DER SPIEGEL

SPIEGEL Bestseller – Mehr Lesen mit Elke Heidenreich »Man irrt sich die ganze Zeit«

Diese Woche geht es um Entscheidungen: Die mussten sowohl die Deutschen 1848 treffen als auch Alma, die für die französische Terrorabwehr arbeitet im neuen Roman »Diese eine Entscheidung« von Karine Tuil.

Elke Heidenreich, Autorin und Buchkritikerin

Die Französische Revolution, sie erinnern sich 1789. Die Franzosen kämpften für bürgerliche Rechte »Liberté, Égalité, Fraternité- Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.« Aber sie mussten noch lange warten, bis sie das alles wirklich kriegten. 1848 erst jagten sie den letzten König Louis-Philippe davon.

Und 1848 dachten dann auch die Deutschen, es wäre Zeit, mal eine Revolution zu machen. Deutschland war völlig zersplittert in lauter einzelne Fürstenstaaten, Fürstentümer. Und man wollte ein geeintes Deutschland. Der Deutsche Bund kämpfte dafür gegen Fürstenwillkür und Polizeiwillkür. Und es wurde eine Revolution angezettelt. Und davon handelt dieses wunderbare Buch »Die Flamme der Freiheit« von Jörg Bong.

Dicker, fetter Schinken, jetzt gerade bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Das ist ein Geschichtsbuch natürlich, über die Revolution 48 49 und ich lese eigentlich nicht so gerne Geschichtsbücher. Aber wie Jörg Bong das hier beschreibt, das ist einfach großartig. Jörg Bong war früher Fischer-Verleger. Er ist ein Tausendsassa, sehr witzig, hochgebildet, gescheit und übrigens auch Krimiautor. Und im Grunde hat er dieses hier geschrieben wie ein Krimi. Ich kann jetzt nicht beurteilen, ob alle historischen Fakten stimmen, aber davon gehe ich bei einem Mann wie Jörg Bong bei einem Verlag wie Kiepenheuer auch aus, dass die stimmen. Ich kann nur sagen als Leser, das liest sich weg wie nichts.

Warum ist diese Revolution so grauenhaft gescheitert in Deutschland? Weil sie alle untereinander zerstritten waren. Also die beiden Protagonisten, die berühmten, waren Friedrich Hecker und Georg Herwegh. Georg Herwegh, damals gehandelt als Dichter, der war eine Art Popstar der Dichtung. Und er hatte vor allem diese berühmte Frau Emma Herwegh. Die ritt als einzige Frau, hoch zu Ross, mit Revolver in der Hand, mit. Und von den Herweghs sind diese wunderbaren Zeilen »Wir haben lang genug geliebt, wir wollen endlich hassen.« Sie wollten gar nicht hassen, sie wollten auch in Deutschland eben Grundrechte durchsetzen. Und warum das nicht klappt, das beschreibt Jörg Bong in diesem sehr spannend zu lesen im Buch. Das liest sich wirklich wie ein Roman, das beschreibt er gescheit, abwechslungsreich, sehr spannend und das ist toll zu lesen und erinnert uns auch wieder einmal dran, was die Demokratie bedeutet, die wir so oft vergessen und unter welchen Qualen, Hoffnungen und Schmerzen sie überhaupt zu uns gekommen ist. »Die Flamme der Freiheit« von Jörg Bong.

Dann habe ich noch ein Buch, das ist eigentlich ein richtiger Schmöker und schöner Roman, aber im Grunde auch sehr politisch. Karine Tuil »Diese eine Entscheidung«, bei dtv erschienen. Und diese Karine Tuil ist eine ganz tolle Autorin, von der habe ich schon mehr gelesen, die kann schreiben, die kann erzählen und sie hat hier auch eine gute Geschichte.

