Soziologin Illouz "Macht euren Kinderwunsch nicht von Liebe abhängig!"

Soziologin Eva Illouz: "Jede Form von rücksichtslosem Verhalten ist erlaubt"
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Soziologin Eva Illouz: "Jede Form von rücksichtslosem Verhalten ist erlaubt"

2. Teil: "Leidenschaft ist cool"


SPIEGEL ONLINE: Können Sie das ausführen?

Illouz: Die Idee von Sex, der dem Vergnügen dient und nicht der Reproduktion, war extrem wichtig, sowohl politisch als auch moralisch. Aber wir sind noch einen Schritt weiter gegangen: Sexualität, sexuelle Attraktivität und sexuelle Erfahrung haben Männer und Frauen sehr eindimensional neu definiert. Sie stehen mittlerweile im Zentrum von Beziehungen. Gefühle gelten nur mehr als lästige, hinderliche Randelemente. Ich glaube, dass genau diese Form sexueller Freiheit zu einer neuen emotionalen Herrschaft von Männern über Frauen geführt hat.

SPIEGEL ONLINE: In "Warum Liebe weh tut" haben Sie dafür folgende Erklärung: Die Männer agieren schlicht als emotionale Kapitalisten. Auf den Heiratsmärkten sind bindungswillige Frauen im Übermaß vorhanden - also machen die Männer ihre Bindungswilligkeit zum raren Gut. Das klingt ein bisschen nach dem Standardargument "Männern und Frauen sind eben von Natur aus verschieden".

Illouz: Ich denke, es ist genau andersherum. Die Moderne hat bestimmte Männer hervorgebracht - und wir ziehen nun Erklärungsmuster aus der Biologie heran, um das zu rechtfertigen. Dabei gibt es genug historische Beispiele für andere Formen von Männlichkeit. Im 19. Jahrhundert etwa war sie wesentlich durch Leidenschaft und den Willen zur Bindung definiert. Selbst wenn es eine Biologie der Geschlechter gäbe, könnte sie durch soziale Normen verändert werden. Genau diese Normen sollten wir diskutieren, nicht eine hypothetische "biologische Natur". Die unterschiedliche Sexualität von Frauen und Männern ist ein Spiegel ihrer sozialen Stellung. Im Ernst, denken Sie darüber nach: Geben Sie den Frauen Macht und Geld, machen Sie sie zu Staatsführern, und lassen Sie die Männer in Konferenzen den Frauen den Kaffee servieren, ihre Kinder aufziehen und das Abendessen machen - dann wären die Männer diejenigen, die sich nach einer gefestigten, monogamen Beziehung sehnen.

SPIEGEL ONLINE: Trotz allem haben Sie die Hoffnung auf "neue Formen leidenschaftlicher Liebe". Am Schluss Ihres Buches klingen Sie, als bräuchten wir dafür eine Art Manifest. Was stünde darin?

Illouz: Das erste Gebot dieses Manifests wäre: Es ist nicht uncool, die eigenen Werte und Grundsätze auch auf die Liebe anzuwenden. Schon bei Platon steht, wie jemand liebt, sei Ausdruck der Größe seines Charakters. Mein zweites Gebot wäre, dass Leidenschaft cool ist - nicht Distanziertheit. Bedürftigkeit gehört zu einer Liebesbeziehung dazu. Drittens ginge es darum, ein anderes Modell von Männlichkeit in den Vordergrund zu schieben.

SPIEGEL ONLINE: An was für ein Modell von Männlichkeit denken Sie da?

Illouz: Eines, bei dem Abhängigkeit, Verletzbarkeit und Leidenschaft zu einem "echten" Mann dazugehören. Eines, in dem wir das Verhältnis von Autonomie und Fürsorge neu formulieren.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit den Frauen?

Illouz: Den Frauen möchte ich sagen: Macht euren Kinderwunsch nicht abhängig vom Wunsch nach romantischer Liebe. Wenn ihr Kinder wollt, bekommt sie allein - oder in einer Gemeinschaft mit anderen Frauen, die ebenfalls Kinder wollen. Oder mit Männern, die Kinder wollen, aber nicht eure Partner sind. Es braucht keine traditionelle Familienstruktur, um Kindern aufzuziehen. Ich glaube wirklich, dass Homosexuelle in vielem die Avantgarde der Gesellschaftsentwicklung bilden, etwa bei der Frage der Trennung von Elternschaft und sexuell-romantischen Beziehungen: Manchmal korrespondieren sie, manchmal nicht. Und wenn sie nicht korrespondieren, sollte man sie getrennt verfolgen. Ich glaube, wir werden in diese Richtung gehen. Wir sollten es.

SPIEGEL ONLINE: Das ist ziemlich radikal.

Illouz: Es ist eine Mischung. Im Grunde bin ich hypermodern und viktorianisch zugleich. Hypermodern, weil ich die Familie nicht als Ideal sehe, das es zu bewahren gilt. Und viktorianisch, weil ich trotzdem auf Werte und Charakter poche. Beim modernen Selbst geht es um Flexibilität. Nur: Wenn man gesellschaftliche Strukturen verändern will, braucht es Leute, die sich festlegen. Verbindlichkeit kann sich erst dann einstellen, wenn es feste Werte gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie scheinen der dauernden Selbstbefragung nicht zu trauen.

Illouz: Wenn wir nach innen schauen, sehen wir oft schlicht ungeheure Unordnung. Schwankende Gefühle, unklares Begehren und Wünsche, die miteinander in Konflikt stehen. Authentizität ist eine terroristische kulturelle Idee. Sie zwingt einen, nach der Quintessenz des eigenen Wesens zu suchen: Aber oft gibt es diese Quintessenz nicht. Gefühle, ebenso wie Menschen, sind Größen, die sich verändern.

SPIEGEL ONLINE: Warum halten wir so unverdrossen an der Idee der romantischen Liebe fest?

Illouz: Es gibt diese tiefe Sehnsucht danach, dass jemand die Einzigartigkeit unserer Existenz anerkennt. Und die Idee der Liebe ist auch deshalb so kostbar für uns, weil sie nicht eigennützig ist. Sie ist absichtslos, und genau das macht die Schönheit der Liebe aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind gegen jede Berechnung.

Illouz: Ich bin ganz für Vernunft, aber ganz gegen Berechnung. Leidenschaft darf nicht von der Vernunft getrennt sein. Es ist grundfalsch, jemanden zu lieben, der einen nicht zurückliebt. Das Herz sollte keine Fehler machen.

Das Interview führte Katrin Kruse



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