Beziehungsstudie "Kuss" Er Versorger, sie Hausfrau - das macht beiden Angst

Der Abgrund im Vororthäuschen: Simone Meier seziert in ihrem neuem Roman die Macht von Geschlechterrollen - und zieht den Leser auf einen schmalen Grat zwischen Wahn und Wirklichkeit.
Gemütliche Entfremdung (Symbolbild)

Gemütliche Entfremdung (Symbolbild)

Foto: Getty Images/ fStop

Beziehungsstatus? "Kompliziert". So steht es oft in sozialen Netzwerken. Das ist wie ein "Reserviert"-Stempel in Online-Verkaufsportalen, eine Art Prädikat: Eigentlich schon vom Markt, aber es kann noch ein Gebot abgegeben werden.

Ungefähr so ergeht es Gerda, Mitte 30, gerade mit Mann Yann an den Stadtrand gezogen in ein Einfamilienhaus. Praktischerweise wurde ihr kurz zuvor in der Werbeagentur gekündigt, so bleibt viel Zeit, das Nest einzurichten, Möbel zu schieben, zum Dekorieren, Pflanzen, Streichen. Und wenn Yann abends nach Hause kommt, wäre Gelegenheit, es hübsch gemütlich zu haben auf dem Sofa beim Wein, sich zu erzählen, was der Tag gebracht hat, zur Ruhe zu kommen.

Aber der Mann hat ein schlechtes Gewissen wegen des albernen Rollenbildes: Er der Versorger, sie die Hausfrau - das ist keine Option, das ist ein Klischee, und dem ist man doch längst entwachsen. "Er gab ihr Haus und Geld, sie gab ihm ein Heim und sexuelle Gratifikation. So war das doch gewesen früher, als die Frauen zu Hause blieben, in ihren Vororthäuschen depressive Alkoholikerinnen wurden."

Reigen des Gesehenwerdenwollens

Davor haben beide Angst. Sogar Gerda, die gar keine Anstalten macht, sich wieder um einen Job zu kümmern, aber dennoch befürchtet, Yann könne das finanzielle Ungleichgewicht mit der Zeit genießen. Statt ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen, stürzt sie sich in eine imaginäre Affäre mit Yanns Kollegen Alex, beginnt Wände freizulegen, weil ein fertiges Haus ihr die Aufgabe nähme, und beäugt ihre Nachbarn, allen voran Valerie, um die 50, Journalistin. Die wiederum hat keine Erwartungen an Männer, sie hat schon alles erlebt, und was kommt, wird mitgenommen, sogar der selbstgefällige F., der zwar schon in die Jahre gekommen aber noch immer zu cool für einen langweiligen Vornamen ist.

Autorin Simone Meier

Autorin Simone Meier

Foto: André Wunstorf

Simone Meier spinnt einen Reigen des Begehrens, des Gesehenwerdenwollens, in dem der andere vornehmlich als Projektionsfläche dient und die Realität zunehmend entgleitet. Auch der Leser weiß mit der Zeit nicht mehr, wo Fantasie anfängt und Wirklichkeit aufhört, zu schmal ist der Grat.

Die Schweizerin hat ganz offensichtlich Spaß am Sezieren, lässt Fassaden bröckeln und reißt mit Lust Fundamente ein. Sie hüpft erzählerisch von einem zum anderen, von Mann zu Frau, von Sehnsucht zu Obsession, von Bewunderung zu Neid - als würde sie jeden ihrer Protagonisten einmal heftig schütteln und fragen, was ihn eigentlich so ruiniert hat.

Theoretisch sind die Grenzen offen, praktisch kaum zu überwinden

Meier lässt die Figuren in einen Strudel geraten von ungleichen und falsch wahrgenommenen Machtverhältnissen. Das beschreibt sie so lakonisch, als würde sie eine Auswanderersendung im Privatfernsehen kommentieren, in der Menschen, ohne die Sprache zu beherrschen, in ein fremdes Land ziehen, um ihr Glück zu finden, das nur darin besteht, dass die Sonne wärmer scheint. Und auch da weiß man, dass es eigentlich nur scheitern kann, und wartet auf die sehr geringe Chance, dass der Beweis zur Existenz von Wunder und Schicksal live erbracht wird.

Mit der globalen Welt ist es nicht anders als mit den sich auflösenden Geschlechterrollen: Theoretisch sind die Grenzen offen, praktisch kaum zu überwinden. Wir können zu Hause am Esstisch via Internet sehen, wo sich der andere befindet, sein Leben scheinbar von Weitem begleiten und einordnen, ohne wirklich Kontakt zu haben. Die Möglichkeiten sind da, sie werden nur falsch genutzt und geben so das trügerische Gefühl, dass der andere Mensch Teil des eigenen Lebens ist - in "Kuss" hat dieses Gefühl fatale Folgen.

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Simone Meier

Kuss: Roman

Verlag: Kein & Aber
Seitenzahl: 256
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30.01.2023 13.42 Uhr

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In ihrem Vorgängerroman "Fleisch" hat die Autorin eine tragische männliche Liebe geschildert, diesmal stehen die Frauen im Mittelpunkt, allen voran Gerda. Traurig sind die Geschichten beide. Das Lesen hingegen macht Spaß, Simone Meier spielt mit Worten und Vorstellungen, schickt die Gedanken auf die Achterbahn und schafft eine feinstschleifpapiergeformte Atmosphäre, die schon von Beginn an gewaltig knistert.

"Kuss" hat mehr Tempo als der Vorgänger, schlingert zwischen Psychogramm und Gesellschaftspanorama, und nach dem letzten Satz möchte man ganz dringend die Menschen, die einem am Herzen liegen, fest drücken und mit ihnen reden, reden, reden. Von Gesicht zu Gesicht, mit Festhalten am besten, um sicher zu sein, dass es das wahre Leben ist und nicht die Vorstellung davon.

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