Es ist die Geschichte einer Frau namens Alma. Die arbeitet im französischen Justizpalast, und zwar in der Terrorabwehr. Das Buch spielt 2017. 2015 waren die großen Terroranschläge mit den vielen Todesopfern an mehreren Orten in Paris. Und sie hat jetzt die Aufgabe, junge, verdächtige Männer, die dem IS nahestehen oder vermutlich nahestehen, gründlich zu verhören. Und da hat sie einen, der heißt Abdel Jalil Kassem. Den nimmt sie sich ganz genau vor, denn der war nun gerade in Syrien und kommt zurück und ist wirklich in dem Verdacht, ein ISler zu sein - Islamischer-Staat-Anhänger. Und er erzählt ihr nun aber weinend und händeringend, nein, das sei nicht so, er sei naiv, die hätten ihm ein schöneres Leben angeboten, er hätte das ausgeschlagen. Er hätte dann gemerkt, dass er in eine Falle gegangen sei. Er sei über die Türkei zurückgekehrt nach Paris, und er habe noch eine junge Frau. Die sei schwanger, und er wolle sich hier ein neues Leben aufbauen. Und er fleht sie an, und sie verhört ihn Tag für Tag. Und am Ende sagt sie ist unverdächtig, wir lassen ihn frei.

Und gleichzeitig wird erzählt... ihr Privatleben, das geht immer mehr in die Brüche. Ihr Mann hat jüdische Wurzeln, über die er sein ganzes Leben lang nicht nachgedacht hat. Und nun entwickelt er sich langsam zu einer Art orthodoxen Juden. Ihre beiden Kinder sind ihr entfremdet, weil sie sowieso eigentlich immer nur arbeitet. Und nun fängt sie auch noch eine Affäre an, noch dazu mit dem Anwalt, der Abdel Jalil Kassem verteidigt. Das geht alles gar nicht. Und ich kann Ihnen sagen, es geht am Ende auch schief. Aber ich sage natürlich nicht genau wie, soll ja spannend bleiben. Aber vorne drin steht ein Zitat von Macbeth Shakespeare, hat wieder alles gewusst: »Denn wie ihr wisst, war Sicherheit des Menschen Erbfeind jederzeit.«

Und ich möchte in ein kleines Stück aus diesem sehr beeindruckenden Roman hinten vorlesen: »Man erwartet so viel vom Leben. Man kann sich dem Zufall anheimstellen, die eigene Freiheit behaupten und sich gegen ihre tragischen Wechselfälle wehren. Man kann von der Bedingtheit der Existenz gebeugt werden oder versuchen, sich selbst zu entkommen. Aber gerade unter widrigen Umständen tritt die Wahrheit zu Tage. Denn Leben ist nichts anderes, als im Wetterleuchten der Gegensätze hin und her zu schwingen. Liebe und Enttäuschung. Hoffnung und Verzicht. Glück und Schicksalsschläge. Man irrt sich. Man irrt sich die ganze Zeit. Wo ist die Wahrheit? Wo ist die Lüge? Was immer man tut, jedes Individuum bleibt den anderen und sich selbst ein Rätsel. Wir wissen nie, mit wem wir es zu tun haben.« Karin Tuil »Diese eine Entscheidung« und diese eine Entscheidung war falsch, wie viele andere Entscheidungen im Leben auch. Ein hochspannendes, fast schmökerhaftes und doch sehr politisches Buch, wie wir es genau in dieser Zeit jetzt brauchen. Und jetzt gucken wir, was die Bestsellerliste vorschlägt, was wir lesen sollen. Und dann entscheiden Sie selbst. Und in zwei Wochen sage ich Ihnen wieder, wo es langgeht.

Nach einem kurzen Abstecher in die Top Twenty ist Mariana Leky wieder zurück in den Top Ten: »Kummer aller Art« begann als Kolumnensammlung in der Zeitschrift »Psychologie heute« und versüßt jetzt in Buchform den Leseherbst derjenigen, die sich auch an eher melancholischen oder gar traurigen Geschichten erfreuen können.

Ingrid Noll lädt zur »Tea Time«. Ob Sie die Einladung annehmen, sollten Sie sich allerdings gut überlegen, vor allem, wenn Sie ein Mann sind. Denn die Bestsellerautorin aus Weinheim ist berühmt dafür, dass ihre Protagonistinnen sich auf skrupellose Weise ihrer Ehemänner entledigen. Auch in ihrem neuen Krimi treffen sich vier Frauen und gründen den Club der Spinnerinnen. Spinnerinnen deswegen, da jede einzelne eine ganz eigene Macke hat. Was sich die vier Damen in dieser illustren Runde ausdenken und wer das nicht überlebt, erzählt die Autorin in »Tea Time« diese Woche auf Platz neun.

