SPIEGEL-Bestsellerliste Wie ein Einhorn auf der Autobahn

Weiche nicht, exotisches Wesen: Mit Jan Wagners "Regentonnenvariationen" steht ein Gedichtband in der SPIEGEL-Bestsellerliste auf Platz fünf. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen?
Jan Wagner: Pausenbrot in einer Südhalbkugel verlegt

Jan Wagner: Pausenbrot in einer Südhalbkugel verlegt

Foto: Villa Massimo/ Alberto Novelli

An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal Jan Wagners Gedichtband "Regentonnenvariationen".

Keller: Regelmäßig wird ja behauptet, auf der Bestsellerliste stünde nur Schund und Trivialliteratur. Und nun - siehe da - hat es ein Gedichtband auf Platz fünf geschafft. Können alle, die sich stets um den Massengeschmack sorgen, jetzt ein für allemal beruhigt aufatmen?

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Hammelehle: Ich war gerade im 10. Stock und habe im SPIEGEL-Archiv nachgeschaut. Als Durs Grünbein 1995 den Büchnerpreis bekam, hat er es nicht auf die Bestsellerliste geschafft. Robert Gernhardts letzter Lyrikband kam 2006 bis auf Platz zehn, Tomas Tranströmers "Gesammelte Gedichte" nach dem Nobelpreis im Jahr 2011 bis auf Platz 17. Insofern sind Jan Wagners "Regentonnenvariationen" auf Platz fünf so exotisch wie ein Einhorn auf der Autobahn.

Keller: Mal abgesehen vom Werbeeffekt, der mit dem Preis der Leipziger Buchmesse einhergeht - wie erklärt sich dieses Bestseller-Wunder? Liegt es an den Vorgarten-Themen? Dem raffinierten Spiel mit den lyrischen Formen, für das Wagner gelobt wird? Oder waren Gedichte über Koalas ganz einfach überfällig?

Hammelehle: Du kannst dir vorstellen, dass ich angesichts des Titels "Regentonnenvariationen" bereit stand, den "Landlust"-Vorwurf zu erheben. Auch habe ich mich wochenlang schwer getan, Wagners Gedichten irgendetwas abzugewinnen und mich über Georg Diez' Kolumne zum Leipziger Preis gefreut. Aber: Als ich dann endlich Ruhe und die entsprechende Konzentration gefunden hatte, war ich doch angetan von Wagners Lyrik. Sie ist spröde, spricht die Leser emotional nur sehr zurückhaltend an. Unser Social-Media-Redakteur, dem ich das Buch geliehen hatte, hat mich begeistert auf den "Versuch über Mücken" hingewiesen: "Als hätten sich alle Buchstaben auf einmal aus der Zeitung gelöst und stünden als Schwarm in der Luft."  Solche Beobachtungen und Sprachbilder machen einen Gutteil des Reizes von Wagners Gedichten aus.

Keller: Das ist unwidersprochen reizend. Meine Lieblingsstelle ist der Anfang des Gedichts "Aus der Globusmanufaktur": "Einmal verlegte ich mein Pausenbrot in einer Südhalbkugel, die noch einzeln und offen war." An solchen Stellen finde ich die Gedichte auch gar nicht spröde, sondern ziemlich lustig und zugänglich.

Hammelehle: Ja. Insofern hätte er das Vorgarten-Thema und ein "Giersch" betiteltes Gedicht gar nicht gebraucht.

Keller: Die Kritik an Wagners Gedichten richtet sich gegen ihre Gegenwartsscheu. Das Provokanteste an ihnen ist also ausgerechnet ihre Harmlosigkeit. Wer sich fragt: "Und das soll ich lesen?", fragt sich also eigentlich, womit sich Literatur beschäftigen soll, oder? Mit dem Kleinen - dem Unkraut, den Servietten, den Eseln, den Mücken - oder den großen politischen Fragen.

Hammelehle: Ich finde Wagners Gedichte nicht allesamt harmlos. Die großen Fragen, wenn auch weniger die politischen, sind Thema. Mitunter fein versponnen, wie in "Laken", einem Gedicht über den Tod des Großvaters: "Ich entdeckte ihn ein Jahr später, als wir die Betten bezogen, zur Wespe verschrumpelt, winziger Pharao eines längst vergangenen Sommers", heißt es da über die Bettwäsche des Sterbebetts, die in der Familie weiter in Gebrauch war. Ähnlich ist das Todesmotiv in "Aus dem nordschwedischen Winter". Über den britischen Lyriker Simon Armitage, dem er das Gedicht gewidmet hat, schreibt Wagner übrigens sehr schön in "Die Sandale des Propheten", einem Band mit seinen Aufsätzen über andere Dichter, der trotz seines dämlichen Titels empfehlenswert ist. Wagner ist ein gebildeter, gut vernetzter Autor, der sich häufig auf andere Dichter bezieht - und den Leipziger Preis wahrscheinlich stellvertretend für eine ganze Generation bekommen hat.

Keller: Ist dieses Buch das richtige, um es stellvertretend für die Lyrik einer ganzen Generation zu lesen? Die Verkaufszahlen legen nahe, dass ziemlich viele Leser das gerade tun.

Hammelehle: Ich finde Wagner ja nicht interessant, weil er den Preis bekommen hat - sondern obwohl er ihn bekommen hat. Der Lyriker als Vertreter, das ist mir ein bisschen zu prosaisch.

Maren Keller ist Redakteurin beim KulturSpiegel. Sie hätte ohne Jan Wagners Gedichte nichts über die Pflanze Giersch gewusst. Auf ihrem Balkon pflanzt sie lieber Waldmeister. Der wuchert ebenfalls, schmeckt aber besser.

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Im Spätsommer gehen ihm Gottfried Benns "Astern"  durch den Kopf.

Vergangene Woche in Und das soll ich lesen: Dörte Hansens "Altes Land".

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Jan Wagner:
Regentonnenvariationen

Gedichte

Hanser Berlin;
112 Seiten; 15,90 Euro.

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