Büchner-Preisträgerin Lewitscharoff verteidigt Thesen zu Retortenkindern

"Nein, ich will es nicht zurücknehmen": Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat den Inhalt ihrer Rede, in der sie Retortenkinder als "Halbwesen" bezeichnet hatte, verteidigt. Der deutsche Lesben- und Schwulenverband reagierte schockiert auf die Äußerungen.
Sibylle Lewitscharoff: "Darf ich in einer Rede nicht sagen, was ich denke?"

Sibylle Lewitscharoff: "Darf ich in einer Rede nicht sagen, was ich denke?"

Foto: Uwe Zucchi/ picture alliance / dpa

Dresden - Sie sorgte mit ihrer Rede für Fassungslosigkeit: Büchner-Preis-Gewinnerin Sibylle Lewitscharoff hat bei einem Auftritt in Dresden Retortenkinder als "Halbwesen" bezeichnet und die Reproduktionsmedizin mit den "Kopulationsheimen" der Nazis in Verbindung gebracht. Nach den heftigen Reaktionen hat sie ihre umstrittenen Thesen jetzt in einem Interview verteidigt. "Darf ich in einer Rede nicht sagen, was ich denke?", erklärte sie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ).

"Nein, ich will es nicht zurücknehmen", sagte sie der Zeitung weiter. Allerdings habe sie auch klargemacht, dass ein Kind nichts dafürkönne. "Niemals würde ich einem Kind, das auf solchen Wegen entstanden ist und das mir sympathisch ist, meine Zuneigung verweigern." Zudem habe sie ihre Rede damit begonnen, dass ihr Vater ein Gynäkologe gewesen sei, der sich umgebracht habe, erklärte die Autorin. "Ich gebe doch den Menschen im Publikum damit zu verstehen, dass ich anders auf diese Themen reagiere, schärfer und auch persönlicher."

Lewitscharoff, eine der renommiertesten deutschen Schriftstellerinnen, hatte die Rede bereits am vergangenen Sonntag im Staatsschauspiel Dresden gehalten. Der dortige Chefdramaturg Robert Koall warf ihr wenige Tage später in einem Offenen Brief gefährliche Stimmungsmache und indirekt die Verletzung der Menschenwürde vor. Der deutsche Lesben- und Schwulenverband und die Berliner Akademie der Künste reagierten schockiert auf die Äußerungen.

"Das ist ein fieser Angriff auf alle Familien, die wie viele Regenbogenfamilien auf dem Wege der Insemination Kinder bekommen", erklärte Renate Rampf für den Lesben- und Schwulenverband in Berlin. Als Schriftstellerin wisse Lewitscharoff, was Worte anrichten könnten. "In diesem Wissen spricht sie den Kindern die Würde ab. Das ist nicht dämlich, sondern Hass - eine Sprache, die wir sonst nur von Verwirrten oder Fundamentalisten kennen."

Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, erklärte: "Wir weisen den menschenverachtenden Ton und Gestus der Dresdner Rede von Sibylle Lewitscharoff aufs Schärfste zurück." Es sei ungeheuerlich, künstlich gezeugte Kinder als "Halbwesen" zu bezeichnen. Eine Sprecherin des Suhrkamp-Verlags sagte: "Die Haltung, die in der Rede von Sibylle Lewitscharoff zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln."

Lewitscharoff hatte 1998 für ihren Roman "Pong" den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Die Romane "Montgomery" (2003), "Apostoloff" (2009) und "Blumenberg" (2011) folgten. Unter anderem erhielt sie den Preis der Leipziger Buchmesse, den Kleist-Preis und 2013 den Georg-Büchner-Preis.

vks/dpa