Ferdinand von Schirachs Geschichten handeln oft von der Flüchtigkeit des Glücks. Dieses steht allerdings im Gegensatz zur Stetigkeit des Erfolgs, den von Schirach beim Publikum hat. Die Beobachtungen, Begegnungen und Ortsbesuche des Strafverteidigers, der sich im Nebenberuf als Bestsellerautor verdingt, ziehen auch diese Woche wieder das Publikum in ihren Bann. »Nachmittage« – diese Woche auf Platz acht.

Kim de l`Horizon hat einen der interessantesten Romane des Jahres geschrieben. Das sah auch die Jury so und zeichnete »Blutbuch« mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis aus. Kim de l`Horizon, erzählt, wie es sich anfühlt, sich weder als Mann noch als Frau zu identifizieren und vor allem vom Weg dorthin, das auch so zu benennen.

Einen Platz runter auf die sechs geht es diese Woche für Charlotte Link und ihren aktuellen Krimi »Einsame Nacht«. Vielleicht hätte dieser Mord verhindert werden können, wenn die Beobachterin der verstörenden Szene auf einer winterlichen Landstraße sich bei der Polizei gemeldet hätte. Dann wäre das Buch allerdings auch früher zu Ende gewesen und die riesige Zahl der Charlotte-Link-Fans hätte keinen weiteren Psychokrimi gehabt, über den sie sich ein weiteres Mal Seite für Seite freuen können.

Nur langsam verlässt Bonnie Garmus die vorderen Plätze dieser Liste. Die Geschichte um die kluge Chemikerin Elizabeth Scott, die sich im Amerika der Sechzigerjahre in einer TV-Kochshow wiederfindet und sich von dort aus mit Witz und Charme dem Patriarchat entgegenstellt, hält sich wacker. »Eine Frage der Chemie« – diese Woche auf Platz fünf.

Neues von Kommissar Rath und Charlotte Rath, geborene Ritter. Wenn Sie vielleicht gerade die kürzlich angelaufene vierte Staffel von »Babylon Berlin« schauen, dann dürften Sie die Einzelheiten von Volker Kutschers neunten Gereon-Rath-Roman etwas überfordern und außerdem einiges vorwegnehmen. Es ist 1937, und langsam wird es für Familie Rath ungemütlich in Berlin. Der Untergetauchte und von den Behörden für totgehaltene Rath besteigt einen Zeppelin und macht sich über den großen Teich nach Amerika. »Transatlantik« ist die Fortsetzung der Saga, welche die Grundlage für die »Erfolgsserie Babylon Berlin« bildet. Und ein Ende scheint nicht in Sicht.

Lily, Ryle und Atlas – drei Namen, drei Perspektiven, eine Liebesgeschichte. Der erste vor vier Jahren erschienene Roman stürmte bereits die Bestsellerlisten und erzählte von der Beziehung zwischen Lily und Ryle. Doch bevor Ryle in Lilys Leben trat, gab es Atlas und dessen Perspektive lernen wir in »It starts with us – Nur noch einmal und für immer« kennen. Auch dieser Teil stieg vor drei Wochen auf der eins ein. Die New Yorkerin weiß einfach, wie es geht. Ob es auch eine dritte Perspektive geben wird und vielleicht diese es auch ganz nach oben schafft? Wir werden sehen. Wir sind erst mal intensiv mit Teil zwei beschäftigt.

Für die einen ein Traum, für andere eventuell nichts mehr als Alltag und Probleme, die das Familienleben mitunter mit sich bringt. Das Leben auf einer kleinen Nordseeinsel ist für Familie Sander seit 300 Jahren Realität und von Eintönigkeit und Ängsten geprägt. Und trotzdem geht es in Dörte Hansens Roman um die Sehnsuchtsorte Meer und Insel und das, was jeder und jede dort zu finden hofft. In Hansens tiefgründigen Familienroman können sich offensichtlich viele wiederfinden. Das zeigt auch die nach wie vor gute Platzierung – letzte Woche zwei, genauso wie diese Woche.

Sebastian Fitzek ist nach gar nicht allzu langer Pause zurück mit einer weiteren verzwickten Kriminalgeschichte. Die Mimik- und Resonanzexpertin Hanna Herbst leidet nach einer OP unter Gedächtnisverlust, als sie mit einem brutalen Fall konfrontiert wird. Sie soll anhand eines Videos eine flüchtige Mörderin analysieren. Das Problem: Die Frau in dem Video ist Hannah, selbst! »Mimik« – letzte Woche auf Platz eins eingestiegen und diese Woche ebenfalls auf der eins.

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