabschnitte werden markiert durch Wahlen, Schlachten, zerbrechende Allianzen und die Kapitulationen von Nachbarländern. Und ginge es nicht um Hitler, würde einem dieses Konglomerat aus Krieg, Politik und Mensch irgendwie unangenehm aufstoßen: der eine Mensch, der für das große Ganze steht. Schwierig, von all dem Morden zu lesen, als wäre es allein die Angelegenheit dieses Typen aus Braunau.

Die Irritation wächst, wenn man weiß, dass diese neue Biographie mit dem schlichten Titel "Hitler" aus Japan kommt, ein Comic ist und bald 50 Jahre auf dem Buckel hat. 1971 hat Manga-Künstler Shigeru Mizuki "Hitler" geschrieben. Bei Reprodukt erscheint es nun erstmals auf deutsch, zeitgleich mit einem weiteren Klassiker Mizukis: "Auf in den Heldentod!"

Das Alter aus zwei Gründen wichtig. Weil einerseits der Stand historischer Aufarbeitung damals noch verhältnismäßig bescheiden war - und zum anderen, weil der Band als Manga aus einer Phase kommt, die dem westlichen Markt lange verschlossen geblieben ist. Als Mizuki am 30. November 2015 verstarb, war er in Deutschland noch immer eine Randerscheinung der Szene. In Japan aber zählt er zu den wichtigsten Mangaka, ist berühmt für seine historischen und mythologischen Stoffe und einer der Wegbereiter der Mangas für Erwachsene.

Preisabfragezeitpunkt:
24.04.2019, 22:10 Uhr
Ohne Gewähr

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Shigeru Mizuki
Hitler

Verlag:
Reprodukt
Seiten:
288
Preis:
EUR 18,00
Übersetzt von:
Jens Ossa

In den Fünfzigerjahren hatten Mizuki und ein paar andere junge Künstler begonnen, sich mit ernsten Themen an ein erwachsenes Publikum zu richten. Man kann das selbstbewusste Entstehen dieser so "Gegika-Mangas" vielleicht mit dem hiesigen Label "Graphic Novel" vergleichen - wenn auch mit einem halben Jahrhundert Abstand. In Japan fiel dieses ästhetische Aufbegehren aus dem Massenmedium zusammen mit der Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs und der Rolle des japanischen Kaiserreichs. Hierzulande am bekanntesten ist zweifellos Keiji Nakazawas Zyklus "Barfuß durch Hiroshima", der in drastischen Bildern von der Atombombe erzählt, dabei aber eben auch deutlich den Opfermythos und militaristischen Patriotismus Japans problematisiert.

"Hitler" - Bescheidene Vermittlung historischen Basiswissens

Mizukis "Hitler" ist eben auch Ausdruck einer zeittypischen Debatte. Es geht ihm dabei wenig um einen großen Knall, als um die bemerkenswert bescheidene Vermittlung historisch-politischen Basiswissens. Bereits der Zeichenstil verwehrt sich gegen Ideen von der Faszination des Bösen und wahrt Abstand zum Führer.

Wortwörtlich an den Hintergründen und der Szenerie arbeitet sich Mizuki ab. In detaillierten Landschaften, die über komplexe Schraffuren in die Tiefe greifen, bewegen sich die Menschen als stilisierte Figuren in weiß, mit klaren, dezent cartoonhaft überzeichneten Zügen. Wie leicht es trotzdem fällt, die rund 40 handelnden Personen (von Goebbels, Rosenberg und Himmler über Mussolini bis zu Hitlers Nichte Geli Raubal) auseinanderzuhalten, ist bereits der erste Hinweis auf Mizukis Meisterschaft im Zeichnen.

Shigeru Mizuki
Reprodukt

Shigeru Mizuki

Nach einem kurzen Einstieg über Hitler als obdachlosem, sexuell verklemmtem, unbegabtem Kunststudent läuft die Geschichte die bekannten Stationen ab: Putsch in München, Aufbau von NSDAP und SA, innere Machtkämpfe und schließlich der Zweite Weltkrieg. Mizukis Augenmerk liegt vor allem auf den Jahren um die sogenannte "Machtergreifung", die er engmaschig wiedergibt. Hitler erscheint hier als undurchsichtiger Stratege und Taktiker. Der Text gibt keine Einblicke in Hitlers Pläne - außer, dass sie offenkundig aufgehen. Der Krieg beginnt mit dem letzten Drittel des Buches. Auf Seite 182 wird Österreich annektiert, auf 192 folgt der Einmarsch in Prag und auf 282 ist schon alles vorbei.

Wahnhaft erscheint der Staatsmann Hitler nur in seinem überschäumenden Patriotismus und in den melodramatischen Selbstmorddrohungen gegenüber seiner sich zerstreitenden Partei. Und natürlich in seinem Hass auf die Juden, die Hitler nicht zuletzt an seinen Frauenproblemen für schuldig hält.

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Shigeru Mizukis Erwachsenen-Mangas: Gegenstück zu ästhetisierenden Erzählungen

Tatsächlich bleibt die Shoah in ihrer Funktion als völkische Übereinkunft und Kitt des notorisch zerstrittenen Nazihaufens analytisch völlig unterbelichtet, wie Jens Balzer im Vorwort der deutschen Ausgabe zu Recht unter Verweis auf die damals in Japan wie Deutschland herrschende Schweigen anmerkt. Dennoch beginnt und endet der ansonsten streng chronologisch erzählte Manga mit den Leichenbergen der Shoah: als hätte Mizuki mit diesem Rahmen die Grenzen dessen abstecken wollen, wie von Hitler als Mensch überhaupt zu sprechen sein könnte.

"Hitler" klärt ohne Lächerlichkeit und plumpe Witzchen, wie ein Hans Wurst zum Tyrannen weiter Teile Europas werden konnte. Durch eine gemeinsame Wahnidee von der Nation nämlich - und ein bisschen Geschick darin, sich machtpolitisch in Szene zu setzen. Der Comic hat hier bereits in 1971 ein erstaunlich nüchternes Gegenstück zu den ästhetisierenden Hitler-Erzählungen geliefert, wie sie Film und Fersehen heute produzieren. Lehrreich ist das darum trotz diverser im Anhang dokumentierter kleinerer Fehler (weil Mizuki eben nur sehr begrenzte Quellen zur Verfügung standen).

"Auf in den Heldentod!" - Aufarbeitung unfassbarer Graumsamkeit

Preisabfragezeitpunkt:
24.04.2019, 22:00 Uhr
Ohne Gewähr

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Shigeru Mizuki
Auf in den Heldentod!

Verlag:
Reprodukt
Seiten:
384
Preis:
EUR 20,00
Übersetzt von:
Jens Ossa

Bemerkenswert ist zuletzt Mizukis Perspektive nicht nur als Künstler, sondern auch als Soldat. Im zweiten frisch übersetzten Band, "Auf in den Heldentod!", arbeitet Mizuki seine Zeit bei einem Selbstmordkommando im Südpazifik auf - inklusive schwerster Verwundungen und der unfassbaren Graumsamkeit seiner Befehlshaber.

Wie begeistert auch die japanische Elite von Hitler war, taucht in den Geschichten nur am Rande auf, ist aber trotzdem entscheidend für den Ausgang. "Ohne Hitler hätte ich immer noch meinen linken Arm", hat Mizuki sein Interesse am Führer des fernen Deutschlands erklärt. Und das ist eben auch eine nachdrückliche Einladung, sich hierzulande mit diesem Stück japanischer Kulturgeschichte auszueinanderzusetzen.



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