Sasa Stanisic "Handke vermiest mir den eigenen Buchpreis"

Sasa Stanisic hat seine Rede bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises für wütende Kritik am Nobelpreis für Peter Handke genutzt. Dessen Wirklichkeit bestehe "nur noch aus Lügen".
Sasa Stanisic: Empört über Literaturnobelpreis

Sasa Stanisic: Empört über Literaturnobelpreis

Foto: Thomas Lohnes/ Getty Images

Als Buchpreis-Gewinner Sasa Stanisic sich am Montagabend im Kaisersaal des Frankfurter Römer zu seiner Dankesrede erhob, fiel es ihm schwer, zu sprechen. Das lag unter anderem an einer Infektion - aber auch an seiner Wut über eine Entscheidung aus Stockholm in der vergangenen Woche: Dem Literaturnobelpreis für den österreichischen Schriftsteller Peter Handke. Diese Vergabe habe ihm die Freude über seinen eigenen Preis vermiest, sagte der 41-Jährige.

"Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat." Er könne nicht nachvollziehen, "dass man sich die Wirklichkeit, mit der man behauptet, Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, so zurechtlegt, dass dort nur Lüge besteht." Das sei nicht die Aufgabe von Literatur. (Lesen Sie hier die Rede im Wortlaut ).

Er nehme den Buchpreis für seinen Roman "Herkunft" (Luchterhand - lesen Sie hier ein Autorenporträt ) entgegen als Vertreter einer anderen Literatur, "einer Literatur, die nicht zynisch ist, nicht verlogen und die uns Leser nicht für dumm verkaufen will, indem sie das Poetische in Lüge verkleidet".

"Handke erwähnt die Opfer nicht"

Stanisic stammt aus Bosnien, Handke hatte in den Neunzigerjahren für Serbien Partei ergriffen. "Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt", sagt der Autor, der 1992 nach Deutschland floh.

Handkes Texte machten ihn wütend, weil dieser "die Lüge oder die Verklärung der Wirklichkeit ins Erzählen bringt. In denen er vorgibt, die Wahrheit nicht zu kennen, um dann eine Unwahrheit aufzutischen. In denen er gegen Tatsachen erfindet, aber die Erfindung als Tatsache hinstellt", schrieb Stanisic auf Twitter. Handke verstecke sich "hinter der Freiheit, alles erzählen zu dürfen, weil alles Poesie und alles Ambivalenz und alles Autor sein darf".

Während des Bosnienkrieges hatten in Stanisic' Heimatstadt Visegrad serbische Milizen Massaker an Zivilisten verübt, es gab ethnische Säuberungen, Vertreibungen und Vergewaltigungen. Stanisic hat in seinem Debüt "Wie der Soldat das Grammofon repariert" diesen Krieg literarisch verarbeitet.

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Auch Peter Handke schrieb einen Text über Visegrad, auf den Stanisic in seiner Buchpreis-Rede einging, weil Handke darin Verbrechen relativiere: "In seinem Text (...) beschreibt Handke unter anderem Milizen, die barfuß nicht die Verbrechen begangen haben können, die sie begangen haben. Diese Milizen und ihr Milizenanführer, der Milan Lukic heißt und lebenslang hinter Gittern sitzt, wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, erwähnt er nicht. Er erwähnt die Opfer nicht. Er sagt, dass es unmöglich ist, dass diese Verbrechen geschehen konnten. Sie sind aber geschehen. Mich erschüttert so was, dass so was prämiert wird."

Anmerkung: In einer früheren Fassung dieses Artikels war die Passage über barfüßige Milizen als Zitat Peter Handkes markiert, es handelt sich jedoch um eine Paraphrase Sasa Stanisics. Wir haben die Textstelle entsprechend korrigiert.

cpa/dpa