Spionageromane Kennedy-Absturz als Agententhriller

Die Mailänder Schriftstellerin Liaty Pisani schreibt ihre Spionageromane stets vor aktuellen politischen Hintergründen. In "Schweigen ist Silber" gerät ihr Agent Ogden in den Kampf der amerikanischen Lobbyisten um die Präsidentschaftskandidaten.

Von Bettina Koch


Ogden, der Spion, flüchtet auf die kleine Kykladeninsel Tinos, um sich dort auf sein Leben als Privatier vorzubereiten. Der Agent will wieder mal aussteigen, zermürbt vom Zwang zur Gefühl- und Bindungslosigkeit seines Berufes. Erst einige Tage ist er außer Dienst, als er einem Urlaubsbekannten zu Hilfe kommen muss. Der hat vom Flugzeugabsturz seines Freundes George Kenneally erfahren und vermutet mit guten Argumenten Mord. Kenneally wollte US-Präsident werden und hatte mächtige Feinde in der Rüstungslobby. Die sind jetzt hinter Ogdens Bekanntem her, damit der seinen Verdacht nicht ausplaudert. Der melancholische Kurzzeit-Ex-Spion Ogden ist einmal mehr statt dem Arbeitgeber seine Freundin los, und am Ende steht die Frage: Wie weit gehen die politischen Machenschaften der global Mächtigen?

Die Spionageromane der Mailänderin Liaty Pisani leben von ihren politischen Hintergründen. In ihrem letzten Agenten-Thriller ging es um das jüdische Vermögen auf den Konten Schweizer Banken ("Der Spion und der Bankier"). Davor beschäftigte sich ihr Agent Ogden mit dem ungeklärtem Absturz einer Alitalia-Maschine 1980 nahe der sizilianischen Insel Ustica ("Der Spion und der Dichter"). In Italien ist der Roman bis heute nicht erschienen.

Für den vierten Ogden-Band "Schweigen ist Silber" wartete die 50-Jährige nicht, bis Verschwörungstheorien rankten. Thema ist der Tod von John F. Kennedy Jr. In der öffentlichen Meinung ist der Absturz der Unfall eines mangelhaft ausgebildeten Piloten - nach der Lektüre diese Buches ist man sich da nicht mehr so sicher. Die Autorin recherchierte im Internet und fand Material, das Tage später wieder verschwunden war. Sie sammelte Wetterberichte, die schönsten Sonnenschein am Unfallabend meldeten, während in den Nachrichten später von Gewitter die Rede sein sollte. Nur eine der Ungereimtheiten, mit denen Pisani gern ihre Leser zum Nachdenken zwingt. Denn ständig erinnert sie mit ihrer Beschreibung der Geheimdienst-Aktivitäten daran, wie leicht Wirklichkeit zu inszenieren ist. Was Neil Postman in seinem medienkritischen Klassiker "Wir amüsieren uns zu Tode" anprangert, bringt sie als Krimi an den Leser: Desinformation ist in der Mediengesellschaft ein tägliches Geschäft. Eine einzige CNN-Meldung verbreitet sich binnen Stunden auf der ganzen Welt und bestätigt sich dadurch selbst.

Auch ohne ihre aktuellen Hintergründe wären die Ogden-Romane lesenswert. Mit ihrem Agenten befördert Pisani das Genre des Spionageromans ins dritte Jahrtausend. Der Misanthrop Ogden schleppt einen unverarbeiteten Eltern-Konflikt mit sich herum, ist misstrauisch, will von Buch zu Buch dringender aus seinem Job aussteigen, weil der ihn an seinem Privatleben hindert. Er kommt bei jedem seiner Fälle mit anderen Lebensentwürfen, mit Esoterik und Spiritualität in Kontakt, und bleibt doch in seinen ungeliebten Strukturen hängen. Damit gleicht er wohl einem Großteil der Bewohner Europas.

Liaty Pisani: "Schweigen ist Silber. Ogden und der Schauspieler", Diogenes, 350 Seiten, 39,90 Mark

Liaty Pisani auf Lesereise in Deutschland:
München, Italienisches Kulturinstitut, 20.11., 19 Uhr;
Hamburg, Italienisches Kulturinstitut, 22.11., 19 Uhr;
Kiel, Italienisches Kulturzentrum, 23.11., 20 Uhr;
Braunschweig, Technische Universität, 27.11., 19.30 Uhr;
Saarbrücken, Inter@ctives Café, 29.11., 20 Uhr;
Stuttgart, Italienisches Kulturinstitut, 30.11., 19.30 Uhr.



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