Kriminalroman von Jan Costin Wagner Wenn die Unschuld ermordet wird

Pädophiler Ermittler jagt Kindesmörder: Der Krimiautor Jan Costin Wagner erzählt davon in "Sommer bei Nacht" – nicht um der Sensation willen, sondern um die Abgründe der menschlichen Seelen zu erforschen.
Kreuz und Plüschtiere für ermordete Kinder

Kreuz und Plüschtiere für ermordete Kinder

Foto: Ralf Hirschberger/ picture alliance/ ZB/ dpa

Ein Mann, nachts allein vor dem Bildschirm seines Notebooks. Er schaut zwei nackten Jungs beim Ballspielen zu, stoppt die Aufnahme schnell wieder, onaniert dann. Schuldbewusst. Erleichtert. Weiter geht es erst einmal nicht. Noch nicht.

Der Mann heißt Ben Neven, und er ist Polizist. Verheiratet, Vater einer Tochter. In seinem neuen Fall sucht er nach einem verschwundenen Jungen. Jannis, fünf Jahre alt, wurde am helllichten Tag während eines Schulfests entführt. Niemand hat den Täter gesehen, von ihm gibt es nur die unscharfe Aufnahme einer Überwachungskamera.

Ein Polizist mit pädophilen Neigungen, der einen Pädophilen jagt. Das klingt erst einmal nach dem Stoff für einen spekulativen Thriller. Doch bei Jan Costin Wagner wird etwas ganz anderes daraus. Etwas wesentlich Beunruhigenderes. Denn Wagner interessiert sich nicht für das Sensationelle an dieser Konstellation. In "Sommer bei Nacht" erforscht er die seelischen Abgründe von Menschen, die um Orientierung ringen in einer Welt, die sie zunehmend nicht verstehen.

Bislang siedelte der hessische Schriftsteller Wagner seine Geschichten meist in Finnland an, die sechs Romane seiner vorerst beendeten Reihe um den Kommissar und Seelenforscher Kimmo Joentaa haben aber wenig gemein mit dem typischen auf Effekt geschriebenen Skandinavien-Krimi. Mord und Gewalt sind nur die Grundierung für Bücher, die von ihren schwebenden und entrückten Bildern leben und ihre Faszination daraus entwickeln, dass Wagner genau hinschaut, was ein Verbrecher, was Gewalt mit den Menschen anstellt - Wunden, die sich nicht mehr schließen lassen. Im Grunde sind Wagners Romane, auch "Sommer bei Nacht", Elegien, Nachtstücke in Moll, in denen unermessliche Räume aus Schmerz und Trauer und Verlust durchschritten werden.

"Sommer bei Nacht" basiert auf einem tatsächlichen Entführungsfall, 2015 wurde der vierjährige Flüchtlingsjunge Mohamed entführt und vier Wochen später tot aufgefunden. Und noch während Wagner an seinem Roman schrieb, wurde ein weiterer spektakulärer Fall von Kindesmissbrauch aufgedeckt, jahrelang hatten zwei Männer auf einem Campingplatz im ostwestfälischen Lügde Kinder vergewaltigt. "Dieser Fall kollidierte mit der Fiktion", sagt Wagner auf Nachfrage des SPIEGEL. Er habe aber keinen größeren Einfluss auf die Geschichte gehabt, die schon vorher weitgehend festgelegt war.

Das passt, denn Wagner interessiert sich nicht für Realismus, nicht für die detailgetreue Rekonstruktion der Wirklichkeit, wie sie das aktuell so populäre True-Crime-Genre betreibt. Er betreibt auch keine Spannungsproduktion um jeden Preis – die Täter sind dem Leser von Anfang an bekannt, die Ermittler tappen lange im Dunkeln, die Aufklärung des Falls entspringt eher einem Zufall.

Wagners Erzählen kreist um die zentralen Bilder von bedrohter oder verlorener Unschuld und von Schuld, die Menschen, Männer meist, auf sich laden. Eine Schuld, mit der sie leben müssen und es doch kaum vermögen. "Was bedeutet es, was genau, wenn die Unschuld ermordet wird?", fragt sich einer der Polizisten. Die zentrale Frage des Romans, auf die es keine endgültige Antwort geben kann, auch nicht, nachdem Neven und sein Kollege Christian Sandner die Täter schließlich stellen.

Wagner gehört zu den sprachmächtigsten deutschen Krimischriftstellern, ist ein Meister in der Kunst der Verlangsamung. Obwohl er wie der Österreicher Bernhard Aichner oder der Amerikaner Don Winslow sehr viel lieber Punkt als Komma verwendet, bringt diese extreme Verknappung der Sprache bei Wagner paradoxerweise einen gegenteiligen Effekt mit sich. Nicht um maximale Beschleunigung geht es ihm, sondern im Gegenteil um einen Brennglaseffekt, ein ganz genaues Hinschauen, extreme Präzision.

Oft lässt Wagner seine Figuren gerade gesprochene Sätze im Geiste wiederholen. Als verstünden sie ihre Bedeutung nicht mehr. Sie scheinen dann keinen Sinn mehr zu ergeben oder einen ganz anderen, als hätten sie in einem neuen Kontext ihre Macht verloren, Dinge oder Sachverhalte wirklich zu bezeichnen. Flüchtig werden Gewissheiten und volatil jeder Sinn. Und manchmal fehlen auch die Worte.

Wagner erzählt seinen Roman multiperspektivisch, ist ganz nah dran an seinen Figuren, an den Polizisten, an den Tätern, an den Opfern. Er behält dabei aber jederzeit seinen Sound bei und schafft so Verbindungslinien zwischen ihnen. Als wären sie ihrer Funktion entkleidet und eben nicht Polizisten und Täter und Opfer. Sondern Menschen, mit mehr Ähnlichkeiten als Unterschieden.

Trotzdem werden die einen zu Päderasten und Mördern, und andere bleiben traumatisiert zurück. Es gibt keine Monster, sagt uns Wagner, und das ist das wirklich Erschreckende an "Sommer bei Nacht".