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16. Dezember 2005, 17:53 Uhr

Skandal-Prozess in Istanbul

Prügel für Pamuk

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul

Hasstiraden und Handgemenge auf dem Gerichtsflur: Der erste Tag des Prozesses gegen Orhan Pamuk geriet zum Eklat. Türkische Nationalisten griffen den Schriftsteller tätlich an. Der Prozess wurde sofort nach seinem Beginn vertagt. Ob er wieder aufgenommen wird, ist fraglich.

Istanbul - Die größten Gegner eines Beitritts der Türkei in die Europäische Union leben offenbar in der Türkei. Der Umgang mit dem preisgekrönten türkischen Dichter Orhan Pamuk, der heute in Istanbul vor Gericht gestellt wurde, vermittelt jedenfalls diesen Eindruck.

Zuerst weigerte sich der Justizminister, rechtzeitig eine Entscheidung über eine Einstellung des Verfahrens gegen den weltweit renommierten Schriftsteller Orhan Pamuk zu treffen. Und dann versäumte es die Polizei, Pamuk vor fanatischen Nationalisten und Faschisten zu schützen, von denen er zunächst im Gerichtssaal und dann beim Verlassen des Gerichts tätlich angegriffen wurde. Prügel für Pamuk im Beisein der Weltpresse - schlimmer konnte es für die Regierung Erdogan kaum kommen, die den Eintritt in die EU in Brüssel betreibt.

Schriftsteller Pamuk: Hasstiraden im Gerichtsflur
REUTERS

Schriftsteller Pamuk: Hasstiraden im Gerichtsflur

Eigentlich, so Orhan Pamuk noch am Abend vor dem Prozess gegenüber Journalisten, hätte die Anklage längst verworfen und der Prozess erst gar nicht zugelassen werden dürfen. Tatsächlich hatte auch das Gericht bereits Tage zuvor Justizminister Cemil Cicek mitgeteilt, dass nach seiner Auffassung der Prozess nur mit einer Anordnung des Ministers stattfinden könnte. Für die Regierung Erdogan, die von der EU-Kommission, dem Europäischen Parlament und prominenten Autoren weltweit seit Wochen gedrängt wird, die "Schande eines Prozesses" gegen den geachteten Autor nicht zuzulassen, also eine goldene Gelegenheit, sich endlich des peinlichen Vorgangs zu entledigen.

Doch es kam anders. Statt rechtzeitig mitgeteilt zu bekommen, dass das Verfahren doch noch eingestellt worden ist, musste Orhan Pamuk heute Vormittag den Gang zum Gericht tatsächlich antreten. Dort erwartete ihn zwar eine ganze Schar prominenter Freunde und Vertrauter, unter ihnen der schwer kranke Schriftsteller Yasar Kemal, aber eben auch jener Teil der Gesellschaft, die ihn abgrundtief hasst, weil er in dem inkriminierten Interview mit dem "Züricher Tagesanzeiger" gesagt hatte, in der Türkei seien eine Million Armenier und 30.000 Kurden umgebracht worden.

Organisierte Nationalisten und Faschisten hatten bereits vor dem Gerichtsgebäude demonstriert, mischten sich dann aber auch unter die Journalisten und anderen Prozessbeobachter in den Gängen des Gerichts. Als Orhan Pamuk im Gerichtsflur erschien, schallten ihm Hasstiraden wie "Verräter, verschwinde aus unserem Land" entgegen, eine Frau schlug ihm ein Aktendossier auf den Kopf.

Die Polizei war zwar zahlreich im Gericht vertreten, griff aber erst ein, als Pamuk bereits geschlagen worden war und sich weitere fanatisierte Nationalisten auf ihn stürzen wollten. Wachsweiß im Gesicht flüchtete Pamuk in ein Anwaltszimmer. Das Chaos im Gericht war allerdings auch durch die unzureichenden Räumlichkeiten bedingt. Noch nie, berichtete ein Gerichtsdiener, haben er in diesen Fluren einen solchen Andrang erlebt wie heute. Normalerweise werden im Bezirksgericht im Istanbuler Stadtteil Sisli Autodiebstähle und Nachbarschaftsstreitereien verhandelt. Entsprechend klein sind die Räume. Der größte Saal, in dem gegen Pamuk verhandelt wurde, fasst gerade einmal 40 Personen - 40 Plätze, um die sich heute mehrere hundert Leute stritten.

So war die Atmosphäre schon allein wegen des Gedränges angespannt. Im Saal selbst war es nicht viel besser als auf dem Flur. Das britische Mitglied des Europarates, Denis MacShane, berichtete nach der Verhandlung, er sei von einem Anwalt der Nebenklage, die sich aus Vertretern einer ultranationalistischen Juristenvereinigung zusammen setzt, mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden. Auch andere Beobachter waren entsetzt über die Aggressivität und den Hass, den diese Anwälte ausstrahlten. "Das waren Faschisten in Anwaltsrobe", sagte der Grüne Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit nach der Verhandlung zu SPIEGEL ONLINE, "so müssen Nazi-Anwälte früher aufgetreten sein".

Das Gericht bestätigte nach einer kurzen Erörterung mit den Anwälten Pamuks und dem Staatsanwalt dann nur noch einmal seine bereits zuvor vertretene Position. Ohne Anweisung des Justizministers könne man nicht verhandeln, und da die Regierung offenbar für eine Entscheidung mehr Zeit brauche, werde der Prozess bis zum 7. Februar ausgesetzt. Zu einer Wiederaufnahme, sagte Cohn-Bendit anschließend, dürfe es aber nicht mehr kommen. "Ministerpräsident Erdogan ist jetzt gefordert. Er muss den Justizminister anweisen, den Prozess einzustellen und vor allem ist die Regierung gefordert, das Strafgesetz so zu ändern, dass Meinungsäußerungen wie die von Orhan Pamuk nicht mehr zu Anklagen führen können."

Denn gerade in der Debatte um die Armenierfrage werden zurzeit in der Türkei etliche Kritiker der offiziellen Linie mit Anklagen überzogen. Allein sechs weitere prominente Publizisten müssen demnächst mit einem Prozess rechnen, weil sie entweder von Völkermord geschrieben haben, oder auch nur, weil sie positiv über das kritische Symposium zur Armenierfrage, dass im September erst nach heftigen Auseinandersetzungen stattfinden konnte, berichtet hatten. Bis heute wird in den großen türkischen Medien eine schuldhafte Verstrickung in die Massaker an den Armeniern in der Endphase des Osmanischen Reiches von den meisten Autoren bestritten.

Trotzdem machte sich heute Mittag in den Fernsehreportagen vom Prozess das allgemeine Entsetzen bereit, vor allem, als man auch noch live miterleben musste, wie Orhan Pamuk beim Verlassen des Gerichts erneut von nationalistischen Demonstranten angegriffen wurde und das Auto, mit dem er abgeholt wurde, mit Eiern und Steinen beworfen wurde.

Wie wenig die türkische Regierung in Ankara begriffen hat, welchen Schaden sie sich mit dem skandalösen Prozess gegen Pamuk eingehandelt hat, demonstrierte Justizminister Cicek unmittelbar danach. Vor laufenden Kameras wollte er nichts Ungewöhnliches am Prozessverlauf gegen den Schriftsteller erkennen. Es sei doch ganz normal, dass das Gericht auf seine Entscheidung warte. Warum er das ganze Spektakel überhaupt zugelassen hat, sagte er nicht.

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